Streik bei Stern Shortnews: Bürgerjournalisten fordern Selbstbestimmung
Artikel von Johannes Mayr vom 10.10.2006, 14:02 Uhr im Ressort Web & Technik | 23 Comments
Wäre ich nicht schon über zwei Jahre dabei und hätte ich in diesem Zeitraum nicht unzählige Nachrichten in Suchmaschinen wie [1] Google-Nachrichten gefunden, gelesen, auf höchstens 750 Zeichen zusammengefasst und bei der [2] „grössten News-Community Deutschlands“ eingeliefert, hätte mich der im vergangenen Monat dort ausgebrochene Konflikt zwischen Mitgliedern, Lesern und den Betreibern von „[3] Stern Shortnews“ wohl kaum tangiert. Wenn ich dann die folgenden Zeilen schreibe, tue ich dies ausschliesslich, um anhand dieser Vorkommnisse zu beginnen, die Möglichkeiten und Grenzen einer Website mit „user generated content“ zu eruieren. Was ist dabei hilfreicher als ein Konflikt, aus dem alle Beteiligten lernen können.
In der Nachrichtenplattform auf [4] stern.de, die von der in Regensburg ansässigen Gonamic GmbH betrieben wird, dürfen die Mitglieder (die Mitgliedschaft ist kostenlos) ihre eigenen Nachrichten verfassen. Diese müssen nur aus einer anerkannten und überprüfbaren deutschen oder englischen Nachrichtenquelle stammen und sollen höchstens die schon erwähnten maximal 750 Zeichen – ohne den Titel, hierfür werden 80 Zeichen bereit gestellt – umfassen. Belohnt werden die „Newser“, das sind diejenigen die Nachrichen einliefern, mit Punkten, die sie mittels eines ausgefeilten Systems ansammeln und gegen Prämien eintauschen können. Die „shortnews“ müssen auf Richtigkeit, Orthografie und den Stil überprüft werden, bevor sie veröffentlicht werden. Einmal publiziert, können die Besucher der Webseite die Kurz-Nachrichten kommentieren aber auch qualitativ bewerten.
Bei Stern Shortnews Germany (SSN) sind nach eigenen Angaben über 300.000 Mitglieder registriert; es wird geschätzt, dass davon etwa 20.000 regelmässig die Seite besuchen, zu Spitzenzeiten sind um die 450 Mitglieder eingeloggt. Betreut wird Stern Shortnews von einem festen Mitarbeiterstamm, der während der [5] Jahre die die Plattform schon existiert, von frei mitarbeitenden Helfern unterstützt wurde.
Am 21. September diesen Jahres wurde dann bei „Stern Shortnews“ eine Bombe gezündet: „Hallo Zusammen, leider muss ich Euch heute mitteilen, dass wir die Betreuung von „Stern Shortnews“ umorganisieren werden. Stern Shortnews wird ab sofort nur noch von internen Mitarbeitern betreut, die die Aufgaben der Admins, Channelmaster und Forenmoderatoren übernehmen werden.…” Dies waren die einführenden Worte, mit denen das Management des Internetforums die Veränderung bekannt gab. Mehr als fünfzehn Channelmaster und News-Checker, die bisher als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Betreiber tätig waren, konnten an diesem und den folgenden Tagen zusammen mit all denen die die Nachrichtenplattform besuchen im dortigen Forum nachlesen, dass sie ihre Posten verloren hatten – die grösste Nachrichtencommunity Deutschlands stand Kopf.
Virtueller Streik
Nach der ersten Sprachlosigkeit und verwirrten Reaktionen von Ex-Forenmoderatoren, Ex-Nachrichten-Checkern und SSN-Mitgliedern die sich um den Verbleib ihrer bisherigen Betreuung sorgten, wurden Proteste gegen die Art und Weise, wie die Umorganisation von den Verantwortlichen vorgenommen worden war, laut. In den Foren der Nachrichtenplattform wurde um Klärung gebeten und nachdem die Anfragen verhallten kurzerhand zum „virtuellen Streik“ (der eigentlich eher ein Boykott war) aufgerufen. Viele der aktiven News-Schreiber, die regelmässig Nachrichten eingeliefert hatten, legten vorerst die Feder nieder. Im Forum wurde eine [6] Unterschriftenaktion organisiert. Die Petition, in der gebeten wurde, die langjährige Arbeit der ehemaligen freien Mitarbeitern zu würdigen und sich für das Vorgehen zu entschuldigen, wurde per E-Mail an den „Stern“ geschickt. Auf den Webseiten des Nachrichtenmagazins, ein Kooperationspartner der GoNamic GmbH, läuft der Ticker mit den „shortnews“. Die Unterzeichner wollten erst nach erfolgter Entschuldigung wieder Nachrichten einliefern – es blieb still. Weder vom Magazin Stern, noch von der Gonamic GmbH, aber auch nicht vom in Regensburg ansässigen Management der Content-Website, kam eine Reaktion.
