Deutschlands Studierende protestieren nicht mehr – sie “gruscheln” sich über das Internet. Die jungen Leiter des StudiVerzeichnis rechnen damit, dass sich bis zum Semesterbeginn die Mehrheit der zwei Millionen deutschen Studierenden in ihrer Online-Community angemeldet haben werden.
“Schon wieder so ein Internet-Zeugs,” dachte sich Jan Marcus, Politikstudent aus Konstanz, als er zum ersten Mal von Freunden per E-Mail ins “StudiVerzeichnis” eingeladen wurde. Die Einladungen häuften sich, und so legte sich auch er eine eigene Seite in diesem “digitalem Poesiealbum” an. Schnell waren der bürgerliche Name, die Universität und die Studienrichtung eingegeben; der 23-Jährige konnte darüber hinaus noch freiwillig ein Foto von sich einfügen und beispielsweise Angaben zu seinen Vorlesungen, Liebesbeziehungen, bevorzugten Filmen und Musikern sowie seinen Jobs machen.
400.000 deutschsprachige Studierende haben es dem Konstanzer bislang gleich getan, täglich “immatrikulieren” sich bis zu 10.000 neue Nutzer im StudiVerzeichnis (kurz StudiVZ). Ehssan Dariani, der Gründer der Online-Community, schätzt, dass sich noch bis zum Ende der Semesterferien im Oktober “mehr als eine Million” Studierender die Mehrheit der deutschen Studentenschaft anmelden wird. Den 25-jährigen Volkswirtschaftler freut es besonders, dass bis zu zwei Drittel der angemeldeten Studenten die Funktionen des StudiVerzeichnis auch täglich nutzen. Sie geben beispielsweise ihre Freunde für alle sichtbar an, verschicken Nachrichten, heften Mitteilungen an die digitalen “Pinnwände” der einzelnen Mitglieder, legen Fotoalben an und organisieren sich in Gruppen mit eigenen Diskussionsforen. Und: die Nutzer der Online-Community können sich “gruscheln”, also spezielle Grußnachrichten versenden. “Der Begriff des Gruschelns ist sagenumwoben, da kann sich jeder was anderes drunter vorstellen”, sagt Ehssan lachend.
“Ich nutze das StudiVerzeichnis, um ehemalige Klassenkameraden zu finden, sporadische Kontakte wieder aufleben zu lassen und um nach Gemeinsamkeiten mit anderen zu suchen”, sagt Felix Uedelhoven, der in England und Frankreich Europastudien studiert. So habe er beispielsweise in der “Kölner im Exil”-Gruppe erfahren, wo man im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg das beste Kölsch bekommt. Der 22-Jährige blättert am Tag rund 20 Minuten durch das digitale Poesiealbum, auch weil man dort “so schön Zeit vertrödeln kann”.
Die Studenten möchten allerdings auch nicht alle ihre persönlichen Details im Internet preisgeben: “Man muss im Kopf behalten, dass es jeder lesen kann”, sagt Jan. Er würde keinesfalls Sexgeschichten, Ängste oder Informationen, aus denen man Profit schlagen kann, in sein Profil schreiben. Ehssan sagt, dass es mehrere Sicherheitsebenen im StudiVerzeichnis gebe: Zum einen könnten die Nutzer einstellen, wer was über sie sehen kann. “Wer paranoid ist, kann sein ganzes Profil sperren und nur Freunden zugänglich machen.” Zum anderen würden auf keinen Fall Daten weitergegeben und es werde auch dafür gesorgt, dass man nicht so leicht ins System einbrechen könnte. “Vertrauen ist unser größtes Kapital.”
Das StudiVerzeichnis wird laut Ehssan von den deutschen Studenten äußerst gut aufgenommen: “Die Rückmeldungen sind sehr, sehr positiv”, berichtet er. Natürlich kämen viele Vorschläge für neue Funktionen, so sollten die Techniker zum Beispiel einen Chat einbauen. Die Seite sei aber nie fertig, sondern würde kontinuierlich weiterentwickelt: “Deshalb schreiben wir zum Spaß auch ,Beta 2.0′ neben das Logo des StudiVerzeichnis”, sagt der 25-Jährige.

