Christliche Fundamentalisten rüsten für den Endkampf

Artikel von Andreas Mueller vom 18.08.2006, 12:48 Uhr im Ressort Politik, Vermischtes | 530 Comments

left-behind-screenshot.gif“Christliche Fundamentalisten” - das klingt zunächst wie eine kleine Minderheit religiöser Fanatiker, die sich irgendwo unter der modernen, aufgeklärten Gesellschaft verstecken. Laut dem Artikel [1] Rechts und fromm von Susan Neiman sieht die Lage ganz anders aus: Die Weltanschauung, welche die Bibel für Gottes Wort und alleinige Wahrheit hält, gewinnt weltweit immer mehr Anhänger.

In den Vereinigten Staaten bezeichnen sich rund 53 % aller Erwachsenen schon heute als Fundamentalisten. Auch in Deutschland gibt es beunruhigende Tendenzen: Laut [2] fowid glauben 39 % der Deutschen nicht an die Evolutionstheorie - die am besten belegte wissenschaftliche Theorie überhaupt. 25 % der Befragten stimmen stattdessen mit Kreationismus oder Intelligent Design überein, fundamentalistische Konzepte über die Entstehung der Welt.Auf die Anmerkung, die Evolutionstheorie sei trotz allem “nur eine Theorie”, antwortete der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in der BBC-Doku “The root of all evil”: “Ich nenne sie den Fakt der Evolution!” Ein kleiner Exkurs zu Aufklärungszwecken: Tatsächlich gibt es in den Naturwissenschaften nur Hypothesen und Theorien. “Fakt” ist kein wissenschaftlicher Begriff, da er Unangreifbarkeit vermittelt, obwohl es in der Wissenschaft auch um ständige Überprüfung von Theorien geht. Die am besten belegten Theorien, wie die Kugelform der Erde oder die Evolutionstheorie, werden nur umgangssprachlich als Fakten bezeichnet. Aus dieser Sicht allerdings ist die Evolutionstheorie ein Fakt und genau so wahr wie die Umkreisung der Sonne durch die Erde.

Anhänger des Kreationismus oder der zugehörigen Pseudowissenschaft Intelligent Design glauben: Gott hat die Welt innerhalb von sechs Tagen erschaffen. Alle Lebewesen hat er so erschaffen, wie es sie heute gibt, eine Evolution fand und findet nicht statt. Dinosaurier und Menschen wandelten zur gleichen Zeit über die Erde, wenn es Dinosaurier überhaupt gab. Das Alter des Universums beträgt nicht mehr als ein paar tausend Jahre. Christliche Fundamentalisten, zu denen ich hier auch die Evangelikalen, die “Endzeitchristen”, zähle, warten laut [3] Neiman auf die kurz bevorstehende Wiederkehr von Jesus Christus und auf das jüngste Gericht, welches Jesus laut der Offenbarung des Neuen Testaments mit sich bringt. In dieser Bibelpassage wird die Vernichtung aller Un- und Andersgläubigen durch Gott beschrieben.

89 % der Amerikaner glauben an den Himmel, also an das Leben nach dem Tod an Gottes Seite, während 72 % an die Hölle und an den Teufel glauben. Nur vier Prozent befürchten, ihr Nachleben auch dort verbringen zu müssen.Donald Hodel, Minister für Energie und Innenminister unter Reagan [4] sagte 2004: “Es ist eine Tatsache, dass es ohne die harte Arbeit und die Stimmen von Millionen Christen, die nicht schweigen wollten, keine republikanische Mehrheit in beiden Häusern des US-Kongresses gäbe, keine Präsidentschaft Bushs, nur wenig republikanische Gouverneure und bloß eine Hand voll Landtagsgebäude in republikanischer Hand.”Auch US-Präsident George W. Bush ist ein christlicher Fundamentalist. Er gehört den “born again Christians”, den “wiedergeborenen Christen” an. “Der Herr ist ein Kriegsheld, Jahwe ist sein Name” (Exodus 15) heißt es in der Bibel, “Ich bin ein Kriegspräsident”, ist einer von Bushs bekanntesten Sprüchen.

