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100 Jahre “Hauptmann von Köpenick” (Teil I)

Montag, den 9. Oktober 2006 um 11:37 Uhr von Wilhelm Ruprecht Frieling
Bronze-Denkmal des Hauptmanns von Köpenick (Foto: dpa)

Vor genau hundert Jahren, am 16. Oktober 1906, erstürmte der als „Hauptmann von Köpenick“ bekannt gewordene Schustermeister Wilhelm Voigt das Rathaus des Berliner Bezirks Köpenick und verhaftete die fassungslose Obrigkeit. Mit seiner dreisten Tat machte der falsche Hauptmann den deutschen Untertanengeist in der ganzen Welt lächerlich. Zum 100. Geburtstag der Köpenickiade stieg Wilhelm Ruprecht Frieling in die staubigen Tiefen des Berliner Landesarchivs und recherchierte anhand der Originalakten das wahre Leben des Hochstaplers mit der Pickelhaube.

Teil II

I

Mit Sympathie verfolgt die zahlenmäßig geringe Arbeiterschaft des Städtchens Tilsit am Flüßchen Njemen an der äußersten Grenze Ostpreußens die bürgerliche Revolution von 1848/49. Hoffnungen werden geweckt auf die Entmachtung des Feudalismus und die Zusammenfügung der 38 deutschen Kleinstaaten zu einem mächtigen Nationalstaat. Auch unter den Handwerkern der Stadt gärt es. In Erwartung von Unruhen ist daher das in Tilsit stationierte Litauische Dragoner-Regiment in Alarmbereitschaft versetzt worden, Aufstände sogleich mit Waffengewalt im Keim zu ersticken. Bevor allerdings mit dem Fall der Festung Rastatt der Revolution ein Ende bereitet wird, und Fürsten und Adel ihre politische Macht wiederherstellen können, wird am 13. Februar 1849 schräg gegenüber der Kaserne der berittenen Truppe ein Ereignis gefeiert, das zumindest einen kleinen Kreis von Menschen für ein paar Tage von den Vorgängen in Deutschland ablenkt.

Denn an jenem Dienstag wird dem Schuhmachermeister Voigt ein Sohn namens Wilhelm geboren. Der wächst heran, gedeiht prächtig, besucht bald, da in Preußen bereits 1717 die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden war, die dreizügige Stadtschule von Tilsit und wechselt darauf an die Realschule, wo er ebenfalls einige Klassen absolviert. Außer Zweifel steht die Berufswahl. Wilhelm geht bei seinem Vater in die Lehre und erlernt das Schuhmacherhandwerk, einen Beruf, den mehr als eine Million Deutsche mit ihm teilen. Seine Kindheit ist ärmlich, eine Jugend bleibt ihm nicht, das durch den Tilsiter Käse berühmt gewordene Heimatstädtchen deckt ihm lediglich das Hungertuch. So geht er auf Walze, schnürt seine Habseligkeiten und zieht hinaus in die Fremde, um das große anonyme Glück zu suchen, das ihm Arbeit und einen vollen Magen verspricht.

Doch für den Wandergesellen bleiben nicht einmal die Krumen von den Tischen der Reichen. Wegen Bettelei wird er noch auf seiner Wanderschaft bestraft. Ausgemergelt, hungrig, herumgestoßen, vorbestraft und erst siebzehnjährig kommt Wilhelm Voigt in Berlin an. In der Alexandrinen-, Ecke Oranienstraße findet er Arbeit. Seine Umwelt hänselt den Dahergelaufenen, verulkt den Habenichts. Der sinnt auf Abhilfe und nutzt eines schönen Tages den Erhalt einer Postanweisung über einen Taler aus und verschafft sich Geld zur Verbesserung seiner Existenz. Der Junge schreibt eine „Zwei“ hinzu und ändert den auszuzahlenden Betrag damit in „21“ ab. Die Folgen seines Streichs sind fürchterlich. Wegen „intellektueller Urkundenfälschung“ wird er trotz seiner Jugend, trotz der Umstände, unter denen die Fälschung begangen wurde, und trotz der Geringfügigkeit des angerichteten Schadens zu nicht weniger als zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Sonnenberg abzusitzen hat.

