Euphorie verdrängt Kritik an der WM
Mit dem Einzug der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ins Halbfinale erreicht die WM-Euphorie in Deutschland einen weiteren Höhepunkt. WM-Kritiker haben einen schweren Stand, sich in der Stimmung ausgelassener Begeisterung Gehör zu verschaffen. Bereits im Vorfeld haben verschiedene Gruppen und Bündnisse auf die Schattenseiten des Fußball-Großanlasses hinzuweisen versucht.
Gegen Hungerlöhne und Sicherheitswahn

- http://anti-wm.blog.com/
Der Verein Naturfreunde Berlin beklagte zum Beispiel in seiner Fußballzeitung die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, unter welchen in Ländern wie China, Indonesien, Türkei und Bulgarien Sportschuhe und Trikots genäht, zusammengesetzt und verpackt werden. Viele Beschäftigte würden über 60 Wochenstunden zu Niedriglöhnen arbeiten, ohne dass der Lohn ausreiche, um den Grundbedarf einer Familie zu decken. In der pakistanischen Stadt Sialkot seien ungefähr zwei Drittel der 5000 Kinder der Stadt an der Herstellung der Fußbälle beteiligt, schreibt die Zeitung weiter. Pro Ball verdienten die Beschäftigten umgerechnet 70 Cent. Aus diesen Gründen setzt sich die Kampagne für saubere Kleidung im Allgemeinen, und besonders auch während der WM, für Kleidung ein, die unter fairen Bedingungen hergestellt wird.
Wie die Naturfreunde Berlin kritisierte auch das regelmäßig erscheinende linke Flugblatt „Antiberliner“ und das Bündnis kick it – Berlin die Sicherheitsmaßnahmen, die in ihren Augen Einschränkungen der Bürgerrechte mit sich bringen: Überwachungskamaras in Kombination mit Gesichtserkennungssoftware und die RFID-Chips, die auf den Eintrittskarten personenbezogene Daten speichern.
WM-Sponsor und Diskriminierung im Visier
Ein besonderer Dorn im Auge ist den kritischen Organisationen der WM-Sponsor Coca-Cola. Der Getränkehersteller ist schon lange ein Symbol für wirtschaftlichen US-Imperialismus, und darum besonders unbeliebt in kapitalismus- und globalisierungskritischen Kreisen. Der „Antiberliner“ berichtet von Menschenrechtsverletzungen und Morden an Gewerkschaftern in Coca-Cola-Betrieben in Kolumbien. In Indien sei der Getränke-Konzern zudem für schwere Umweltvergehen wie Grundwasser- und Bodenverschmutzung verantwortlich, heißt es in dem Blatt.
Ein weiteres Thema wird sowohl vom Bündnis „kick it“ als auch von der gemeinsamen Kampagnenzeitung der Naturfreundjugend Berlin und dem Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) ins Spiel gebracht: Das Abseitsstehen von Frauen. Kaum jemand wisse, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft Weltmeister sei. Und auch der zum 6. Mal gewonnene Europameistertitel 2005 ist von Presse und Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben.
Die Organisationen weisen zudem darauf hin, dass Homosexualität im Fußball ein Tabuthema ist. Kein Spieler im deutschen Profifußball hat sich bisher zu seiner Homosexualität bekannt. Hingegen seien homophobe Sprechchöre und Beschimpfungen der Gegner in jedem Fußballstadion zu hören. Weibliche Homosexualität und Fußball wird in der Juni-Ausgabe des Berliner Stadtmagzins Siegessäule ebenfalls als Tabu beschrieben, obwohl allgemein bekannt sei, dass sich viele Lesben durch den Fußballsport angezogen fühlten.
Schließlich geht vielen Kritikern der mit der WM verbundene „Nationalchauvinismus“ zu weit, wenn gleichzeitig beispielsweise dunkelhäutigen Spielern regelmäßig offener Rassismus entgegenschlage.
Differenzierte Kritik und Ventil für allgemeinen Frust
Während einige Kritikpunkte durchaus plausibel und differenziert vorgebracht werden, wird die WM-Kritik bei anderen zu einem Ventil für allgemeine Unzufriedenheit mit Marktliberalisierung und „Abbau des Sozialstaates“ sowie Probleme im Zusammenhang mit Hartz IV.
Protest gegen die WM findet man auch im in Blogs wie dem anti-WM-blog.











U. Wilmers
Ich denke aber, dass man hier doch differenzieren muss, da man ansonsten in keinem Bereich mehr ausgelassen und fröhlich sein dürfte. Niemand hier im Land vergisst die Probleme und Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben. Schon gar nicht die Betroffenen selbst. Und all diesen Problematiken werden wir uns wieder verstärkt nach dem 9. Juli zuwenden müssen. Immerhin agiert ja auch die Bundesregierung während der WM mit beispielsweise einer Gesundheitsreform“, die wir uns spätestens nach dem 9. Juli genauer betrachten sollten. Was hier als bahnbrechender Umbruch verkauft wird, ist nichts weiter, als eine neue Abgabenlast für die Bürger. Wir müssen also die Große Koalition ohnehin gründlich beobachten, denn sie agiert nicht im Sinne des Bürgers, sondern leistet sich eine Politik auf der Einnahmeseite, die bald niemand mehr tragen kann.
Die WM insgesamt hat den Bürgern eine Verschnaufpause und etwas Freude in ansonsten trüben Zeiten gebracht. Das sollte man die Menschen auch genießen lassen, vielleicht schöpfen sie dadurch auch etwas Kraft für all das Unangenehme, was wir bisher nicht lösen konnten oder wollten.
Für eine bessere Akzeptanz anderen Kulturen gegenüber ist die WM ein hervorragendes Instrument. 1:0 für die Völkerverständigung! Und das allein ist wirklich viel wert.
Freax
Hinweise auf die negativen Seiten des ganzen sind echt viel zu selten!