Evangelikale für Israel

Laut dem Telepolis-Artikel [5] Armageddon und der apokalyptische “Holocaust” freuen sich evangelikale Endzeitchristen über jedes Anzeichen eines dritten Weltkrieges. Im finalen Endkampf spielt Israel eine entscheidende Rolle, was auch der Grund für sehr viele US-Amerikaner ist, das andere auserwählte Volk politisch zu unterstützen. Wenn Daniel Ayalon, Israels Botschafter in den USA, jedoch wüsste, was die Evangelikalen letztendlich mit den Juden vorhaben, würde er sich bestimmt nicht mehr über die Unterstützung der USA freuen.Zwischen Juden und Christen scheint es zunächst nur eine kleine Uneinigkeit zu geben, nämlich bei der Frage, ob der Messias erst noch kommt, was die Juden glauben, oder ob er wiederkehrt, was die Christen glauben. Ayalon sagte laut dem Artikel [6] Die “Road Map” führt nach Armageddon von Tagesschau.de dazu: “Wenn der Messias erscheint, dann werden wir ihn eben einfach fragen, ob er zum ersten Mal kommt oder ob er nur zurückgekehrt ist. Ob wir also alle Juden oder alle Christen sind. Und solange er nicht gekommen ist, lasse ich mir darüber keine grauen Haare wachsen.”

Der [7] Heilsplan der Evangelikalen zur Erzielung eines letzten Gerichts enthält reinen Kapitalismus ohne staatliche Eingriffe, Militarismus inklusive Atomwaffengebrauch und US-amerikanische Weltherrschaft. Begründung: Das alles soll Jesus vorgelebt haben.

Tatsächlich finden sich militaristische Stellen im Neuen Testament - man muss die pazifistischen Passagen allerdings gewollt überlesen und zusätzlich über eine ausufernde Fantasie verfügen, um sie auf die moderne Zeit zu übertragen. So sagt Jesus Christus laut Matthäus 10, 34-38: “Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen , sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. So werden des Menschen Feinde seine eigenen Hausgenossen.” Kein Wunder, dass Priester derartige Passagen in europäischen Gottesdiensten verschweigen.

Der US-Imperialismus, den Evangelikale anstreben, lässt sich jedoch in keinster Weise mit der Offenbarung begründen. Im Gegenteil: Die Offenbarung ist eine radikale Absage an den Imperialismus der Römer - ein Punkt, in dem sich frühe Juden und Christen einig waren. Und warum der jüdische Wanderprediger Jesus an der Weltherrschaft der USA - die es damals noch gar nicht gab - interessiert gewesen sein soll, erklären John F. und John E. Walvoord, zwei christliche Fundamentalisten, [8] folgendes über Jesus:

“Bei seinem ersten Kommen auf dieser Erde wurde Jesus Christus in einem Stall geboren, relativ unbemerkt von der Welt […] in einer Zeit relativen Friedens […] Das zweite Kommen Christi wird keine ruhige Krippenszene sein. Es wird das dramatischste und erschütterndste Ereignis in der gesamten Geschichte des Universums sein. […] Alle bösen Heerscharen werden vernichtet […] Städte werden buchstäblich zusammenfallen, Inseln versinken und Berge verschwinden. […] Und so werden die Herrscher und Armeen, die sich der Wiederkehr Christi widersetzen, in einem Massenblutbad vernichtet.”

Der Islam ist für fundamentalistische Christen das Werkzeug des Bösen. Ihrer Ansicht nach haben Christentum und Islam keine gemeinsamen Wurzeln. Alle Muslime, die in Länder mit “abendländischer Kultur” eingewandert sind, sollen Teil des “dämonischen Systems” des Islams sein.
Cover aus der Left Behind Series Endzeitchristen für die Vernichtung der Juden

Evangelikale wiederholen immer wieder folgendes Bibelzitat:”Wer an ihn (Jesus Christus) glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. ” (Johannes 3, 18) Ein evangelikaler Prediger [9] sagte über den Massenmord der Juden durch die Nazis:”Indem er das erhaltene Volk in das erhaltene Land zurücktreibt, hilft Hitler, der selbst nicht an die Bibel glaubt und das Wort Gottes verhöhnt, die herausragendste biblische Prophezeiung zu erfüllen.”