Während Voigt hinter Kerkermauern zum Manne reift, greifen bedeutende Veränderungen in Deutschland um sich. Die industrielle Entwicklung dringt bis in die entlegenen Wipfel seiner ostpreußischen Heimat vor. Wilhelms Heimatort Tilsit wird an das Eisenbahnnetz angeschlossen, erhält eine Dampferstation im Njemen und später sogar eine elektrische Straßenbahn von insgesamt zehn Kilometern Länge. Die Tilsiter Zellstofffabrik gibt 1500 Arbeitern Brot, verändert dennoch die Lage der Lohnabhängigen nicht. Von Bismarck herausgefordert, erklärt der französische Kaiser Napoleon III. am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg, verliert ihn und muss einen Waffenstillstand abschließen. Mit der Niederlage Bonapartes ist für Bismarck der Weg frei, über die Vollendung der Einigung Deutschlands zu verhandeln. Am 18. Januar 1871 wird der ehemalige „Kartätschenprinz“ von 1849, der die bürgerliche Revolution und damit die demokratische Einigung Deutschlands militärisch niederwarf, im Versailler Schloss gekrönt und als Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen. Damit ist als Ergebnis des deutschfranzösischen Krieges im Jahre 1871 die Gründung des Deutschen Reiches unter der Vorherrschaft Preußens vollzogen. Zugleich beginnt ein halbes Jahrhundert der Kriecherei und des Götzendienstes an Seiner Majestät, vor dem sämtliche Vasallen und Bürokraten des preußischen Staates so oft in den Staub fallen, wie es ,,Seine Allmacht“ für nötig empfindet.

Wilhelm Voigt indes sind diese Vorgänge noch fremd. Er sitzt, von der Außenwelt abgeschnitten, hinter dicken Mauern aus kaltem Granit und fristet sein Dasein als Mensch dritter Klasse. Als unmenschlich und entwürdigend empfindet er die Haftbedingungen des Zuchthauses Sonnenberg. Um viertel vor fünf morgens ertönt tagaus, tagein ohne Gnade die schrille Stimme der Glocke der Haftanstalt. Mürrische und unausgeschlafene Gefängniswärter öffnen die Zellentüren, damit die Häftlinge ihre Kleidungsstücke, die sie am Abend vor die Tür legen mussten, wieder an sich nehmen und schleunigst anziehen. Bereits eine Viertelstunde später ertönt in allen 32 Zuchthäusern Preußens erneut das Glockenzeichen. Der Gefangene muss an eine in seiner Zelle aufgestellte Maschine treten und mit schwerster Arbeit beginnen. Um sechs Uhr darf er seine Tätigkeit für eine Viertelstunde unterbrechen, ein schmales Frühstück harrt seiner, schon ruft die Glocke abermals, und des Tages Stumpfsinn an der Maschine wird fortgesetzt. Um zwölf Uhr reicht man dem Zuchthäusler eine Wassersuppe in die Zelle. Eine Stunde darauf wird der Gefangene wieder an die Maschine getrieben. Gegen drei Uhr am Nachmittag holt der Wärter den Verurteilten erstmals aus der Zelle, weist ihn mit barschen Worten zurecht, setzt ihm eine dunkle Gesichtsmaske auf, um jeglichen Kontakt zu seiner Umwelt zu verhindern und lässt ihn im Zuchthaushof wie einen Ackergaul eine halbe Stunde im Kreis herumtrotten. Bei Strafe ist es verboten, stehen zu bleiben, Zeichen zu geben oder etwa mit jemandem zu sprechen. Fürchterlich mag das jahrelange Schweigen auf die armen Kreaturen wirken, die nun wieder in ihre Zellen zurückgetrieben werden, erneut an ihre Arbeitsstätten treten und bis 18.30 Uhr weiter ihren Stumpfsinn pflegen. Dann ist der Tag beendet.

Trotz dieser inhumanen Bedingungen verhält sich Wilhelm Voigt ruhig und fleißig. Als Anhänger der Arbeiterbildungsvereine liest er viel und versucht, sich weiterzubilden. Doch das im preußischen Staat entstandene Sprichwort „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst…“ soll auch an ihm nicht vorübergehen. Kaum ist er wieder in Freiheit, spricht ihn ein ehemaliger Mithäftling an, ein Kalfaktor namens Kallenberg. Der will ihn zu einer neuen Tat verleiten, die Voigt jedoch ablehnt. Kallenberg setzt ihm zu, der Hunger stellt weitere Argumente, und als schließlich schon die Brechwerkzeuge auf dem Tisch liegen, willigt der Schuster ein. Gemeinsam fahren sie nach Wongrowitz und brechen dort in die Gerichtskasse ein.

Doch bevor sie noch einen roten Heller sehen, sind sie auch schon entdeckt und von der Gendarmerie verhaftet. Voigt gesteht gleich alles ein, nennt seine Vorstrafen und hofft auf einen milden Spruch, zumal bei der Aktion niemand zu Schaden kam. Stattdessen verurteilt ihn das Landgericht Gnesen am 12. Februar 1891, einem Donnerstag, kurzerhand zu einer Höchststrafe von 15 Jahren Zuchthaus.

