Franz R. lädt seinen gesamten Bestand an Bildern, die er mit seiner Digitalkamera gemacht hat, bei Riya, einem neuen Foto-Internetdienst, hoch. All die Urlaubs- und Kinderbilder der letzten Jahre und auch die Bilder der Geschäftsbesprechungen und was eben so alles vor die digitale Linse gekommen ist.
Das dauert zwar selbst mit den schnellen DSL-Verbindungen,
die mittlerweile zum Standard geworden sind, noch eine ganze Weile, aber es lohnt sich. Franz R. kann nach dem Hochladen der Bilder allen Gesichtern Namen zuordnen, die von Riya erkannt worden sind. Das muss er nicht für jedes Bild einzeln machen, sondern nur für ein paar Bilder. Den Rest übernimmt Riya für Franz R. Tausende von Bildern können damit automatisch mit Tags, den so genannten Internet-Etiketten, verknüpft werden.
Internet-Etiketten überall
Tags sind im Internet 2.0 die Lösung, wenn es darum geht, etwas in
Kategorien einzuteilen und damit auch wieder zu finden. Bilderdienste wie Flickr oder auch Bookmarksammlungen a lá Del.icio.us erfreuen sich aufgrund dieser Möglichkeiten enormer Beliebtheit.
Aber nicht nur mit Gesichtern, sondern auch mit Gegenständen lässt sich diese automatische Kategorisierung durchführen. Als Gegenwert erhält Franz R. ein Bilderalbum, in dem nach Namen und Gegenständen gesucht werden kann. Ein Traum für alle, die an die Beschriftungsorgien Ihrer Diasammlungen zurückdenken. Mutti, Ostern an der Nordsee. Tante Berta beim Geburtstag der kleinen Anna in Berlin. Das alles gehört in Zukunft der Vergangenheit an.
Munjal Shah, CEO von Riya, der das Unternehmen erst vor 2 Jahren gegründet hat, freut sich über den Zulauf. Selbst während der Betaphase, die bei Web 2.0-Unternehmen inzwischen zum Markenzeichen geworden ist, sind bereits Millionen von Bildern bei Riya zur automatischen Erkennung hochgeladen worden. Die Benutzer sind begeistert ob der schönen neuen Möglichkeiten. Dabei ist Mujal Shah kein unbekannter in der Internetszene – war er doch Mitgründer von Andale, dem Zähldienst, der auf Ebay Seiten auch heute noch seinen Dienst verrichtet.
Dabei sind die Intentionen, die hinter der Gründung des Startups steckten, durchaus nachvollziehbar. Dateinamen wie DCS002748.JPG, die von digitalen Kameras automatisch erzeugt werden, sind nicht sehr aufschlussreich. Das waren auch die Überlegungen bei Riya. Der an der Bogazici Universität ausgebildete Burak Göktürk hält zahlreiche Patente zur Gesichtserkennung und ist das menschliche Gehirn hinter der Technologie, die Riya entwickelt.
Datenschützern fallen andere Möglichkeiten ein, mit denen man den Dienst plötzlich zum Handlanger von Behörden und Polizei machen könnte. Die Möglichkeiten scheinen unendlich. Sicherlich lässt sich die gleiche Technologie langfristig auch für Videos einsetzen und damit auch für die digitalen Aufzeichnungen der zu tausenden vorhandenen Webcams und Überwachungskameras, die von sicherheitsbewussten Bürgerschützern allerorts aufgestellt werden.
Glücklicherweise kann Franz R. seine Bilderalben auch als privat kennzeichnen und damit vor dem Zugriff vor allzu neugierigen Augen
schützen. Lediglich die so genannten Metadaten, also unter anderem die Tags, werden im Suchindex von Riya trotzdem verwendet. Riya vermeldet aber stolz, dass bereits ein Rechenzentrum eingerichtet wird, das in der Lage ist, das Internet nach Bildern zu durchsuchen und für den Dienst verfügbar zu machen.
