Der 102-jährige Schauspieler Johannes Heesters hat vor Tagen der breiten Fernsehöffentlichkeit gezeigt, welchen Lebensregeln er außer der Liebe seiner jungen Frau Simone Rethel nach seiner Meinung seine große Vitalität im hohen Alter verdankt. Seine Gewohnheit, jeden Morgen eine Schale mit gewärmtem Rohkost-Müsli zu verzehren, verdient ganz besondere Aufmerksamkeit. Denn bei richtiger Würdigung scheint er auf diese Weise tagtäglich für die Herstellung eines soliden Vorrats an körpereigenem zerebralem Serotonin zu sorgen.
Das Neurohormon Serotonin, auch das Wohlfühlhormon genannt, hat im zentralnervösen System eine Fülle von Aufgaben wie keine andere Steuersubstanz im menschlichen Körper. Es ist das Funktionshormon, das bei allem Denken, Fühlen, Vorstellen und Erinnern involviert ist.
Serotonin zügelt Stresshormone
Es ist aber auch maßgeblich beteiligt an der Kontrolle des Essverhaltens, des Wach- und Schlafrhythmus, des Temperatur- und Schmerzempfindens, der Kontrolle des Sexualtriebs und des Suchtverhaltens. Von größter Bedeutung ist seine Fähigkeit zum Zurückdrängen der Stresshormone Cortisol, CDH und Adrenalin. In Abwesenheit von Serotonin kann es dagegen zum Aufbau regelrechter Stresskaskaden kommen, die sich immer weiter aufschaukeln.
Kurzfristig führt die Unterversorgung mit zerebralem Serotonin zu mentalen Störungen und Funktionsausfällen. Langfristig drohen schwere Schäden bis hin zu Gefäßerkrankungen, Herzinfarkt und Hirnschlag. Es lohnt also sehr, dafür zu sorgen, dass uns dieser Stoff nicht ausgeht. Wie stark sich Serotonin im Stressabbau und in der Erfüllung seiner vielen weiteren Aufgaben abbaut, wissen wir.
Wir wissen auch, dass uns unser Körper in der Nacht zusätzlich das auch für gesunden Schlaf wichtige Serotonin raubt, indem er daraus das Schlafhormon Melatonin herstellt. Unser Problem ist der ausreichende Aufbau von Serotonin in der Nährflüssigkeit des Gehirns.
Serotonin kann man nicht essen
Dass wir zu Zeiten einfach “serotoninarm” sind, fühlt fast jeder überdeutlich, wenn er sich mittags oder nachmittags für länger als eine halbe Stunde hinlegt und schläft. Danach kommt er nämlich für viele Stunden nicht mehr richtig “auf die Beine” und fühlt sich wie gerädert.
Ist der Serotoninvorrat im zentralnervösen System groß, ist man dagegen nach jedem Schlafen sofort hellwach und leistungsbereit. Das erleben beispielsweise Menschen, die über eine hohe Selbstkontrolle verfügen und psychischen Belastungen effektiv mit mentalen Techniken begegnen, so dass sie des Einsatzes des Anti-Stress-Hormons Serotonin gar nicht bedürfen. Aber wer kann das schon.
Serotonin kann man nicht essen. In die Nährflüssigkeit des Gehirns gelangt es bei Vorliegen von Wachstumsreizen durch den körpereigenen Aufbau aus der essenziellen Aminosäure L-Tryptophan im Hirnstamm. Im Körper befindet sich weit mehr Serotonin. Sein großes Molekül kann die Blut-Hirn-Schranke aber nicht überwinden. Doch auch der Übergang von L-Tryptophan in die Nährflüssigkeit des Gehirns gelingt angesichts der Konkurrenz der an die 20 anderen Aminosäuren nur schwer. Dabei hat die Natur in den vielen Millionen Jahren, in denen sich der Verdauungstrakt des Menschen bildete, perfekt vorgesorgt.
Primaten als Vorbild
Die Lösung heißt: Rohkost. Unsere artnächsten Verwandten, die Menschenaffen, ernähren sich heute noch so wie unsere Vorläufer, von denen wir unseren Verdauungstrakt geerbt haben. Sie leben durchschnittlich zu 52% von Früchten und Beeren, zu 35% von Blättern, Wildpflanzen und Sprossen, zu 7% von Wurzeln, Samen, Rinden und Gallen, zu 5% von Blüten und nur zu 1% von Kleingetier und Insekten (Quelle: Prof. Jane Godall: »The Chimpanzees of Gombe«, Harvard University Press, Cambridge, S. 233).