Die Community reagierte: Als Streikmassnahme weigerten sich regelmässige News-Schreiber, Nachrichten bis zu einem Stichtag einzuliefern. Die Internetcommunity spaltete sich. Andere sahen nicht ein, was sie mit einer Personalentscheidung zu tun haben sollten und schrieben weiter. Eine Gruppe will als Mitglieder wahrgenommen und an Entscheidungen beteiligt werden, andere wollen ungehindert Nachrichten einliefern. „Ungehindert“, da auch Saboteure nicht fehlten, die auf der Seite veröffentlichte Kurznachrichten über willkürlich schlechte Bewertungen sperren konnten.
Virtuelles Konfliktmanagement: Aussitzen
Für die Mitglieder von Sternshortnews gab es bis zu der Umorganisation kaum eine Hemmschwelle Beiträge einzuliefern. Jung wie Alt schrieben die Nachrichten, die sie für richtig und wichtig hielten. Wer darüber zu befinden hatte, waren zunächst die Moderatoren (verantwortlich für den Prozess der Freigabe) und danach die kritische Leserschaft. Wenn es zu kleineren Unzufriedenheiten unter den „Newsern“ um unfaire Bewertungen eingelieferter Shortnews gekommen war oder Kommentare die sich vom Regelwerk entfernten editiert werden mussten – waren diese im Vergleich zu der Situation nach der Personalentscheidung und deren Umsetzung gern gesehene konstruktive Kritik.
Derzeit haben es die Mitglieder und auch die Betreuer dieser „Infotainment“-Site nicht einfach. Die Kommunikation zwischen Newsern und den nun internen, also quasi hauptamtlichen Mitarbeitern ist von Misstrauen gezeichnet. Ratlosigkeit und Unsicherheit darüber, was kommen wird, bis hin zu Lustlosigkeit sind in dieser (wenn auch) virtuellen Gemeinschaft zu spüren. Das Abwarten, ob etwas passiert, scheint der Skepsis zu weichen, dass etwas passieren wird.
Was auf der Seite der Betreiber einer Website mit „user generated content“ in solch einem Konfliktfall vorgeht, kann ich als „User“ und damit als Betroffener nur schwer einschätzen. Inwieweit dieses Konzept von Websites, bei denen die Benutzer Inhalte kreieren und diskutieren, mit einem Konzept des „user generated & participatory content“ (an dem die Benutzer über die Inhalte hinaus an der Plattform teilhätten) vereinbar ist, ist für mich ebenfalls eine offene Frage.
Es bleibt wohl zu beobachten, was die Autoren und die Leser bei SSN in nächster Zukunft erwartet. Es bleibt wohl auch zu beobachten, ob solche Nachrichten-Plattformen eine Chance für virtuelles Informationsmanagement und deren (globalen) Austausch sind, oder ob sie nur ein Medium darstellen, mit Hilfe dessen versucht wird eine Leserschaft zu ködern, damit die „Einschaltquoten“ oder „Treffer“ der Website im Internet stimmen. Einer Tatsache bin ich mir aber sicher: Plattformen mit einem „user generatet content“ leben nicht ohne ihre Aktiven, die Leserschaft und jene Autorinnen und Autoren die für sie schreiben.
Anmerkung des Autors: Wie Eingangs schon erwähnt, ist dieser Beitrag aus dem empfundenen Bedürfnis einer Vertiefung des Themas „user generated content“ entstanden und will in keiner Weise für eine der Seiten Partei ergreifen. Einzig mein Status als Mitglied der Community bedingt eine gewisse Subjektivität, die beim Lesen des Artikels nicht außer Betracht gelassen werden sollte. Im Falle einer Veröffentlichung dieses Beitrags möchte ich der „Readers Edition“ meinen Dank aussprechen – nur zu leicht könnte die Veröffentlichung dieser Betrachtungen als „billige Kritik an einem Angebot eines Konkurenten“ interpretiert werden – was eine Publikation bestimmt nicht zum Ziel hätte.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2006/10/10/streik-bei-stern-shortnews-buergerjournalisten-fordern-selbstbestimmung/
Links im Artikel:
[1] Google-Nachrichten: http://news.google.de/
[2] „grössten News-Community Deutschlands“: http://www.shortnews.de/
[3] Stern Shortnews: http://www.sternshortnews.de/
[4] stern.de: http://www.stern.de/
[5] Jahre: http://www.netreaper.net/2005/10/08/sternshortnews-entzaubert-die-hintergruende-des-gonamic-projekts
/
[6] Unterschriftenaktion: http://www.ssnpetition.de.vu/