Damit sind natürlich Tür und Tor offen für Spekulationen. Was ist mit Hilfe der so getaggten Bilder möglich? Ein schönes Beispiel zu Zeiten der WM stellt sicherlich die Möglichkeit dar, nach den Torschützen suchen zu lassen, um von Fans geschossene Bilder aufzuspüren. Beispiele dafür sind bereits bei Riya zu sehen. Genauso einfach lassen sich auch Bilder von Models suchen – oder der Freundin, die sich auf irgendwelchen Partys ausgetobt hat. Der Gedanke lässt sich auch weiterspinnen. Bewerberfotos mal schnell bei Riya hochladen und sehen, was der Bewerber oder dessen Freunde ins Internet gestellt haben. Die Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein.
Aber nicht nur Riya beschäftigt sich mit Bildererkennung. Google arbeitet Gerüchten zu Folge ebenfalls an ähnlichen Softwareprogrammen. Und das wird weitere Nachahmer nach sich ziehen, die in diesem lukrativen Markt ihr Heil sehen.
Geschäftsmodell mit Bildern
Das Geschäftsmodell von Riya enthält unter anderem die Möglichkeit, die Technologie einzusetzen, wenn beispielsweise bei Ebay nach Produkten gesucht wird. Riya könnte sämtliche Bilder von Angeboten scannen und mit den Internet-Etiketten versehen. Wenn ein Nutzer den gewünschten Gegenstand in der Riya-Datenbank gefunden hat, wird er gegen einen kleinen Obulus an Ebay weitergeleitet. Ähnlich könnte mit Automärkten, Bewerberdatenbanken oder auch Immobilienangeboten verfahren werden.
Wo sind die Grenzen zu ziehen bei den technischen Möglichkeiten? Die Frage wird seit der Erfindung der Atomkernspaltung ins Feld geführt.
Technik kann zum Positiven genutzt werden, genauso gut können damit auch negative Ideen umgesetzt werden. Denkbar ist die Suche nach vermissten Personen. Oder nach gestohlener Ware, die bei Ebay verhöckert werden soll. Die Frage bleibt: Lässt sich die Entwicklung verhindern? Wohl kaum, wenn man bedenkt, welche Geschäftsmodelle dahinter stecken. Allerdings wird in Zukunft die Überlegung wichtiger werden, ob die neuesten Fotos aus der Digitalkamera oder dem Handy wirklich gleich ins Internet hochgeladen werden sollten. Ist es den Spaß wirklich Wert, den Freund oder die Freundin mit den neuesten Schnappschüssen bloß zu stellen?
Eigene Bilder aus dem Internet löschen
Ist es möglich Bilder, die bereits im Internet verfügbar sind, wieder zu löschen? Können die Bilder aus dem Google Bilderindex entfernt werden? Muss wirklich alles bei Flickr landen? Mit mehr als 100.000 Bildern, die täglich bei Flickr und anderen Bilderdiensten hochgeladen werden, kann sich ein Dienst wie Riya versorgen. Webblogs oder auch Fotoblogs könnten plötzlich unattraktiv werden, weil der Fotograf nie sicher sein kann, wozu die Bilder in Zukunft verwendet werden. Heute macht es mehr Sinn, sich wie die Bloggerin zu verhalten, die während der Gnomedex 2005 in den USA dem erstaunten Publikum von ihren selbst auferlegten Beschränkungen berichtet hat: Gesichter ihrer Kinder oder Freunde werden nicht online gestellt. Meist sind die Kinder zwar im Bild zu sehen, aber eben nicht erkennbar, von hinten oder nur in Ausschnitten.
Mit fortschreitender Technik und der Vernetzung und Verfügbarkeit, die das Internet mittlerweile bietet, sind solche Gedanken nicht mehr nur für Paranoiker angebracht. Das Googeln von Namen oder Telefonnummern ist bereits heute eine Informationsquelle geworden, die vor Jahren nicht denkbar war. Das Internet bringt es mit seiner Offenheit auch mit sich, dass man über die eigene Verantwortung nachdenken muss, bevor Persönliches ins Web gestellt wird. Das wird umso relevanter, je mehr sich Techniken wie die Fotoerkennung von Riya weiterentwickeln.
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