Natascha Kampusch hat öfter ihrem Entführer bei Gartenarbeiten geholfen. Bekannte und Verwandte haben sie gesehen. Im Haus des Wolfgang Priklopil in Strasshof bei Wien ist der Stromzähler ausgetauscht worden. Das Bauamt kam zur Inspektion. Schließlich klopfte auch die Polizei mehrmals an die Türe. Doch niemandem ist etwas aufgefallen. Das kollektive Wegschauen dürfte diesen Fall möglich gemacht haben.
Auch dass der Mann als nahezu krankhafter Heimwerker das Haus ständig umbaute, dass er ununterbrochen klopfte und hämmerte, hat niemanden in der Siedlung von Strasshof bei Wien gestört. Priklopil hat verschiedene Umbauten bei der Gemeinde samt vorschriftsmäßigen Stempelmarken eingereicht und bewilligt erhalten. Organe der zuständigen Behörden kamen ins Haus, wie auch das E-Werk die Leitungen überprüft und den Zähler ausgewechselt hat.
Nachdem ihn die Polizei unmittelbar nach der Tat als Verdächtigen verhört, aber nichts gefunden hatte, kam Jahre später noch einmal die Polizei: Priklopil war von einem Nachbarn angezeigt worden, weil er mit einem Luftdruckgewehr auf Vögel geschossen hatte. Priklopil hatte zusammen mit einem Bekannten eine Firma gegründet. Dieser Bekannte war mehrmals im Haus und hat das Mädchen gesehen. Die Mutter des Entführers war im Haus, weil sie für ihren Sohn gekocht hat. Auch sie dürfte Natascha bemerkt haben.
Der Mann galt in der Siedlung von Strasshof als schüchtern und gehemmt. Er fuhr ein teures Auto, hatte aber keine Freundin. Er war ein Einzelgänger. Und plötzlich sah man ihn mit einer Minderjährigen im Garten. Priklopil hatte am 23.8. zusammen mit Natascha im Garten mit einem Staubsauger sein Auto gereinigt. Wie Natascha der ihr als Eskorte zugeteilten Polizistin erzählte, sei Priklopil bei einem Anruf wegen des lauten Geräuschs zur Seite gegangen. Diesen Augenblick hätte sie zur Flucht genutzt. Ihr Entführer beging Stunden später Selbstmord.
Die Polizei dürfte Fehler gemacht haben. Zeugen hatten am 2.3.1998 gesehen, wie Natascha in einen weißen Kastenwagen mit einem Kennzeichen für den Bezirk Gänserndorf gezerrt wurde. Außerdem erhielt die Polizei einen anonymen Anruf, das Priklopil ein solches Fahrzeug besitzen würde. Die Beamten überprüften in der Folgezeit etwa 700 Besitzer solcher Fahrzeuge. Unter diesen Personen war auch Wolfgang Priklopil. Wie er damals laut Polizei angab, würde er derzeit sein Haus umbauen. Er würde das Fahrzeug für den Abtransport des Bauschutts benötigen.
Das von Zeugen gesehene Kennzeichen für Gänserndorf und das Haus Priklopils in Strasshof, Bezirk Gänserndorf, hätten die richtige Spur ergeben. Eine Hausdurchsuchung unter Einsatz eines Spürhundes hätte dann wohl zu dem schalldichten und mehrfach gesicherten Verließ geführt, das Priklopil für sein Opfer gebaut hatte. Diese Durchsuchung des Hauses ist damals unterlassen worden. Nachdem das zuständige Wiener Sicherheitsbüro vier Jahre lang vergeblich untersucht, ermittelt und gefahndet hatte, wurde ihm der Fall 2002 von Innenminister Ernst Strasser entzogen.
Es ist bisher nicht erklärt worden, warum die Gendarmerie des Burgenlandes die weiteren Nachforschungen übernahm. Trotz Bildung einer Sonderkommission, der “SOKO Natascha”, kam man auch hier nicht weiter.
Der damalige Chef des Sicherheitsbüros, Max Edelbacher, äußerte in einem Interview mit der “Presse” vom 24.8. einen begründeten Verdacht: Innenminister Ernst Strasser könnte ihm damals den Fall entzogen haben, weil er, Edelbacher, dessen Reformen heftig kritisiert hatte.
Wie die Polizistin den Medien weiter erzählte, habe sie den Eindruck gewonnen, dass Natascha sexuell missbraucht worden sei. Auch der Vater des Opfers, Ludwig Koch, hat “blaue Flecken” am Körper seiner Tochter gesehen. Er wolle gar nicht über ihre Herkunft nachdenken, sagte er in einem seiner vielen Fernsehinterviews. Der bekannte Kriminalprofiler Thomas Müller sieht in der Ausübung totaler Macht das Hauptmotiv und glaubt daher nicht an mögliche Komplizen.
Natascha ist über das Wochenende psychologisch betreut worden. Nun beginnt ihre vorsichtige Befragung. Verschiedene Boulevardmedien sollen bereits mit hohen Summen winken: Wer bekommt das erste Bild Nataschas nach den acht Jahren im Verließ? Wer wird ihre Lebensgeschichte ersteigern? Wer wird bei einem Gang durch das Haus dabei sein, in dem das acht Jahre gefangene Mädchen zu einer jungen Frau herangewachsen ist.
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