Problembär Bruno macht erst nach seinem Tod so richtig Probleme. Wer war der Täter? So fragen mit den Medien viele Menschen. Der World Wildlife Fund (WWF) bezeichnet den Abschuss als “illegal”. Die dazu notwendige Verordnung sei erst Stunden nach den tödlichen Schüssen unterzeichnet worden. Das bayrische Umweltministerium soll den Medien einen Bären aufgebunden haben.
Nach offiziellen Angaben haben “jagdkundige Waidmänner” die Schüsse auf den Bären abgegeben. Gegen Umweltminister Werner Schnappauf und andere Beteiligte sind rund 50 Anzeigen wegen Verstoßes gegen Jagd- und Umweltgesetze erstattet worden. Die Staatsanwaltschaft in München hat jedoch die Ermittlungen im Fall Bruno eingestellt. Es würden keine strafbaren Handlungen vorliegen. Die SPD forderte im bayrischen Landtag den Rücktritt des “Problem-Ministers” Schnappauf.
Um das Fell des Bären ist ein Streit entbrannt. Er stamme aus dem Trentino und sei somit “Eigentum des italienischen Staates”, hieß es in einem Schreiben aus Rom. Bayern will den Bären behalten. Er soll ausgestopft und im Museum “Mensch und Natur” aufgestellt werden. Aber auch der frühere Schi-Rennläufer Markus Wasmeier will den Bären für sein Bauernmuseum in Schliersee haben.
Die Ortschaft Bayrischzell liegt dieweil nicht auf der Bärenhaut und gibt ihrerseits Ansprüche bekannt. “Bruno” sei schließlich am Rotwandhaus auf dem Gemeindegebiet von Bayrischzell erlegt worden. Die Gemeinde beklagt sich über die vielen Absagen von Urlaubsgästen: “Wir wollen nicht bei Mördern Urlaub machen!”, sei ihr über Telefon und Email mitgeteilt worden. Auch die Nachbargemeinde Schliersee, wo man nach dem Abschuß eine Presse-Konferenz gegeben hatte, beklagt sich über viele Stornierungen. Außerdem sei eine Ortstafel mit dem Wort “Rache” beschmiert worden.
Hier darf die Unschuldsvermutung gelten, da beide Gemeinden nichts mit dem Abschuss zu tun hatten. Die Auftraggeber saßen in München, wo sich vor den Schüssen bürokratische Verwirrungen um Fristen und Kompetenzen entwickelten. Der bayrische Jagdverband und auch die Polizei wollten nicht auf Sympathieträger Bruno anlegen. Wer dann tatsächlich als “kundiger Waidmann” abdrückte, könnte ein Fall für eine “Soko Bär” werden. Wegen eintreffender Morddrohungen wollen die Behörden die Namen der Bärentöter nicht bekanntgeben. Zur Rechtfertigung des Abschusses kam eine Meldung aus Rumänien zu rechter Zeit: Dort hat in den Karpaten ein Bär zwei Wanderer angefallen und verletzt.
Sympathisanten haben inzwischen am “Tatort” ein Holzkreuz mit Trauerschleife und der Aufschrift “Bruno der Bär 2006″ aufgestellt. Zu Füßen des Kreuzes liegen Blumen und ein Teddy. Das wiederum ist von der katholischen Kirche kritisiert worden. Die Trauer um ein Tier sollte nicht durch das zentrale Symbol des Christentums ausgedrückt werden, ließ das Münchner Erzbistum wissen.
Im Internet ist ein virtuelles Kondolenzbuch für Bruno eingerichtet worden. “Rächende Brunos” waren es, die in den Wäldern Niedersachsens Jagdhochsitze umgesägt haben. Rund 300 Tierschützer haben in Berlin mit einem Protestmarsch gegen den Abschuss demonstriert. “Wir alle sind Bruno!”, hieß es auf Transparenten. Und dann auch: “Alle Jäger sind Mörder!” Der 26. Juni soll als Tag des Abschusses zum “Bärengedenktag” erklärt werden. Bruno soll auf Wunsch von Tierschützern zum Maskottchen der deutschen Fußballnationalmannschaft erklärt werden.
