Enzensberger: Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer
Artikel von Lothar Struck vom 16.06.2006, 14:52 Uhr im Ressort Politik | 2 Comments
Von Hans Magnus Enzensberger ist Ende März das Buch “Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer” erschienen. Was “Schreckens Männer” am Anfang interessant macht, ist, dass Enzensberger versucht, eine Typologie des frustrierten, gescheiterten und dann “ausrastenden” Messerstechers, Mörders oder Amokläufers zu entwerfen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger in altlinker Manier ausschließlich „die Gesellschaft“ verantwortlich zu machen.
Enzensbergers Versuch geht dahin, die persönlichen Umstände desjenigen zu hinterfragen, ohne in psychologische, vor allem jedoch soziologische Deutungsmuster zu verfallen (letzteres dezidiert – ersteres scheitert zwangsläufig [soviel muss vorweggenommen werden]).
Im Typus des “radikalen Verlierers” erkennt Enzensberger den des Primats des Haushaltungsvorstandes verlustig gegangenen “Schläfers”, dessen Fass zum Überlaufen gebracht, irgendwann die Sekunden einer unbegrenzten Macht über andere auskostend, ausrastend wahllos(?) andere und endlich (meist) sich selbst richtet. In dem Augenblick, wenn es keinen gesellschaftlichen, sozialen Abstieg mehr gibt, sondern die Identifikation mit dem Unerreichbaren am stärksten ist, wenn er sich das Votum der anderen, die er für Gewinner hält, zu eigen gemacht hat, erfolgt die für uns so unbegreifliche Tat: Jeden Moment kann er explodieren. Darin besteht die einzige Lösung seines Problems, die er sich vorstellen kann: die Steigerung des Übels, unter dem er leidet… Um ihn zu kränken, genügt ein Blick oder ein Witz… Die abfällige Bemerkung eines Vorgesetzten genügt, und der Mann steigt auf einen Turm und zielt auf alles, was sich vor dem Supermarkt bewegt, nicht obwohl, sondern weil das Massaker sein eigenes Ende beschleunigen wird.
Ein beträchtliches Bedrohungsszenario entwirft Enzensberger da; wer das liest, geht am gleichen Tag wohl erst einmal nicht mehr einkaufen. Aber es kommt noch dicker. Auf Seite 21 dieses dünnen Bändchens (53 Seiten hat es insgesamt) gibt dann den Hitler-Vergleich. Hitler als Führer einer Nation, die sich als “radikale Verlierer” fühlte. Er, Hitler, sei selber einer gewesen und gleichzeitig der Vollstrecker; Verlierer auf der Metaebene. Von Anfang an sei Hitlers Projekt die Niederlage gewesen, das Zerstören Deutschlands und das Mitreißen möglichst vieler Menschen in den Tod. Der radikale Verlierer will gar nicht mehr gewinnen, er will verlieren und vernichten; er hat sich derart mit seiner Rolle identifiziert, dass es kein Entrinnen mehr gibt.
Hitler als Metapher eines unsteuerbaren, unentrinnbaren Fatums? Quasi ein Amokläufer über 12 Jahre, der als Sündenböcke seines Selbsthasses Juden, Bolschewisten, Engländer, Amerikaner, Kommunisten, usw. brauchte? Jeder wild um sich Schießende ein (verkappter) Hitler?
Nicht das erste Mal, dass Enzensbergers Rekurs auf Hitler mindestens merkwürdig, wenn nicht überzogen wirkt (das ist nicht im “politisch-korrekten” Sinne gemeint). Dass Hitler der sehnsüchtig herbeigewünschte Vollstrecker des Untergangs Deutschlands gewesen sein soll – das ist die reichlich verkürzende und die tatsächlichen politischen Verstrickungen und Entwicklungen verkennende These.
