Eine Diplomarbeit oder eine Dissertation? Mach’s einfach! Mach’ es mit “Copy and Paste”, mit “Kopieren und “Einfügen”! Das scheint ein beliebter Leitfaden an deutschen und österreichischen Universitäten zu werden.
Bei ihrer Magisterarbeit über “Wickie und die starken Männer” hat die Studentin Elisabeth N. an der Universität Klagenfurt zu oft diese beiden Tasten gedrückt. Ihre Abhandlung über den Wikingerknaben (Arbeit Nr. K-279/Winter) geriet zu einer Versammlung von nicht ausgewiesenen Zitaten aus rund 20 Quellen. “Wickie” wurde als Plagiat entlarvt, was ab 17.8. unter der Internet-Adresse http://www.wickieplagiat.2.ag/ Länge mal Breite bewiesen wird. Gegen N. war am 8.8. von der Universität Klagenfurt ein Verfahren zur Aberkennung des Magistertitels eingeleitet worden. Außerdem verlor sie ihre Assistentenstelle im Institut für Kommunikationswissenschaft, die sie nach Beurteilung ihrer Arbeit mit “sehr gut” erhalten hatte.
Der Salzburger Privatdozent Stefan Weber schätzt, dass ein gutes Drittel der Arbeiten an österreichischen und deutschen Universitäten über weite Strecken Plagiate sind. Der akademische Detektiv kann auf elf Fälle zurückblicken, in denen er Dissertationen und Diplomarbeiten als Plagiate entlarvt hat. Weber war auf das Problem gestoßen, nachdem seine eigene Dissertation über Erkenntnistheorie über weite Strecken gleich mehrmals kopiert worden war. So hatte an der Universität Tübingen ein Student mit einer Dissertation über “Beobachterzentrierung und negative Theorie” ein Doktorat mit Auszeichnung erworben. Da er nachweisbar aus Webers Arbeit kopiert hatte, wurde ihm der Titel wieder aberkannt.
An der Universität Klagenfurt hat Weber mit “Wickie” bisher nur einen Fall aufgedeckt, doch will er weitere Arbeiten am “Institut für Kommunikationswissenhaften” unter die Lupe nehmen. Das Institut unter Leitung von Matthias Karmasin hat die Studierenden via Internet gewarnt: “Plagiate Stop!” heißt es auf einem Stoppschild in dicken Buchstaben. “In letzter Zeit mussten wir bei schriftlichen Arbeiten… eine Zunahme an nachgewiesenen Plagiaten feststellen… Ab sofort ist daher mit allen Arbeiten eine eidesstattliche Erklärung abzugeben, in welcher mit Unterschrift bestätigt werden muss, die vorgelegte Arbeit selbstständig verfaßt zu haben…Zusätzlich ist eine Version auf CD abzugeben…Bei Plagiatsvergehen kommt es zu einer Verwarnung durch den Institutsvorstand….”
Die Universitäten in Wien und in Klagenfurt wollen nun für das kommende Semester Software-Systeme wie “Mydropbox” installieren, mit denen Plagiate schnell erkannt werden. Das Problem reicht in die Grundlagen wissenschaftlicher Forschung. Zitate aus vorausgegangenen Werken und Arbeiten sind notwendig und sollten erlaubt sein. Sie müssen aber als solche genau ausgewiesen werden. Hier ist die Grenze je nach Fachbereich umstritten, doch gilt allgemein, dass eine Arbeit nicht mehr als zwanzig Prozent Zitate enthalten sollte. Textübernahmen ohne Quellenangaben sind als Plagiate nicht erlaubt.
Elisabeth N. hatte ihre Arbeit über Wickie auf 121 Seiten angelegt, von denen, wie Weber genau nachwies, 25 Seiten ohne Quellenangaben Plagiate und nahezu wortgleiche Kopien anderer Arbeiten waren. Die Studentin nutzte vor allem eine an der TU Dresden von Jenny Haroske abgegebene Seminararbeit mit dem Titel: “Sozialisation durch Kinderfernsehen”, sowie eine Arbeit von Kerstin Esser über “Bewegung im Zeichentrickfilm.” Zusätzlich hat Elisabeth N. aus verschiedenen anderen Quellen geschöpft wie etwa aus den “Arbeitsblättern für kognitive Entwicklung”, aus dem ZDF-Jahrbuch und aus der “Wikipedia”. Das Fazit der Arbeit brachte kaum welterschütternde Einsichten: “Kinder sehen Wickie gern, weil die Sendung lustig und spannend ist.” Die Banalität des Themas hat die Studentin mit bedeutungsvoll klingenden Wortgirlanden und fachchinesischen Schachtelsätzen zu verhüllen versucht.
Professor Rainer Winter benotete im Herbst 2004 die Arbeit mit “sehr gut.” Gegenüber dem Autor wollte er sich auf Nachfrage zu diesem Fall nicht äußern.