Mit Bruno kann man “bärig” gut verdienen. Schon vor dem Abschuss waren T-Shirts mit humorigen Aufdrucken im Internet zu kaufen: “Mich erwischt ihr nie!”, “Bruno World Tour”, “I love Bruno”. Nach dem Abschuss gab es neue Schriften: “Wer war das?” und “Rache für Bruno!” Ein besonders kühnes T-Shirt stellte Bruno als Che Guevara dar und zog eine unpassende Parallele zu dessen Exekution in Bolivien.
Bei E-Bay sind schwarze Armbinden, Miniaturbären und angeblich echte Tatzenabdrücke zu kaufen. Ein erster Song wird derzeit im Internet auf seine Tauglichkeit als Sommerhit untersucht: “Mein Kumpel hat vier Beine. Und einen dicken Pelz.” Autorin Karin Michalke schreibt bereits an einem Drehbuch für eine Jagdkomödie mit Bruno in der Hauptrolle, die von der Münchner Wasabi Film KG realisiert werden soll. Plüschtierproduzent Steiff will in Kürze einen Teddybären “Bruno” herausbringen, während die Firma Haribo Gummibärchen der Marke “Bruno” auf den Markt werfen will.
Es bleibt die Frage, warum der Abschuss eines Bären die Menschen derart betroffen macht. Die Aufregung und Trauer um Bruno ist mit der Rolle verbunden, die dieses Raubtier in der Mythologie, in der Geschichte, in Märchen und Literatur gespielt hat. Der Bär war, da er auch auf zwei Beinen gehen konnte, ein “Mensch des Waldes”.
Durch die deutsche Sprache zieht der Bär eine breite Spur. Man streitet um des Bären Fell, wenn der Bär noch gar nicht erlegt ist. Das heißt: Man streitet voreilig um keineswegs gesicherte Vorteile. Man legt sich auf die Bärenhaut, da in frühen Zeiten das Fell des Bären als Bett und Schlafstätte diente. Das Liegen auf der Bärenhaut bekam dann die Bedeutung von Faulheit und Nichtstun. Wenn man jemandem einen Bären aufbindet, dann lügt man. Das kommt daher, dass im Mittelalter die Jagdgesellen im Gasthaus lustig zechten. Für ihre Schulden banden sie einen soeben gefangenen Bären an das Haus des Wirten. Sie würden die Zeche begleichen und den Bären bald abholen, logen sie. Der Bärendienst kommt aus der Fabeldichtung. Meister Petz will seinem wirklichen Meister, einem Menschen, eine Fliege von der Nase verscheuchen. Er nimmt einen Hammer, eine Keule oder ein Brett und erschlägt ihn damit. Das heißt: Gut gemeint, doch das Gegenteil bewirkt.
Der Bär wird als “Ursus arctos” von Mythen umrankt. Schon in der Steinzeit finden sich Bärenkulte. In der griechischen Mythologie wird die Nymphe Kallisto von Zeus vergewaltigt. Ihr Sohn Arkas (griechisch für: Bär) wird ein großer Jäger. Die eifersüchtige Hera verwandelt Kallisto in eine Bärin. Als Arkas seine Mutter, die Bärin, erlegen will, greift Zeus ein und schleudert beide in den Himmel. Dort sind sie als Sternbild des Großen Bären (Kallisto) und des Kleinen Bären (Arkas) für ewig festgenagelt.
In der indogermanischen Ursprache wurde der Bär als “arct” oder “art” bezeichnet. Davon leitet sich auch der Vorname Artur ab. Die alten Helvetier verehrten die Bärengöttin “Artio”. “Berserker” wurden jene genannt, die mit Mut und Kraft eines Bären zu kämpfen vermochten. Der Bär taucht in mehreren Vor-, Familien- und Ortsnamen auf. Der Bärlauch ist ein altes Heilmittel. “Bärenfüße” nannte man die Metallschuhe der alten Ritter. “Bärentatzen” sind ein süßes Gebäck. Dass der Problembär sofort “Bruno” genannt wurde, geht auf Kinderbücher zurück. Dort taucht immer wieder ein Bär namens Bruno auf.
An sich sehr guter Artikel, aber die letzten 3 Absätze enthalten vielleicht zu viele verschiedene Fakten.