Vor genau hundert Jahren, am 16. Oktober 1906, erstürmte der als „Hauptmann von Köpenick“ bekannt gewordene Schustermeister Wilhelm Voigt das Rathaus des Berliner Bezirks Köpenick und verhaftete die fassungslose Obrigkeit. Mit seiner dreisten Tat machte der falsche Hauptmann den deutschen Untertanengeist in der ganzen Welt lächerlich. Zum 100. Geburtstag der Köpenickiade stieg Wilhelm Ruprecht Frieling in die staubigen Tiefen des Berliner Landesarchivs und recherchierte anhand der Originalakten das wahre Leben des Hochstaplers mit der Pickelhaube.
II
Am Montag, dem 8. Oktober 1906, sucht Wilhelm Voigt, der gelernte und illegal in Berlin lebende Schuhmacher, einen Trödlerladen auf und kauft von seinen letzten Ersparnissen mehrere Uniformstücke. Er stellt sich die Ausrüstung eines Hauptmannes des l. Garderegiments zu Fuß zusammen, einer Truppe, die in unmittelbarer Nähe des Kaisers wirkt. Dazu gehören ein grauer Offiziersmantel und ein Überrock, Militärhosen und eine Feldbinde, ein Degen mit Koppel und Anschlusssporen. Einen gewünschten Helm mit Gardestern und Adler findet er nicht, darum greift er zu einer Militärmütze, die ihn gut kleidet. Voigt rasiert seinen Vollbart ab und lässt lediglich einen mächtigen weißen Schnauzbart stehen, der ihm das nötige militärische Aussehen verleiht. Am Dienstag, dem 16. Oktober 1906, setzt der falsche Hauptmann seinen Plan in die Tat um.
Früh um drei Uhr steht er auf, nimmt die Uniformstücke, die er in einem Pappkarton aufbewahrt, geht zur Jungfernheide und zieht sich dort um. Aus dem vorbestraften Schuster Wilhelm Voigt aus Tilsit wird so der Hauptmann von Mahlzahn des l. Kaiserlichen Garderegiments zu Fuß. Seine Zivilkleidung muss der Kostümierte zurücklassen. Er fährt sodann zum Schlesischen Bahnhof und nimmt von dort um 4.43 Uhr den ersten Zug nach Köpenick, um sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen und das Gelände genau zu inspizieren, bevor er zur Tat schreitet. Auf dem Weg vom Bahnhof Köpenick in die Stadt begegnen ihm allerdings wiederholt Arbeiter der großen Köpenicker Seidenfärberei, aus der Linoleum- und Glasfabrik, die hämische Bemerkungen über den kaiserlichen Offizier machen, der als Vertreter Seiner Allmacht auf Erden einsam die Straße entlang marschiert. Der zieht sich, um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, schleunigst zurück und kehrt nach Berlin um. Hier betritt er gegen zehn Uhr die in der Nähe der Militär-Schwimmanstalt Plötzensee gelegene Gastwirtschaft Reichel in der Seestraße 3, trinkt einige Mollen, liest Zeitung, isst schließlich zu Mittag und bricht dann satt und zufrieden gen Plötzensee auf.
Rechtzeitig zur Wachablösung trifft Voigt alias von Mahlzahn an der Militär-Schwimmanstalt ein. Dort ist gerade die neue Wache eingetroffen, die alte will nach Berlin zurückmarschieren. In seiner perfekten Verkleidung geht der Schuhmacher auf den wachhabenden Unteroffizier zu, ruft ihn an und erklärt, die Mannschaft hätte sich auf allerhöchsten Befehl zu seiner Verfügung zu stellen. Eine Kaiserliche Kabinettsorder ermächtige ihn, die Mannschaft zur Ausführung einer Verhaftung mit sich zu nehmen. Der Unteroffizier solle sich schleunigst nach seiner Kaserne zurückbegeben und mitteilen, dass die Mannschaft von einem Vorgesetzten, der im allerhöchsten Auftrage handele, in Empfang genommen wurde. Der Unteroffizier salutiert, folgt willig und voll blindem Gehorsam dem schneidenden Befehl des Vorgesetzten, während sich seine Leute unverzüglich unter das Kommando des Herrn Hauptmann stellen. Der Gefreite Klapdohr wird vom Hauptmann zum Abteilungsleiter ernannt, und schon macht sich die waffenstarrende Truppe samt des Hauptmanns auf zum Bahnhof Putlitzstraße. Dort löst von Mahlzahn für die Soldaten Fahrkarten dritter Klasse, um selbst entsprechend der militärischen Rangfolge in der zweiten Klasse Platz zu nehmen. Dann beginnt die Fahrt.
In Köpenick, dem Ziel der Reise, angekommen, wird schnell noch ein Mittagessen eingenommen. Darauf lässt der Hauptmann die gesättigte Truppe vor dem Bahnhof antreten. Stiefel scharren, Waffen klirren, Kommandos ertönen, und nach der Order: „Zu dreien rechts und links schwenken! Seitengewehr pflanzt auf!“ geht es in geschlossenem Zuge nach Köpenick hinein. Um drei Uhr nachmittags kommen sie vor dem Rathaus an. Ein Doppelposten nimmt vor dem Haupteingang, ein anderer vor dem Ratskeller, ein dritter vor dem Eingang in der Böttcherstraße Aufstellung. Keiner darf aus dem Gebäude heraus, niemand hinein. Der Rest des Kommandos stürmt das Gebäude mit aufgepflanztem Seitengewehr.
