Die Welt scheint sich einig: Zinedine Zidane hat Schande über sich selbst und den Fußball gebracht. Ein Kommentar.
Der Kaiser, Günther Netzer und die Presse verurteilen einhellig den Kopfstoß Zidanes, mit dem er den Italiener Materazzi nach einem Wortwechsel niederstreckte:
“…doch dann sorgt ausgerechnet Zidane für den schmutzigen Tiefpunkt unserer WM” […] “Millionen Fans in der ganzen Welt fragten sich entsetzt: Zizou, wie konntest du nur zum Amok-Zidane werden?” – (bild.de)
“Unwürdiger Abgang einer Fußball-Ikone” […] “Zidane hätte nicht so reagieren dürfen, was auch immer ihm Materazzi hinterher gerufen hatte.” – (spiegel.de)
“Zidanes unrühmliches Ende” […] “Der exzellente Schiedsrichter Elizondo konnte nicht anders als dem schon oft jähzornigen Starregisseur die Rote Karte vorzuhalten.” – (faz.net)
“Die Szene war unwirklich: Zinedine Zidane lässt sich im WM-Finale und letzten Spiel seiner großartigen Karriere zu einer üblen Tätlichkeit hinreißen.” – (stern.de)
Und so weiter und so fort.
Keiner sieht Zidanes Handlung als das, was sie wirklich war: ein Triumph. Der Triumph des Individuums über das Kollektiv, über die Konventionen, über die Regeln.
Sogar im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft ordnet Zinedine Zidane seine eigene Würde und Integrität nicht unter. Was auch immer der Italiener Materazzi gesagt hat: Zidane hat gezeigt, dass man eben nicht alles sagen darf.
Auch auf dem Fußballplatz als Teil eines Teams, das ein gemeinsames Ziel hat, hat Zidane die Würde des Einzelnen als das höchste Gut eingestuft und die Worte des Italieners mit der für ihn angemessenen Reaktion beantwortet. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Seine Integrität wog höher, als der Schaden, den er sich selbst und der Mannschaft zugefügt hat.
Zidanes Reaktion war kein Jähzorn, keine “durchgeknallte Sicherung” (Günther Delling), kein Amok, sondern eine persönliche französische Revolution. Er hat seine individuelle Freiheit, das Recht auf Selbstbestimmung mit Gewalt durchgesetzt und dafür den Tod durch die Rote Karte in Kauf genommen.
Was für ein Unsinn.
Nicht nur, aber auch, weil kein Mensch außer den beiden weiß, was da überhaupt gesagt wurde. Vielleicht etwas richtig Übles – vielleicht aber auch eine Allerweltsbeleidigung, und es war tatsächlich (und nicht zum ersten Mal) einfach Jähzorn. Und unsouverän war es so oder so.
Auf einer dünnen Spekulation solch bombastische Thesen zu entwickeln, ist da eher albern.
Zidane ist einer der größten Fußballer überhaupt; würde mich nicht wundern, wenn er über einen solchen Artikel gehörig die Stirn runzeln würde. Mindestens.