Interblase 2.0

Spiegel Online schreibt über die Buzzwords um “Web2.0″ als eine Art neue Spekulationsblase. “Web 2.0″ ist in aller Munde, doch nur wenige werden davon satt. Als neues Geschäftsmodell taugt es nur bedingt – am ehesten noch für Berater, die das Mitmach-Internet geschickt auf Konferenzen hochjazzen.” Nun. Ganz unrecht haben sie

Spiegel Online schreibt über die Buzzwords um “Web2.0″ als eine Art neue Spekulationsblase.

“Web 2.0″ ist in aller Munde, doch nur wenige werden davon satt. Als neues Geschäftsmodell taugt es nur bedingt – am ehesten noch für Berater, die das Mitmach-Internet geschickt auf Konferenzen hochjazzen.”

Nun. Ganz unrecht haben sie nicht. Mancherorts ist frenetischer Jubel auf das Vortragen von Visionen gesichtet worden, ohne das ein wirkliches Konzept erkennbar gewesen wäre. Typisches Zeichen von schmerzhafter Blasenbildung.

Web2.0
Zunächst mal ist “Web2.0″ ein praktisches Schubladenwort, mit dessen Hilfe man einige technische, wie konzeptionelle Trends zusammenfassen kann, ohne jedes mal eine lange Liste von Fachworten runterbeten zu müssen, wenn man über eine bestimmte Art von Website reden möchte.

Social Web
Natürlich war das Web schon immer “social”. Auch das hat Spiegel Online richtig erkannt. Zwischendurch, und das mag einer der Gründe für das Platzen der letzten DOTCOM Blase gewesen sein, schien man dies vergessen zu haben. Und bei einigen scheint dies bis heute nicht angekommen zu sein. (siehe: Tim Bernes-Lee on Net Neutrality)

Symbiosen
Doch es gibt einen Unterschied von heute zu gestern. Heute haben mehr Menschen Zugang zum Internet und der Anteil derer, die sich des Potentials des Internets bewusst sind, innerhalb der Gruppe der Internetnutzer, steigt ebenfalls beständig. So beginnen vielerorts Menschen, mit technischen Instrumenten eine symbiotische Beziehung.

Was meint das? Auch das ist nicht neu. Längst kann sich keiner mehr eine Gesellschaft ohne elektrischen Strom, ohne Autos, ohne Wasser-aus-der-Leitung, ohne Straßen, ohne Raumfahrt (z.B. GPS), … vorstellen. Die Liste ist lang.

Die Eisenbahn wurde zunächst von vielen Menschen abgelehnt, weil man annahm, die Seele des Menschen könnte nicht so schnell reisen, wie der Zug fahren würde… Daher müßte sie unterwegs verloren gehen. Ähnliche merkwürdige Vorurteile findet man heute auch gegenüber dem Internet und seinen Anwendungen. Und in der Regel sind sie ähnlich undifferenziert.

Aus dem Lebensalltag von Vielen ist aber auch das Internet und seine Anwendungen nicht mehr wegzudenken. Ohne eMail, ohne Instant-Messaging, ohne Videokonferenzen, ohne “schnell-mal-eben-etwas-nachgucken”, …, wären viele Geschäftsprozesse gar nicht mehr denkbar; und ohne Plattformen wie OpenBC, Plazes, last.fm, del.icio.us, digg, qype, iTMS, mnemo, …, würden sie auch weniger Spaß machen und deutlich ineffizienter sein.

Alles Business?
Ein Fehler der Blasenausrufer ist es aber, alle Netzdinge immer nur nach ihrem direkten marktwirtschaftlichen Potential zu messen. Aber Straßen und Züge werden in der “realen” Welt ja auch nicht nur von Geschäftsreisenden genutzt, sondern eben auch von der Oma, die ihre Enkel besucht und vom Studenten, der zur Vorlesung eilt und von denen, die einfach nur diese Mittel zur Freizeitgestaltung nutzen.

Erstaunlicherweise verlangt keiner, dass Straßen nur zu bestimmten Zwecken befahren werden dürfen. Beim Internet scheint diese Frage jedoch legitim. Schaut man jedoch genau hin, von wem diese Frage gestellt wird, so lässt sich eine Konstruktionsdivergenz des Internet erkennen.

Zum einen werden die Leitungen oft von gewinnorientierten, häufig börsennotierten Unternehmen betrieben, während die Technik auf den Leitungen selbst quasi kommunistisch ist. Alle sind gleich. Das meint in diesem Fall, alle Datenpakete. Kein Datenpaket kann mehr bezahlen oder mehr Prestige mit sich führen, mehr glänzen als andere. Eine Binnendifferenzierung des Datenpaketemarktes ist also nur mit einer gravierenden Änderung oder zumindest umfassenden Erweiterung des zugrunde liegenden Protokolls möglich.

Zurecht entbrennt jedoch in der “realen” Welt jedes Mal eine kontroverse Diskussion, wenn das Thema auf die Privatisierung von Straßen und Autobahnen fällt. Zurecht wird über den Börsengang der Bahn inkl. des Schienennetzes kritisch nachgedacht. Sind Unternehmen die richtigen Orte um über gesellschaftlich relevante Infrastruktur zu entscheiden?

Auf der anderen Seite wäre das Internet jetzt wohl kaum so weit verbreitet, wenn es nur von staatlichen Seiten gefördert worden wäre.

Dilemma?
Zeit also, dass der Benuter selbst das Ruder in die Hand nimmt? Ideen, das Web unabhängig(er) von staatlichen, wie auch industriellen Interessen zu machen, gibt es zu Hauf.
Und allein der potentielle Druck, dies tun zu können, könnte einige unbequeme oder rückwärtsgerichtete Wege vermeiden helfen. Man mag exemplarisch nur an die Möglichkeiten denken, die eine tiefere Kooperation von Fon und Plazes bieten würde.

Social?
Greifen wir den Faden wieder auf. Neu dieser Tage ist, dass eben die soziale Komponente des Internet wiederentdeckt worden ist. Es macht einfach Spaß, last.fm zu nutzen. Es befriedigt Bedürfnisse, Wikipedia zu schreiben und zu lesen. Und Webmontage legen Zeugnis dafür ab, daß das Web tatsächlich zu einer Sozialmaschine werden kann. Eine erstaunliche Sache. Hätte man hier von Zügen auf das Web zu schließen versucht, hätte man sich geirrt.

Euphorie?
Trotzdem, immer langsam, schön langsam. Das “Web2.0″ hat sich fast unbemerkt und undiskutiert entwickelt. Der Hypecharakter wurde erst durch die sich an ihm abreibenden Medien induziert. Selbstverständlich wird es innerhalb dieser Schublade erfolgreiche Firmen geben und selbstverständlich werden einige scheitern. Das Menschen aus Spekulationsblasen nicht lernen, ist eine lange, andere Geschichte…

Es soll gar nicht nur um besondere technische Neuerungen gehen. Sondern auch darum, wie das Web funktioniert, wie es sich anfühlt, es zu benutzen, wozu es benutzt wird und wo.

Und wenn nur eins übrigbleibt, dass nämlich die Bedürfnisse des Einzelnen mehr im Fokus der Entwickler und Visionäre stehen, dass das Web nicht bloß aus Websites zu bestehen braucht, sondern dass es viele spannende Möglichkeiten geben kann, die es auszuprobieren gilt, was hätte man dann mehr gewollt?

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: Tim Bruystens Weblog » Blog Archive » Interblase 2.0