Hier könnten sich die Fundamentalisten jedoch irren. Hitler hat sich oft genug als gläubiger Mensch bezeichnet und vor allem massiv biblische Sprache benutzt. Zum Beispiel in einer Rede vor Industriellen am 26. Juni, 1944:

“Oft kommt es mir so vor, als wenn wir Deutschen durch alle Prüfungen des Teufels hindurch müssen, bis wir unseren Endsieg errungen haben! Ich bin ein frommer Mensch und glaube, dass derjenige, der den Naturgesetzen, die ein Gott geschaffen hat, entsprechend tapfer kämpft und nie kapituliert, sondern sich immer wieder aufrafft und immer wieder vorwärts geht, dass der dann auch von dem Gesetzgeber nicht im Stich gelassen wird, sondern am Ende doch noch den Segen der Vorsehung bekommt. Denn das ist allen großen Geistern auf dieser Erde zuteil geworden.” (Zitat aus dem Buch “[10] Abschied von der Bibel” von Norbert Rohde aus dem Jahr 2004, Seite 9-10)

Egal, ob Hitler biblische Prophezeiungen erfüllen wollte oder nicht, christliche Fundamentalisten wollen es auf jeden Fall. Und eines steht fest: Sobald die Evangelikalen der Meinung sind, Jesus sei nach Israel zurückgekehrt, geht es den Juden an den Kragen, mal wieder. Diesmal sind jedoch auch die Moslems dran, genau wie natürlich die Hauptfeinde aller Religionen, die Atheisten.

Ungläubige wurden in der amerikanischen Geschichte schon immer als das Böse und Unmoralische schlechthin dargestellt. In [11] Ungläubig - und das ist auch gut so schreibt Ralf Grötker und bezieht sich auf Umfragen in den USA, dass Amerikaner “eher jemanden zum Präsidenten wählen, der entweder schwarz, homosexuell, weiblich oder Mormone wäre, als einen atheistischen Kandidaten.” Dieser Umstand erhält besondere Brisanz durch die Tatsache, dass 60 % aller amerikanischen Wissenschaftler und 93 % der Mitglieder der National Acadamy of Sciences Atheisten sind. Ein Großteil der geistigen Elite des Landes glaubt nicht an Gott.

Doch nicht nur Ungläubige, auch moderate Christen kommen nach den Vorstellungen der Evangelikalen vor das jüngste Gericht der religiösen Rechten, wie überhaupt jeder, der ihre Wahnvorstellungen nicht teilt. Für immer mehr Menschen ist das Mittelalter nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2006/08/18/christliche-fundamentalisten-ruesten-fuer-den-endkampf/

Links im Artikel:
[1] Rechts und fromm: http://www.zeit.de/2004/42/Amerika_2fNeiman
[2] fowid: http://fowid.de/nc/datenarchiv/uebersicht/themenfeld/was-glaubt-wer-glaubt/
[3] Neiman: http://www.zeit.de/2004/42/Amerika_2fNeiman
[4] sagte 2004: http://www.zeit.de/2004/42/Amerika_2fNeiman
[5] Armageddon und der apokalyptische “Holocaust”: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23322/1.html
[6] Die “Road Map” führt nach Armageddon: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,,OID5782498_REF1,00.html
[7] Heilsplan der Evangelikalen: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23322/1.html
[8] folgendes: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23322/1.html
[9] sagte: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23322/1.html
[10] Abschied von der Bibel: http://www.amazon.de/gp/product/customer-reviews/3833415770
[11] Ungläubig - und das ist auch gut so: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15785/1.html

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