Und im gleichen Maße wie Enzensberger von amoklaufenden Schuljungen, gedemütigten Angestellten oder gehörnten Ehemännern seine These des radikalen Verlierers auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft transformiert – im gleichen Masse abstrahiert er von der ängstlich gewordenen globalisierten Wohlstandsgesellschaft des Westens auf die islamische Welt (die er oft ungenau als “arabische Staaten” bezeichnet). Auch der islamistische Selbstmordattentäter sei ein radikaler Verlierer, auch seine Intention sei ein auf anderer Schuld aufgebauter Selbsthass (natürlich hier insbesondere die Israelis und die Amerikaner): Sein Triumph besteht darin, dass man ihn weder bekämpfen noch bestrafen kann, denn das besorgt er selbst. Dass er nicht nur andere auslöscht, sondern sich selber, ist seine letzte Befriedigung…
Aber wie auch schon vorher in seinem Text bleibt er nicht bei den individuellen Gegebenheiten stehen, sondern verallgemeinert (was er zwar durchaus anspricht und auch zugibt, dies jedoch als legitim für den Rahmen dieses kleinen Essays hält): Die Araber, die, wie es einmal heißt, in den letzten vierhundert Jahren […] keine nennenswerte Erfindung hervorgebracht hätten, seien durch ihre politischen und gesellschaftlichen Eliten selbst Schuld an ihrer empfundenen Bedeutungslosigkeit. An Einzelbeispielen versucht Enzensberger eine soziale und kulturelle Stagnation oder gar Regression des Islam zu diagnostizieren – beispielsweise in dem er auf die stark unterentwickelte Buchkultur hinweist (nur 0.8% der Weltbuchproduktion werden in der arabischen Welt gedruckt) oder die mangelhaft entwickelten Frauenrechte thematisiert (wobei er sehr wohl auf die Studentinnenquote im Iran hinweist – gleichzeitig aber diese in Saudi-Arabien unterschlägt).
Kronzeuge ist der “[1] Arab Human Development Report” der zwischen 2002 und 2004 im Auftrag der Vereinten Nationen erstellt worden ist.
Enzensberger bemerkt, dass – trotz der enormen Einnahmen durch die Ölförderung – die 22 Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga (280 Millionen Menschen) kaum bessere Indikatoren als schwarzafrikanische Staaten hinsichtlich Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Schulbildung und Alphabetisierungsgrad aufweisen. Die Frage Wie ist es zum Niedergang jener Zivilisation gekommen? beantwortet er u. a. mit Dan Diners Buch “Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt”, in der auf das schwindende Wissenskapital der arabischen Gesellschaften durch Sabotierung der Einführung der Druckpresse durch islamische Rechtsgelehrte rekurriert wird: Erst mit dreihundertjähriger Verspätung konnte die erste Druckerei gegründet werden, die in der Lage war, Bücher in arabischer Sprache zu produzieren. Die Folgen für Wissenschaft und Technik der Region sind bis heute spürbar.
Desweiteren macht Enzensberger den fehlenden Ausbau einer umfassenden Infrastruktur für den Status quo verantwortlich. Auch konstatiert er eine sehr hohe Auswanderungsquote von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Ingenieuren aus der Region. Die Ölförderstaaten bezeichnet er als parasitär, da sie nicht einmal in der Lage gewesen wären, die notwendige Technik zur Förderung des Öls selber zu produzieren, sondern auf westliche Unternehmen zurückgreifen müssen. Ein bei näherer Betrachtung in einer arbeitsteilig organisierten Weltwirtschaft merkwürdig anmutender Vorwurf – auch und gerade politisch betrachtet, da Versuche von Staaten, die Wertschöpfung ihrer Rohstoffe selber in die Hand zu nehmen sehr oft zu Interventionen des Westens geführt haben (bspw. Mossadegh im Iran 1953).¼br />
Wie in der westlichen Welt sieht der radikale Verlierer in der islamischen Welt die Fehler für die Unterentwicklungen und Demütigungen ausschließlich bei den anderen; das eigene System wird nie befragt. Enzensberger hält die Mehrheit der 1,3 Milliarden Muslime für durchaus friedlich – dennoch äußert er (nur mühsam einschränkend) die Vermutung, dass rund 7 Millionen derartiger „radikaler Verlierer“ (also “Schläfer”) zum äußersten entschlossen seien (Wolfgang Sofskys Zahl zitierend).
