Mallorca: Saufen “all-inclusive”

Auf stürmische Begeisterung junger, erlebnishungriger Mallorca-Fans stößt in dieser Saison, dass Hotels, Diskotheken und Schluckstuben dazu übergegangen sind, »all-inclusive«-Armbänder zu vergeben, mit denen das unbegrenzte Gratissaufen freigeschaltet wird. Dieser in der Dominikanischen Republik erprobte Service, wonach Essen und Trinken in beliebiger Menge im Reise- beziehungsweise Eintrittspreis pauschal enthalten sind, macht

Ballermann11.jpgAuf stürmische Begeisterung junger, erlebnishungriger Mallorca-Fans stößt in dieser Saison, dass Hotels, Diskotheken und Schluckstuben dazu übergegangen sind, »all-inclusive«-Armbänder zu vergeben, mit denen das unbegrenzte Gratissaufen freigeschaltet wird. Dieser in der Dominikanischen Republik erprobte Service, wonach Essen und Trinken in beliebiger Menge im Reise- beziehungsweise Eintrittspreis pauschal enthalten sind, macht sich trotz des wütenden Widerstandes der sich davon existenziell bedroht fühlenden unabhängigen Gastronomen nun auch auf Mallorca breit. Mittlerweile fließt am legendären »Ballermann« mehr Alkohol als je zuvor.

»Wir trinken alles, aber lecker muss es sein. / Einer geht noch, einer geht noch rein!«, lautet eine der beliebtesten Mallorca-Hymnen. Mit dieser musikalisch eindrucksvollen Lieblingsfanfare blasen die hörbar einem Volk gepflegter Bässe und Tenöre entsprossenen Kampfsüffel zum Angriff und geben sich die Kante.

Blondierte Bürstenköpfe mit Runentätowierung aus ländlichen Regionen balgen sich um Zehn-Liter-Karaffen, aus denen meterlange Strohhalme ragen. Es sind sportlich durchtrainierte Körper und schwabbelige Babyspeckfiguren darunter. Auf ihren Boxer-Shirts prangen Sprüche wie »Die Intelligenz kommt später«. Picklige Milchbubis mit »Jägermeister«-Filzhüten, bronzene Sonnenstudiosi mit Goldkettchen und Vertretertypen mit pomadisiertem Haar eint Suff, Sex und Spaß. Daneben kichern straßenköterblonde, überschminkte Mädchen in glitzernden Jeans und vergnügungssüchtig ausgeschnittenen Tops. Vorn tragen sie glitzernden Bauchschmuck und hinten zeigen sie die steil bergab ragenden Enden einer tiefgründigen Tätowierung: das viel geschmähte Arschgeweih.

Gleich verdurstenden Kühen saugen alle gierig an den Halmen, die aus dem Glasgefäß ragen. Sie saufen Sangria, bis der Arzt kommt. Das spanische Nationalgetränk, das wegen der negativen Presse inzwischen nicht mehr in Plastikeimern ausgeschenkt werden darf, besteht aus Wein, Fruchtsaft und Zucker und steigt unaufhaltsam in den menschlichen Körperteil, in dem das Gehirn bescheiden zur Untermiete wohnt. Die hochprozentige Wirkung fährt durch den Speiseaufzug ins Oberstübchen und schaltet dort alles gründlich ab. Unter der sengenden Sonne Spaniens garantiert die Brühe jedem einen Vollrausch. Die damit verbundene Ekstase vermittelt endlose Freiheit und gilt als Dosenöffner der Mädchen, die ebenfalls ihre letzten Hemmungen samt Slip abstreifen.

In den Liedern der Partygemeinde geht es ebenfalls stets um Sex, Alkohol, Urlaub, Sonne und Strand als Ausdruck eines Lebensgefühls. Brüllt Mallorca-Star Mickie Krause in der Diskothek »Oberbayern« seinen Sommerhit »Geh nach Hause, du alte Scheiße«, dann grölt das Publikum trunken mit. Ruft der lokale Megastar nach »Frauen ohne Arschgeweih«, dann singen auch die Mädchen, die kaum genügend ansparen können, um sich die großflächige Tätowierung auf dem verlängerten Rücken fachgerecht wieder entfernen zu lassen. Bei »Zehn nackte Friseusen« und »Reiß die Hütte ab« bringt Krause Mallorcas Mega-Disco »Riu Palace« zum Kochen: »Das Schönste für uns Männer auf der ganzen Welt bleiben Frauen: Ob dick, ob dünn, ob Fachverkäuferin, / ob leise ob laut: alle total versaut! / Ob groß, ob klein, ob Volleyballverein, / original oder umgebaut: alle total versaut!«. – Dazu fließt der Alk in Strömen.

Die jungen Mallorca-Stürmer werden von anderen Bedürfnissen getrieben als die klassischen Inselgäste. Sie wollen sengende Sonne, sinnlos saufen und scharfen Sex. Dazu gibt es auf der Insel überreichlich Gelegenheit, und das »all-inclusive«-System erleichtert es weiter. Das Geheimnis der »Insel der Seligen« heißt nämlich: das Reiseziel kann die gegensätzlichsten Ferienphantasien bedienen. Deshalb ist das Elysium im Mittelmeer seit Jahrzehnten unverändert begehrtes Ferienziel Nummer Eins bei Jung und Alt, das auch in diesem Jahr mehr als drei Millionen Deutsche anzieht.

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