Ritter Kahlbutz, Wunder der Unverwesbarkeit

Seit 300 Jahren liegt der mumifizierte Ritter Kahlbutz in seiner Gruft im Havelland. Forscher und Mediziner von Virchow bis Sauerbruch bissen sich bislang am „Wunder der Unverwesbarkeit“ die Zähne aus. Wilhelm Ruprecht Frieling besuchte die geheimnisvolle Mumie. Neunzig Kilometer von Berlin und 5,5 Kilometer von Kyritz entfernt findet sich abseits

Seit 300 Jahren liegt der mumifizierte Ritter Kahlbutz in seiner Gruft im Havelland. Forscher und Mediziner von Virchow bis Sauerbruch bissen sich bislang am „Wunder der Unverwesbarkeit“ die Zähne aus. Wilhelm Ruprecht Frieling besuchte die geheimnisvolle Mumie.

KahlbutzNeunzig Kilometer von Berlin und 5,5 Kilometer von Kyritz entfernt findet sich abseits der großen Straßen am Flüsschen Dosse in Neustadt, Ortsteil Kampehl, eine uralte Wehrkirche. Seit 700 Jahren wacht sie dort und reckt ihren aus schweren Quadern erbauten spitzen Giebel trutzig in den brandenburgischen Himmel. Gepflegte kleine Gräber und eine grüne Rasenfläche zieren ihr Umfeld, eine kleine Mauer säumt das Ganze. Nichts könnte die Ruhe und Beschaulichkeit dieses Idylls im Havelland stören, hinge nicht an dem kleinen seitlichen Anbau zur alten Wehrkirche ein großes handgemaltes Transparent, auf dem Wanderer folgendes erfahren: „Halt! Besichtigt Kahlbutz, das biologische Rätsel, über 300 Jahre alt, bis heute wissenschaftlich ungelöst. Täglich von acht bis 18 Uhr Führung.“

Für fünfzig Pfennig, Kinder die Hälfte, erhielt man bereits in grauen DDR-Zeiten ein Billett vom Rat der Stadt, das zur „Kahlbutz-Besichtigung“ berechtigte. Heute kostet es entsprechend mehr. Die Tür, auf die das viel versprechende Plakat geheftet ist, öffnet sich daraufhin mit leichtem Knarren. Der Blick fällt auf eine Kammer in fahlem Lampenlicht. In diese Krypta steigt der Besucher hinab und nimmt das biologische Wunder aus nächster Nähe in Augenschein.

An der Wand der alten Wehrkirche lehnt ein rissiger Sargdeckel, daneben eine mittelalterliche Turnierlanze, auf einem erhöht angebrachten Brett finden sich schwere geschmiedete Helme. Das Rätsel selbst füllt nun die Kammer fast gänzlich aus. In einem dunklen Holzsarg mit gläsernem Deckel, den ein dickes Vorhängeschloß ziert, liegt auf weißem Linnen, den Kopf von einem Kissen gestützt, eine nackte Gestalt. 1,70 Meter groß und nur noch zwanzig Pfund leicht, scheint sie starr auf den Besucher zu blicken. Ihre Hände sind über der Brust gefaltet.

Der Tote macht einen frischen Eindruck. Die Haut wirkt lederartig und etwas eingeschrumpft, nur das linke Knie ist demoliert, und in der rechten Seite des Brustkorbs befindet sich ein größeres Loch. Auf dem Schädel sind noch ebenso wie auf der Oberlippe Haare zu finden, auch Fingernägel sind vorhanden.

Es ist der Ritter Kahlbutz, der hier in Frieden ruht. Oder doch nicht in völligem Frieden, denn jährlich kommen seit Jahrzehnten mehr als hunderttausend Besucher, um ihm seine Aufwartung zu machen. Der frühere Gutsbesitzer Christian von Kahlbutz will nämlich einfach nicht verwesen. Und das macht ihn nicht nur in den Augen der Einheimischen zu einem „biologischen Wunder“. So sei seine Geschichte, mündlich überliefert von Kampehler Generation zu Generation, der interessierten Nachwelt an dieser Stelle kurz skizziert.

Ritter Kahlbutz wurde am 3. März 1651 im väterlichen Gutshof gleich hinter der Wehrkirche geboren und führte ein Leben, das seinem Stande gemäß war. Doch zuerst musste er in den Krieg ziehen und sich bewähren. 24 Jahre jung wurde er 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin am linken Knie verwundet – wie heute noch zu sehen ist. Dies diente ihm dazu, das raue Soldatenleben an den Nagel zu hängen und seine Zelte wieder im Heimatort Kampehl aufzuschlagen. Hier hinderte ihn seine Verwundung nicht, ein reges Liebesleben zu entwickeln und die Jagd auf dörfliche Schönheiten zu eröffnen. Allerhand Erfolg scheint ihm beschieden gewesen, weist die Statistik doch nicht weniger als elf eheliche, und, was in diesem Zusammenhang wohl erheblicher ist, eine prächtige Zahl außerehelicher Kinder, Kegel geheißen, nach.