Interessant ist die Parallele zu Fukuyamas These, was die Protagonisten des Islamismus (genauer müsste man wohl Dschihadismus sagen) angeht. Wie der Amerikaner sieht Enzensberger auch, dass die Emigration die psychischen Risiken der Verlierer nicht mindert, sondern verschärft. Unabhängig von ihrer ökonomischen Lage sind die entwurzelten Migranten aus dem arabischen Raum durch die unmittelbare Konfrontation mit der westlichen Zivilisation einem dauerhaften Kulturschock ausgesetzt… Der scheinbare Überfluss an Waren, Meinungen, ökonomischen und sexuellen Optionen führt zum ‚double bind’ von Attraktion und Ablehnung, und die fortwährende Erinnerung an den Rückstand der eigenen Zivilisation wird unerträglich.
Wo Fukuyama jedoch (vorsichtig) die europäische Sozialpolitik in der Pflicht sieht, spielt Enzensberger den Ball an das Individuum zurück. Den Rückstand der eigenen Zivilisation hält Enzensberger für ausgemacht. Er wird nicht hinterfragt; im Gegenteil, westliche Dialogversuche mit dem Islam, ein irgendwie gearteter Werterelativismus, wird von ihm als Schwäche empfunden. Hier ist Enzensberger ganz dicht bei den amerikanischen Neokonservativen à la [2] Krauthammer angekommen.
Zwar ist sein Gedanke, der sich orthodox gebende Islamismus sei in Wahrheit ein Kind der (meist links-)terroristischen “Befreiungsorganisationen” der 70er und 80er Jahre, sehr gut nachvollziehbar (wobei er – en passant – diese “Organisationen” als zwischenzeitlich regional marginalisiert ausmacht, während er den Islamismus als einzig verbliebene, global agierende “Verlierer” sieht). Die These, der orthodox agierende Islam setze den Koran an die Stelle von Marx, Lenin und Mao und als revolutionäres Subjekt dient nicht mehr das Weltproletariat, sondern sie ‚ummah’, als Avantgarde und selbsternannter Stellvertreter der Massen nicht die Partei, sondern das weit verzweigte konspirative Netzwerk der islamischen Krieger stellt jedoch ein krasser Fehlgriff in der historischen (und gesellschaftlichen) Interpretation des Phänomens des Kommunismus auf der einen und des (sogenannten) Islamismus auf der anderen Seite dar.
Und natürlich werden dann noch entsprechende Suren zitiert, wenn es um Frauen und ihre Rechte und Pflichten geht und auch [3] 9,29 darf nicht fehlen – wenn es darum geht, die “Ungläubigen” zu bekämpfen.
Enzensberger gibt sich erst gar nicht die Mühe, “entlastendes” Material zu zitieren und begibt sich damit exakt in die Falle derer, die er vorgibt zu bekämpfen. Da mag ein Lektor gefehlt haben oder einfach nur die Bereitschaft zur etwas objektiveren Sicht. Jedenfalls springt er dem stammtischähnlichen Pauschal-Bashing des Koran allzu willig bei, freilich hübsch formuliert.
Lösungen bietet Enzensberger (wie auch schon in seinen anderen Essays beispielsweise über den weltweiten Bürgerkrieg oder die Zuwanderung) nicht an. Das muss er auch nicht. Aber seine Diagnose ist derart holzschnittartig, dass man sich genauere, detailliertere Ausführungen schon gewünscht hätte. So kommt das Büchlein (als Sonderdruck in der “edition suhrkamp” erschienen) allzu forsch daher. Dabei wirkt es gelegentlich wie ein Pfeifen im Wald, wenn es um die Beschwörung der Überlegenheit des Westens geht. Das ist – alles in allem – wenig originell.
(Bemerkung: Alle kursiv gesetzten Wendungen und Sätze sind Zitate aus dem besprochenen Buch.)
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2006/06/16/enzensberger-schreckens-maenner-versuch-ueber-den-radikalen-verlierer/
Links im Artikel:
[1] Arab Human Development Report: http://www.palestineremembered.com/Acre/Articles/Story1346.html
[2] Krauthammer: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Krauthammer
[3] 9,29: http://de.wikipedia.org/wiki/At-Tawba