15 Jahre lang, das sind 5.475 Tage oder 131.400 Stunden, ist er erneut ein toter Mann, ein Mensch, der, von der Außenwelt abgeschnitten, über eben diese nachdenken soll, seine Enttäuschung über erlittene Ungerechtigkeit in sich hinein frisst, fast acht Millionen Minuten lang Hass auf die ihn zugrunde richtende Gesellschaft produziert, 473 Millionen Herzschläge lang Rachepläne auf Richter, Gendarmerie und Staat schmiedet. Als er am Montag, dem 12. Februar 1906, aus dem Zuchthaus Rawitsch entlassen wird, ist er ein stark gealterter Mann mit schütterem Haupthaar, weißem Bart und gebeugten Schultern, ein Mann, der ein Vierteljahrhundert seines Lebens hinter Kerkermauern verbringen musste. Der preußische Militarismus hat zwischenzeitlich ganz Deutschland erfasst. Dem Volk wird das letzte abgepresst, ins Unermessliche sind die Rüstungsausgaben gestiegen. Das Bürgertum zwirbelt sich die Schnurrbärte wie Kaiser Wilhelm Zwo und versucht damit, seine Loyalität zu beweisen. Die Arbeiter sind unruhig, die bürgerlich-demokratische Revolution in Russland zeigt ihre Auswirkungen. Solidaritätsaktionen sind an der Tagesordnung, unter dem Eindruck der Geschehnisse in Russland verstärken die Lohnabhängigen in Deutschland ihren Kampf um soziale Verbesserungen und demokratische Rechte.

Wilhelm Voigt lernt dies erstaunt kennen, hat aber dennoch Hoffnung, sein Leben auf menschenwürdige Weise in Freiheit fortsetzen zu können. Anstaltspfarrer Brenner hilft ihm, nach der Haftentlassung Arbeit zu finden. Dies gelingt beim Schuhmachermeister Hilbrecht in Wismar. Der will dem fleißigen Manne gern helfen, schaut nicht auf seine Vorstrafen, achtet ihn als gleichberechtigt und vollwertig. Vom 23. Februar bis zum 21. Mai 1906 ist Voigt in Wismar tätig, dann versetzt ihm die Obrigkeit einen neuen Messerstich ins Herz. Denn über den Vorbestraften ist noch die berüchtigte preußische Polizeiaufsicht verhängt, eine Maßnahme, die ursprünglich der Kontrolle der aus der Haft Entlassenen dienen sollte, im Laufe der Jahre aber immer mehr zu einem brutalen Unterdrückungsinstrument gemacht wurde. Der Schuhmacher wird also in Wismar auf die Polizei geladen und wegen der Polizeiaufsicht „als eine für die öffentliche Sicherheit und Moralität gefährliche Person“ aus Mecklenburg ausgewiesen.

Voigt muss erneut sein Bündel packen und wieder in die weite Welt hinausziehen. Die Grenzen des preußischen Staates allerdings darf er nicht überqueren, denn ein Antrag auf Aushändigung eines Passes wird Voigt verweigert. Er durchwandert also die deutschen Lande und erleidet in nicht weniger als 30 weiteren Orten das gleiche Schicksal der Ausweisung durch die Polizei, die sich um die Wiedereingliederung des Gestrauchelten in das gesellschaftliche Leben einen Dreck schert. Der Wanderer kehrt nach Berlin zurück, wird vor die Tür gesetzt, zieht nach Rixdorf, darf auch dort nicht bleiben. Er meldet sich nach Hamburg ab, bleibt jedoch heimlich in Berlin. All sein Sinnen und Trachten ist nun endgültig darauf ausgerichtet, der Ministerialbürokratie eins auszuwischen; den Staat in all seiner menschenfeindlichen Lächerlichkeit zu entlarven, der Untertanenfabrik des zweiten Wilhelm eine Narrenkrone aufzusetzen, die sie so schnell nicht wieder los wird. Der Plan des Hauptmanns von Köpenick ist geboren.

Fortsetzung folgt.

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6 Reaktionen zu “100 Jahre “Hauptmann von Köpenick” (Teil I)”

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  1. U. Wilmers

    am 9. Oktober 2006 um 17:14 Uhr | Link | Kommentar melden

    freue mich schon auf den 2. Teil. Wann wird er erscheinen? Dank an den Autor für seine Mühe!

  2. Florian Surek

    am 9. Oktober 2006 um 17:25 Uhr | Link | Kommentar melden

    Hallo Herr Wilmers!
    Den zweiten Teil gibt es morgen früh in der Readers Edition, der dritte Teil folgt übermorgen..

  3. Readers Edition » 100 Jahre „Hauptmann von Köpenick“ (Teil II)

    am 10. Oktober 2006 um 08:30 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Teil I […]

  4. hilbrecht jürgen

    am 10. Oktober 2006 um 09:29 Uhr | Link | Kommentar melden

    Wollte mich nur melden. Mehr nach meiner premiere

  5. Readers Edition » 100 Jahre „Hauptmann von Köpenick“ (Teil III)

    am 11. Oktober 2006 um 10:15 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Teil I Teil II III […]

  6. anita

    am 9. Januar 2008 um 11:14 Uhr | Link | Kommentar melden

    hallo ich finde den wilhelm richtig süüüß.. warum lebt er denn nich mehr ? :(
    naja traurig aber war.. in liebe anita

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