Doch auch bei Kahlbutz war der alte Schwung mal hin, und so geschah es an einem schönen Sommerabend, dass der damals 39jährige einen Korb erhielt. Dieser wurde von der schönen Schäferbraut vergeben, der unser tapferer Ritter vergeblich nachstellte. Ihr hatte es vielmehr der Schäfer angetan. Dies brachte Kahlbutz in Rage. Er machte kurzen Prozess und erschlug den armen Mann. Der Weg zur Schäferin war frei. So geschehen anno 1690.

Der adlige Mörder konnte sich den Frevel leisten, er verkörperte die Macht im Dorf und brauchte daher die stets auf diesem Auge blinde Frau Justitia nicht zu fürchten. Doch die Kampehler Bauern gerieten in Aufruhr! Sie forderten Gerechtigkeit, und so muss es wohl zu einer Gerichtsverhandlung gekommen sein. Bei dieser leistete der Gutsbesitzer Kahlbutz einen folgeschweren Schwur, der ihm heute noch anhängt. Er hob die Hand und schwor so laut, dass die ehrwürdige Wehrkirche in ihren Grundfesten erzitterte, einen Reinigungseid: „Bin ich der Mörder gewesen, will ich nach meinem Tod nicht verwesen!“

Der Ritter war der Mörder. Davon kann sich jeder an jenem Holzkasten überzeugen, der Ende des 18. Jahrhundert durch Zufall entdeckt wurde und heute in Kampehl zu bestaunen ist. Kahlbutz starb 1703, er wurde zusammen mit Vater und Großvater in der Gruft der Wehrkirche beigesetzt. Als 1783 das Geschlecht derer von Kahlbutz ausstarb, und der Gutshof den Besitzer wechselte, erinnerte man sich der Gruft. Die Särge wurden geöffnet. Während Vater und Großvater ordnungsgemäß zu Staub zerfallen waren, blieb und bleibt Sohn Christian zur Verwunderung aller vom Zahn der Zeit verschont. Unverwest erinnert er an seinen Meineid und wird alsbald zum bestaunten Objekt, ausgestellt an Ort und Stelle.

Nur die Dorfjugend zeigte keinen Respekt vor dem Ritter vom unverwesten Adel. So berichtet die Überlieferung von allerlei Schabernack, der mit dem Toten getrieben wurde. Kahlbutz wurde danach wiederholt entführt. Einmal stand er uniformiert in einem Schilderhäuschen und ließ eine Einheit napoleonischer Besatzertruppen an sich vorbei defilieren. Ein anderes Mal soll er einer Braut in der Hochzeitsnacht als Bettgefährte gedient haben. Diejenigen aber, die mit Christian ihr grausames Spiel trieben, wurden auf schreckliche Weise bestraft. Erdrosselt fand man sie im nahen Forst. Der Geist von Kahlbutz wirkte und würgte. Ruhe trat erst ein, als der Sozialismus dem Ritter einen Glasdeckel verpasste und ein Vorhängeschloss anbrachte.

Zwischenzeitlich legte auch die Wissenschaft Hand an den Unverwesten. Sauerbruch kam. Virchow öffnete 1895 den Brustkorb. Doch die von allen herbei gesehnte Erklärung des Phänomens bleibt bis heute aus. Weder Gifte, Blei noch Mumifizierungsmethoden sind nachgewiesen, der Ritter Kahlbutz bleibt ein „biologisches Rätsel“, lockt jung und alt an und treibt die Preise hoch. Die Japaner boten hunderttausend, die Amerikaner eine viertel Million. Doch Kampehl bleibt stur und lässt den Ritter in der Kiste. Der scheint es zufrieden und verzichtet in letzter Zeit auch auf das Spuken.

So bleibt dem Besucher, der die kleine Totenkammer des Ritters verlässt und wieder dem lichten Tag zustrebt, nur die Frage, ob Kahlbutz auf seine alten Tage nicht eine ähnlich geartete Gefährtin erhalten könnte. Er kann, denn es soll noch eine unverweste Gräfin bei Quedlinburg geben. Doch bei ihr ist nachweislich der Salpeter Schuld, und das bleibt fraglich, ob der Herr Ritter von der unverwesten Gestalt auch eine „Gräfin in Salpeter“ akzeptiert. Denn wählerisch war Ritter Kahlbutz schließlich schon zu Lebzeiten.

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