Schwere Stiefelschritte schrecken die Köpenicker Stadtverwaltung aus ihrem Mittagsschlummer. Erschrockene Augenpaare blinzeln über sorgfältig geglättetem Butterbrotpapier den Ereignissen entgegen. Zarte weiße Händchen krampfen aufgeregt zusammen, sauber gefeilte Fingernägel bohren sich in das Holz der Schreibtische, hinter denen sich die Obrigkeit sonst zu voller Blüte entfaltet. Energisch wird die Tür zum Arbeitszimmer des Bürgermeisters Dr. Langerhans geöffnet. Ein Offizier, gefolgt von zwei Grenadieren in feldmarschmäßiger Ausrüstung und mit aufgepflanztem Seitengewehr tritt ein. Der Offizier, der den Mantel und die Achselstücke eines Hauptmanns des l. Garderegiments zu Fuß trägt, tritt dicht an den an seinem Schreibtisch Sitzenden heran und fragt: „Sind Sie der Bürgermeister von Köpenick?“ Langerhans bejaht dies und erfährt: „Sie sind auf Allerhöchsten Befehl mein Arrestant und werden sofort nach Berlin abgeführt.“
Ein siedend heißer Schreck durchzieht den Bürgermeister. Der Kaiser, Verhaftungen, Intrigen! Ist es der Landrat, der Minister, oder etwa ein Komplott strebsamer Untergebener? Die Frage drängt auf seine Lippen „Ich bitte mir …“, da unterbricht ihn der befehlsgewohnte Offizier schroff: ,,Sie haben gar nichts zu bitten! Ich habe Ihnen schon gesagt, Sie sind mein Arrestant.“ Er winkt den beiden Grenadieren, die drohend bis auf zwei Schritt an Langerhans herantreten. „Ich möchte den Haftbefehl sehen,“ erklärt der Schreckensbleiche mit allerletzter Kraft. Doch mit Hauptmann von Mahlzahn ist nicht zu scherzen. „Meine Legitimation sind hier diese Mannschaften. Das weitere wird man Ihnen auf der Neuen Wache in Berlin, wohin Sie jetzt transportiert werden, zeigen!“
Weitere Verhaftungen werden vorgenommen. Da steht der Oberstadtsekretär Rosenkranz, der zitternd vor dem Befehl der Allerhöchsten Majestät auf jeden Widerspruch verzichtet und mit stummer Inbrunst den Himmel um Vergebung für alle seine großen und kleinen Sünden anfleht. Inhaftiert wird Stadtkassenrendant von Wiltberg, der den Auftrag erhält, sofort die Stadtkasse vorzuzählen und augenblicklich an den neu ernannten Hauptmann von Köpenick auszuhändigen. Sorgfältig werden 4.000 Mark und 70 Pfennige vor ihm ausgebreitet, in einen Beutel getan, versiegelt und Herrn von Mahlzahn gegen Quittung ausgehändigt. Würdig unterschreibt der Befehlsgewaltige.
Mittlerweile hat sich die Nachricht von der Verhaftung des Bürgermeisters und weiterer Staatsdiener durch eine Soldaten-Abteilung des Kaisers mit Windeseile in Köpenick verbreitet, denn Gerüchte legen bisweilen eine Geschwindigkeit an den Tag, die diejenige des Schalls bei weitem übertrifft. So versammeln sich alle der rund 26.000 Köpenicker Seelen, die von der Kunde vernommen, vor dem Domizil der Stadtverwaltung. Polizeidiener und Gendarmen haben alle Hände voll zu tun, die Menge im Zaum zu halten. Sie dulden nicht, dass irgendjemand die Befehle des Herrn Hauptmann und neuen Stadtkommandanten von Köpenick missachtet. Lediglich der Herr Polizei-Inspektor übergeht den Befehl des kaiserlichen Abgesandten und verlässt sein Bürozimmer im Rathaus, um unterwürfig an den Gewaltigen heranzutreten. Er hat bereits vor geraumer Zeit in der Badestube des Rathauses ein warmes Bad bestellt und bittet recht höflich, unbeeindruckt von dem Getümmel, dieses nehmen zu dürfen. Mit herablassender Freundlichkeit wird es ihm sogleich von Voigt genehmigt.
Draußen vor dem Rathaus werden Schmährufe laut. Auf Befehl des Hauptmanns sind drei Pferdefuhrwerke vorgefahren, Bürgermeister Dr. Langerhans, die Zielscheibe des Spotts, darf sich noch von seiner Frau verabschieden, dann werden sämtliche Arrestanten in die Fahrzeuge verladen und unter starker Bedeckung zur Neuen Wache nach Berlin gebracht. Seelenruhig bewegt sich der Hauptmann von Köpenick vor der Menschenmenge, den Gendarmen, Polizeidienern, den alarmierten Stadträten und Stadtvätern, die hilflos vor dem Rathaus stehen und gibt Befehl, in einer halben Stunde die Posten einzuziehen. Die Mannschaften sollen dann nach Berlin abrücken, er selbst wolle schon vorausfahren. Spricht, verabschiedet sich von seiner ergebenen Truppe, begibt sich mit dem Gelde zum Bahnhof, löst eine Fahrkarte nach Berlin und fährt unbehelligt unter dem Hallo und Hurra der Menge davon.
Fortsetzung folgt.
Toll! Herzlichen Dank. Freue mich schon auf Teil III. Eine schöne Idee, anlässlich des Jahrestages über die Hintergründe und Geschichte des Hauptmanns von Köpenick zu schreiben. Sprachlich war Teil II auch noch besser, hat Spaß gemacht es zu lesen.