Frau N. bewarb sich in der Folgezeit um eine neu zu besetzende Stelle als Assistentin in dem Institut. Nach der Ausschreibung meldeten sich meist aus Deutschland dreißig kompetente Bewerber. Den Posten erhielt Frau N..
Weber hatte schon im April 2006 “Wickie” als Plagiat enttarnt. Die Universität Klagenfurt setzte daraufhin eine Untersuchungskommission ein. Professor Winter verfasste am 12.4.2006 eine sogenannte OTS-Meldung, die über das für jeden offene Portal der Nachrichtenagentur APA lief und vom ORF übernommen wurde. In dieser Eigenmeldung hieß es: “Die kritisierte Diplomarbeit…ist sehr gut und methodisch innovativ…. Weber selbst hat nach meinem Wissen nie empirisch geforscht… Als eher esoterischer Theoretiker und Nicht-Soziologe fehlt ihm anscheinend die Kompetenz, um qualitativ-empirische Arbeit beurteilen zu können…” Es werde ein “neuer, international erfolgreicher Forschungsbereich” diskreditiert. Dabei handelt es sich um die Erforschung des Alltages, die einige akademische Kreise für überflüssig und entbehrlich halten. Winter äußerte weiters die Hoffnung, dass die Untersuchungskommission seinem Urteil über “Wickie” folgen würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die entlassene Assistentin will bei einem möglichen Gerichtsverfahren aus Deutschland Gutachten vorlegen, in denen die Qualität ihrer Arbeit bestätigt wird.
Weber wehrte sich via Internet gegen die Angriffe. Er hat nun das bisher nicht genau bekannte Ausmaß des Plagiates ins Netz gestellt. Weber sieht die gesamte wissenschaftliche Textkultur bedroht. Die Wirklichkeit würde immer mehr “ergoogelt” werden. In seinem Buch “Das Google-Copy-Paste-Sydrom” schreibt er: “Eine Textkultur ohne Hirn leistet nicht nur dem Netzplagiarismus Vorschub. Cyber-Neusprech bzw. Weblish, Chat und SMS-kontaminierte Bewußtseine, affirmative Bagatelle-Forschung und Bullshit-PR schaffen ein Milieu, in dem eine Kritik des Internets und seiner Verwendung systematisch ausgeblendet wird….Ein grundlegender Wandel der Kulturtechnik zeichnet sich ab.”
Anmerkung der Moderation: Der Autor hat die frühere Fassung des Textes aktualisiert und ergänzt.
Guten Tag,
ich bin erstaunt über die Offenheit und die direkte Ansprache von realen nachweisbaren Entwicklungen von Studenten, später Akademikern und dann uns als Medienkonsumenten präsentierten “Experten”.
Ich bin kein Experte, wer kann das von sich behaupten? Aber wir, ich meine den Zuschauer der Tagesschau, den Leser der “BILD”, des “STERN”s, der “Märkischen Volksstimme” usw. und etc. werden ständig mit Experten konfrontiert, mit Nachrichten, Analysen, Meinungen, die dann entsprechend des “Medienauftrages” ausgeschmückt und garniert werden.
Dabei basiert doch eigentlich alles auf “Information”. Und seit “google” haben wir das eigentliche Dilemma. Der Informationsvorsprung gegenüber dem Empfänger wird immer kleiner. Mit Internetanschluss hat jeder die Möglichkeit, sich selbst die Information zu beschaffen, die seinem Interesse, seiner eigenen Anschauung am ehesten entspricht.
Dass sich Studenten fremde, bereits abrufbare Informationen, zu Nutze machen und in ihren Abhandlungen integrieren (Quellenachweise nich vergessen!) ist nichts verwerfliches, sondern sogar erwünscht, denn warum schreiben denn Professoren sonst Bücher und Veröffentlichungen?
Das eigentliche Problem ist sich das “Schmücken mit fremden Federn”. Und da muss der Zuhörer und Zuschauer eben genau aufpassen und hinterfragen. Aber genau das passiert nicht bzw. Leserbriefe und andere feedbacks werden dann eben nicht veröffentlicht, weil es evtl. dem selbstauferlegten “Medienauftrages” nicht entspricht.
Mit “google und co.” bahnt sich eine Revolution an, die an jahrhundertalte Fundamente rüttelt: Patentschutz?, Copyrights?, Datenschutz?; Schutz überhaupt?
Ich wünsche allen Studenten viel Zeit am Computer, um so viele Informationen zusammenzutragen wie irgendwie möglich ist, aber was nutzen sie? Nicht auf das Zusammentragen von Informationen kommt es an, sondern sich selbst Gedanken machen, die eigene Wahrnehmung hinterfragen, neue Wege und Lösungen für aktuelle und sich anbahnende Probleme zu suchen und zu finden.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Lenz