Da die Verdauungssäfte der Primaten die Zellulosepanzer der Pflanzenzellen nicht aufbrechen können, vermahlen diese ihre Pflanzennahrung sehr gründlich. Dabei wird die vermahlenen Rohkost gut eingespeichelt und passiert als Teil eines wässrigen Nahrungsfilms unmittelbar den Magenpförtner statt im sauren Milieu des Magens lange liegen zu bleiben. Ihr Inhalt wird im basischen Milieu des Dünndarms großflächig verteilt und schnell verstoffwechselt, so dass ihre Inhaltsstoffe ins Blut gelangen.
Morgens, beim Verzehr auf leeren Magen, befinden sich wenig Energieträger im Blut. Die immer hungrigen Muskeln verarbeiten in dieser Situation alle ins Blut gelangenden Aminosäuren, die sie verarbeiten können, um daraus direkt und ohne den Umweg über die Leber schnell Energie zu gewinnen.
Gut kauen
Es trifft sich, dass gerade die Aminosäure L-Tryptophan wegen ihrer nicht verzweigtkettigen Molekularstruktur nicht in das Aufnahmemuster der Muskeln passt. Sie steht daher ohne Konkurrenz der anderen Aminosäuren vor der Blut-Hirn-Schranke und kann diese leicht überwinden. Auf diese Weise wird täglich eine gute Basis dafür geschaffen, dass sich unter der Verwendung von reichlich L-Tryptophan ausreichend zerebrales Serotonin bilden kann.
Wer übrigens “seine” Rohkost nicht so fein vermahlen will, wie es die Primaten tun, sollte die Finger von jedenfalls jener Rohkost lassen, die nicht wie stark wasserhaltiges Obst alsbald nach dem Verzehr in den Dünndarm durchgelassen wird.
Denn wer beispielsweise vom grünen Salat nur das Dressing abschleckt und das Blatt weitgehend unzerkaut schluckt, erlebt zunächst, dass der Magen versucht, die basische Rohkost mit der Magensäure zu neutralisieren. Bei der notwendigen Neubildung der Magensäure kommt es leicht zur Übersäuerung. In der langen Passage der Rohkost durch Dünn- und Dickdarm fault diese und entwickelt Fäulnisgase und Gifte. Nicht umsonst gibt es unter Ärzten das Gerücht, dass manche Leberzirrhose gerade bei gesundheitsorientierten Frauen nicht auf den Genuss von Alkohol zurückzuführen ist, sondern auf den häufigen Verzehr von solcher Rohkost.
Geringe Menge Rohkost genügt
Im Interesse des kontinuierlichen Nachschubs von zerebralem Serotonin reicht es vollauf aus, nur einmal am Tag eine geringe Menge an Rohkost mit gewissem Eiweißanteil auf den leeren Magen zu verzehren -wie gesagt fein vermahlen und mit reichlich Flüssigkeit.
Erfreulicherweise hat Serotonin eine Halbwertzeit von mehr als einem Kalendertag. Gründe, ganz auf Rohkost umzusatteln und unsere schöne Kochkunst zu vergessen, sind dagegen nicht ersichtlich.
Die fast allgemeine Unterversorgung mit Serotonin dürfte der Grund für viele weit verbreitete Krankheiten sein. Jeder wichtige Stoff im menschlichen Körper hat im Falle seiner Mangelversorgung “seine” Folgeerkrankungen. Der Mangel an Vitamin C führt zu Skorbut, beim Mangel an Vitamin A leidet die Sehfähigkeit, usw.
Heesters auf dem richtigen Weg
Was erst bedingt der Mangel an diesem vielseitigsten und wichtigsten Funktionsstoff im ganzen Körper? Alles spricht für Wirkzusammenhänge mit Depressionen, Suizidalität, Zwangserkrankungen, Dauerkopfschmerz, Immunschwäche, Schlafstörungen, Diabetes, Alzheimer, Adipositas und mehr.
Ohne den beschriebenen Rohkost-Effekt findet der Serotoninaufbau im Körper nur selten ausreichend statt. Viel Sonne und Bewegung in frischer Luft helfen sehr. In unserer Gesellschaft bekommt davon aber kaum jemand genug. Bekannt ist, dass süß-fettige Speisen wie Schokolade kurzfristig Serotonin locken. Das aber ist kontraproduktiv, weil sie die Entstehung von Übergewicht forcieren.
Der unverwüstliche Johannes Heesters dagegen scheint mit seinem morgendlichen nur angewärmten Rohkost-Müsli seit Jahrzehnten auf dem richtigen Wege zu sein.
Sehr geehrter Herr Ehlers!
Vielen Dank für Ihren heutigen Hinweis auf den o.g. Bericht. Ich werde mich mit Herrn Prof. Bärwald bezüglich L-Tryptophan in Topi, weiter in Verbindung setzen.
Ich würde mich dann zu gegebener Zeit wieder melden.
mfg. gez. Dieter Rost/Topina
Berlin, den 8.6.06