Die Vorbilder für die Online-Community stammen aus den USA. Nachdem Ehssan im vergangenen Jahr seinen Bachelor Volkswirtschaft in St. Gallen in der Schweiz erworben hatte, machte er ein Praktikum beim US-Ableger des deutschen Start-Ups Spreadshirt.com. Dort sah er, wie erfolgreich Seiten zum Knüpfen sozialer Kontakte wie MySpace und Facebook sind: “Sie haben sich im Alltag der Leute etabliert.” Acht Millionen amerikanischer Schüler und Studenten haben sich beispielsweise seit 2004 bei Facebook.com angemeldet, das StudiVZ sieht der Seite grafisch ähnlich. Die Internetseite MySpace.com hat 100 Millionen Mitglieder; Google zahlte 900 Millionen Dollar, um die Werbeeinblendungen für die nächsten dreieinhalb Jahre zu kontrollieren.
“In Kontinentaleuropa war im Sommer 2005 von solchen Angeboten noch nichts zu sehen”, sagt Ehssan. Da er immer schon mal “was eigenes” machen wollte, gründete er zusammen mit seinem Freund Dennis Bemmann, den er bei “Jugend forscht” kennenlernte, im Oktober 2005 das StudiVerzeichnis. “Jetzt hatte ich also eine Firma angemeldet, aber immer noch keine Wohnung”, erinnert der junge Existenzgründer sich. Er habe in der ersten Zeit immer ein WLAN-Café besucht, einen Kaffee bestellt und von dort aus gearbeitet. Der Gründer von Ehssans Praktikumsfirma Spreadshirt.com, Lukasz Gadowski, gab dem StudiVerzeichnis das erste Geld. “Es ging darum, erstmal zu sehen, ob das StudiVerzeichnis überhaupt in Deutschland ankommt.” Schnell stießen neue Leute hinzu, heute arbeiten im Büro in Berlin-Mitte rund 25 Leute. Mit dem 26-jährigen Michael Brehm verstärkt seit einigen Monaten ein Absolvent der WHU-Otto Beisheim School of Management bei Koblenz Ehssan und Dennis bei der Leitung des StudiVerzeichnis.
Der Internetunternehmer Oliver Samwer (Gründer eines Auktionshauses und des Klingeltonportals Jamba.de) wurde auf das StudiVerzeichnis aufmerksam. Er schoss frisches Geld im Austausch gegen Firmenanteile zu und berät die Studenten als Mentor. Das Projekt soll sich langfristig durch Werbung finanzieren: “Die Seite bleibt auf jeden Fall gratis”, sagt Ehssan. Um die Kosten zu decken, seien aber unaufdringliche Werbeeinblendungen nötig. “Es wird keine sich selbständig öffnenden Reklamefenster oder ähnlich nervende Werbeformen geben, sondern einige sehr innovative neue Werbekanäle”, versichert er.
Die Studenten haben trotz ihres Erfolges noch Zeit für witzige Aktionen. Eine Gruppe von acht Mitgliedern des StudiVerzeichnis marschierte am 27. Juni zum Kanzleramt, um eine Petition an Bundeskanzlerin Merkel zu überbringen. Sie baten die Regierungschefin im Namen von 2.000 Mitgliedern der StudiVZ-Gruppe “Deutschland wird Weltmeister”, beim nächsten WM-Spiel ein Trikot der Fußball-Nationalmannschaft zu tragen. Die Beamten im Kanzleramt namens mit Humor, der Pressesprecher führte sie spontan durch das Gebäude und versprach, der Bundeskanzlerin das Trikot zu überreichen.
Eine Verschnaufpause legen Ehssan, Dennis und Michael nicht ein: Sie suchen derzeit nach neuen Praktikanten und Menschen, die das Studiverzeichnis ins Französische, Italienische, Polnische und Spanische humorvoll und originell übersetzen können. Das kurzfristige Ziel ist laut Ehssan ohnehin gesteckt: “Wir wollen uns in den nächsten Wochen als dritte Kommunikationsform neben E-Mail und SMS im Alltag der Mehrheit der deutschsprachigen Studenten etabliert haben.”
Mehr im Internet: http://www.studivz.net
Schon wieder schlechte PR in der Readers Edition?
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