Ich bin angeklagt

Ein Wintermorgen. Es dämmert gerade, als die erste Stunde anfängt. Förderunterricht. Sechs Kinder aus drei verschiedenen Klassen. Wir sitzen im Kreis. Markus kommt als letzter. Bevor er sich den Anorak auszieht und die Schultasche an seinen Tisch stellt, platzt es aus ihm heraus: “Ich bin angeklagt!” – Es ist sofort

Kind mit SpielzeugEin Wintermorgen. Es dämmert gerade, als die erste Stunde anfängt. Förderunterricht. Sechs Kinder aus drei verschiedenen Klassen. Wir sitzen im Kreis. Markus kommt als letzter. Bevor er sich den Anorak auszieht und die Schultasche an seinen Tisch stellt, platzt es aus ihm heraus: “Ich bin angeklagt!” – Es ist sofort still.

Selbst ich bin erschrocken. Ein sechsjähriges Kind in der BRD ist felsenfest davon überzeugt, dass es angeklagt ist.

Ich widerspreche. “Doch, ich bin angeklagt, ich muss ans Gericht!” Er sagt es so, als ob ich von all diesen Dingen keine Ahnung hätte. Markus ist vollkommen davon überzeugt, dass es so, wie er es sagt, stimmt. Ich bin noch immer erschrocken, werde jetzt aber energisch.

“In der BRD wird kein Kind in deinem Alter angeklagt!” Mir, der Ahnungslosen, wirft er einen mitleidigen Blick zu. Jetzt fängt auch noch Stefan an: “Ich war auch schon ageklagt.” – “Hört auf, das ist nicht richtig!”- “Aber ich war auch schon am Gericht!”-”Ja, am Gericht, aber nicht angeklagt! Wir leben in einem Land, in dem Kinder in eurem Alter vor dem Gesetz geschützt sind und darum wird kein Kind in eurem Alter angeklagt!”

“Aber ich war doch am Gericht?”- “Ja, weil dort jemand deine Meinung wissen wollte.” Stefan ist nicht zu stoppen: “Das ist nicht schlimm. Da hast du ganz viele Spielsachen!” Jetzt bin ich wirklich still. Hier wissen Kinder mehr als ich. “Ja, da gibt es viele Spielsachen und du darfst mit allen spielen. Dann kommt jemand in das Zimmer und fragt dich. Der geht wieder weg und du darfst weiter spielen.”

Ja, so ist es. Kinder lassen sich nicht täuschen. Trotz all der Spielsachen haben sie das Gefühl, dass sie angeklagt sind.

Ist das wirklich kindgemäß, unseren Kindern, die absolut nichts für unsere Trennungen können, zu vermitteln, dass sie angeklagt sind, weil wir uns trennen? Wird etwas kindgemäßer dadurch, dass wir Räume mit Spielsachen füllen?

Kommentare

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  1. Hi,

    nicht nur, dass Schlagwörter fehlen, es fehlt auch die Nachricht. Das Ganze ist für Nachricht und ich werde auch das Gefühl nicht los, dass es gerade da aufhört, wo es erst spannend wird. Der Artikel wirkt auf mich wie eine Einleitung zu etwas LÄNGEREM, das dann aber nicht mehr hinzugefügt wurde! Kommt vielleicht auch durch die Fragen, die dann kommentarlos stehenbleiben.

    Mir fehlen Infos zu Scheidungen in Deutschland (jede … Ehe in D’land wird geschieden…), zur Situation der Kinder, zu neuen Studien usw.

    Kurz gefasst: Ich finde den Beitrag nicht toll.