Menschenschlangen wälzen sich über den Bieberer Berg. Man könnte meinen, dies sei eine Essensausgabe irgendwo im Osten. Doch hier werden keine Bananen verteilt, die Leute sehen gut genährt aus. Sie wollen die Spieler aus dem Land der Bananen sehen. Brasiliens Nationalmannschaft wird am Donnerstag in Offenbach trainieren. Heute gab es die heiß begehrten Eintrittskarten.
Schon der Weg auf den Bieberer Berg ist schwer und lang. Natürlich hatte ich den Wecker überhört und war viel zu spät aufgestanden. Im Auto warnt schon der Verkehrsservice: „Macht einen Umweg um den Bieberer Berg. Fünf Kilometer Stau, alle Zufahrtsstraßen sind blockiert“. Doch genau da will ich hin. Rettungswagen mit Blaulicht kommen mir entgegen und überall stehen Polizeiwagen. Irgendwie finde ich doch einen Parkplatz. Sogar ganz nah am Stadion.
Um 10 Uhr öffneten die Kassen am Kickers-Stadion, um die kostenlosen Tickets zu verteilen. Schon in der Nacht hatten sich dafür einige hartgesottene Fans angestellt. Inzwischen ist die Schlange auf über einen Kilometer angewachsen. Braungebrannte Frauen mit gelb-grünen Röcken und der brasilianischen Flagge auf der Brust stehen an. Daneben Altrocker in Jeansjacken, auf denen rot-weiße Aufnäher an den „Uffstieg“ erinnern.

Ich laufe an der langen Schlange vorbei, um mir einen Überblick zu verschaffen. Einige Leute haben sich Klappstühle mitgebracht. Das Anstehen wird zum Event. Der Weg ist das Ziel. Da packt mich jemand hart am Ärmel. „Hey, stell dich gefälligst hinten an!“ Ein Mann mit schlechten Zähnen schaut auf mich herunter. – Ich reiße mich los und gehe weiter: „Bin nur Journalist.“

Von den Kassen kann man nur noch das Dach erkennen. Davor drängeln sich die Fans. Nur zwei Kassenhäuschen haben geöffnet. An jeweils zwei Fenstern werden die Eintrittskarten verteilt. Kleine Kinder rennen um den Haufen herum und versuchen zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch zu schlüpfen. Jugendliche telefonieren mit ihren Handys ihre Freunde zusammen. Vom Dach des Kassenhäuschens macht gerade ein Fotograf Bilder für die morgige Tageszeitung. Zwei ältere Herren, einer von ihnen hat einen Fußball auf der Jacke, kommen mir entgegen. Sie haben weiße Zettel in der Hand. „Sind das die Karten?“, frage ich. „Ja, eineinhalb Stunden hab ich dafür angestanden!“
Nur noch wenige Karten
Mein Telefon klingelt: Mein Freund Damian hat mich gesehen. „Komm mal zu mir rüber. Ich hab einen guten Platz in der Schlange. Bin direkt neben dem Kamera-Team.“ Tatsächlich, nach ein paar Sekunden hab ich ihn in der Menge entdeckt und zur Kasse sind es nur noch ein paar Meter.
Der alte Mann, der die Karten am Fenster ausgibt, hat nur noch einen kleinen Stapel in der Hand. Das könnte knapp werden. Jeder Fan bekommt 4 Karten ausgehändigt. Vorher hieß es, man bekäme nur zwei. Jetzt scheinen die Veranstalter froh zu sein, wenn sie die Kassen schließen können.
Damian steht vor mir. Über seine Schulter kann ich die Karten sehen. Der Kassenwart murmelt vor sich hin: „ Eins – zwei – drei – vier. Nächster!“ Man sieht Damian die Erleichterung an. Grinsend hält er die weißen Blätter hoch und dreht sie hin und her: „Na also!“
Verkaufen möchte er seine Karten nicht. Auch, wenn die Menschen in der Schlange sicher viel Geld dafür bieten würden. Man bekommt schließlich selten die Gelegenheit, brasilianische Topspieler beim Training zu bewundern.
Heimweg unmöglich

So schnell wird Damian vom Stadion nicht Heim kommen. Die Ausfahrtsstraßen sind weithin blockiert. Die Ticketschlange ragt teilweise bis auf die Straße und reicht um das halbe Stadion. Parkplatzsuchende Fans und der ganz normale Berufsverkehr geben ihr übriges dazu. Auf die Ampel muss man als Fußgänger gar nicht achten, denn der Verkehr bewegt sich sowieso nicht. Zum Glück kenne ich eine Abkürzung.
Infografik: Kein Durchkommen auf dem Bieberer Berg. Von der B448 stauen sich die Autos in Richtung Offenbach auf fünf Kilometern. Der Weg in die Innenstadt aber auch zu den Parkplätzen rund um das Stadion ist blockiert. Die Fußwege sind mit Menschen überfüllt, die noch eine Karte ergattern wollen.

Zuhause angekommen ein Blick ins Internet: bei einem Online-Auktionshaus werden die ersten Eintrittskarten schon für über 60 Euro gehandelt. Vor einer Stunde war der Startpreis ein Euro.
Angst vor dem Höhepunkt: Doch kein Training?
Übrigens ist es unklar, ob das Training der brasilianischen Nationalmannschaft überhaupt stattfinden wird. Gerüchte aus den Organisationsreihen der Veranstaltung erzählen von Kontrolleuren, die gestern bei einer Prüfung die Qualität des Kickers-Rasens bemängelt haben sollen. Die brasilianischen Spieler könnten das Training jederzeit absagen, wenn ihnen der Platz nicht gefällt. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht.
Nach dieser Aufregung sind wir gespannt auf die Weltmeisterschaft. Das Interesse am Fußball ist schon einmal da. Wie die Brasilianer spielen, werden wir am Donnerstag um 16.45 Uhr sehen. Notfalls auch im Fernsehen. Bei aller Begeisterung um die Eintrittskarten: es ist doch nur ein Training!
- Keine Karte bekommen? Es gibt noch ein paar Tickets bei ebay.
- Verkehrte Welt: der Verkehr in Offenbach bricht zusammen. Radioberichte (Nachrichten und Verkehr der Sender FFH und hr3) zum Nachhören.
Essensausgabe im Osten? Boah, ich hoffe derlei Ausdrücke
werden hier nicht zur Gewohnheit. 1 Stern Abzug! ;P