Eine große österreichische Bundesländerzeitung thematisiert den „Schadensfall Kind“ – wenn ich bereits vor der Geburt weiß, dass mein Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Behinderung haben wird.
Eine Diskussion, die für die werdenden Eltern eine sehr schwierige ist – für sich selber, wie für das Kind. In Richtung des neuen Lebens: Wann ist Leben lebenswert? Wie weit dürfen Einschränkungen gehen, bis man sagen kann „dieses Leben ist nicht lebenswert“? Wer hat – ja hat irgendwer – das Recht, darüber zu urteilen?
In Richtung der werdenden Eltern: Nach langer Zeit der prinzipiellen Entscheidung zu einem Kind, die Vorbereitung, Vorfreude, Planungen, Namenssuche und so weiter erfährt man von einer möglichen bis relativen Wahrscheinlichkeit, dass das Kind nicht gesund zur Welt kommen könnte. „Die 23. Schwangerschaftswoche wird als psychische Hemmschwelle genannt, vor der eine Abtreibung noch relativ leicht durchgeführt werden kann“, lese ich.
Es geht nicht anders, als dass wir uns von „Fakt-Überlegungen“ zu „Was-Wäre-Wenn“-Überlegungen begeben: Ist in den Wochen seit der Zeugung die Bindung zum werdenden Leben so gewachsen, dass ich mir vorstellen kann, diese Herausforderung anzunehmen?
Eine Herausforderung, welche mir vielleicht von Gott oder einer anderen überweltlichen Instanz gegeben wird: „Du wirst dieses schaffen!“ Die letztendliche Entscheidung liegt bei mir – und dessen darf und muss ich mir bewusst sein.
In unserer – mitteleuropäischen – Gesellschaft gab es in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte im Verständnis von Leben, Umgang und Zusammenleben von Menschen mit Behinderung; und doch: Es liegt noch sehr vieles im Argen! Als gut und wichtig erachte ich die bestmögliche Förderung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen seit frühester Kindheit an und dann weiter in Kindergarten und Schule.
Jetzt jedoch sind wir an einem entscheidenden Punkt angekommen: Therapiemaßnahmen im Kleinkindalter – (Sonder-)Kindergarten – (Sonder-)Volks- und Hauptschule sind für mich eine gedachte Linie – ein gedachter Weg, oft alles andere als gerade und einfach, aber doch möglich. Nach Abschluss der – in unserem Beispiel – Hauptschule stellt sich die Frage: „Was nun?“
Viele Menschen haben das Glück, trotz vielleicht sogar „hochgradiger Behinderung“ (jene, welche etwa auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen sind) geistig in der Lage zu sein, ein Studium oder gar mehrere Studien zu absolvieren. Dieser Weg steht jedoch natürlich nicht jedem offen.
Während sich junge Menschen ohne Beeinträchtigung für verschiedene Wege und damit Möglichkeiten der beruflichen Zukunft entscheiden können, kommt für Menschen mit Behinderung vor all dem noch eine wesentliche Frage der Entscheidung: „Welche Tätigkeit ist mir überhaupt körperlich möglich?“ Viele Tätigkeiten etwa des befristeten Geldverdienens bzw. Sammeln an Erfahrung fallen von vornherein schlicht weg; Pizzabote, Zeitungszusteller, Bierführer in einer Brauerei über die Sommermonate und dergleichen. setzen ein gutes Maß an körperlicher Leistungsfähigkeit voraus – und da nützt es überhaupt nichts, wenn ich bei der staatlichen Arbeitsvermittlung als „prinzipiell arbeitswillig“ gelte – in dem Moment, wo ich als „eingeschränkt arbeitsfähig“ gelte, habe ich schon teils beträchtlich geminderte Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden – damit einhergehend natürlich auch die Frage der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.
Auch einhergehend mit besagter wirtschaftlicher Unabhängigkeit ist die Frage des selbst- und eigenständigen Lebens bzw. Wohnens: Werde ich trotz aller Möglichkeiten der Hilfestellung seitens des Staates und privatrechtlicher Organisationen (monatliche Geldleistung, Vermittlung von Essenszustellung, Wäscheservice, usw.) in der Lage sein, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen?
Ein weiteres großes Thema ist jenes der Möglichkeiten von zwischenmenschlichen Beziehungen. Abseits dessen, ob die Möglichkeit zu – hier gemeint sexuellen – Beziehungen körperlich gegeben ist, ist wohl das größte Problem die Scheu vor jenen „besonderen Bedürfnissen“. Das prinzipielle Finden eines Partners und die Bereitschaft meines Gegenübers, sich auf eine vielleicht für ihn ganz neue Situation einzulassen. Idealerweise sollen diese Beziehungen nicht ausschließlich zwischen Menschen mit Behinderung gelebt werden, sondern auch und gerade zwischen mit und ohne.
Die Entscheidung, ob man eventuell folgend als Frau oder Mann mit Behinderung neues Leben schenken will, ist sehr persönlich und individuell – die Möglichkeit, dass auch das Kind eine Behinderung haben wird, ist einfach gegeben.
Ein sehr breites Feld an Fragen und Überlegungen, wodurch man die Thematik nicht wirklich auf die Frage „Schadensfall Kind?“ zurückführen kann. Auch wenn sich, wie in besagtem Zeitungsartikel beschrieben „Über 90 Prozent betroffener Eltern für eine Abtreibung entscheiden“ gibt es auch und gerade eine wichtige Botschaft: „Auch wenn das Leben für das Kind – dann Erwachsener – selbst, sowie für dessen Angehörige oftmals alles andere als einfach ist, bleibt meiner Ansicht nach doch eines Eltern von Menschen mit wie ohne Behinderung gemeinsam: Das Recht über Entscheidung zwischen lebenswertem oder lebensunwertem Leben hat ausschließlich der Betroffene selbst – und sonst niemand. Mangelnde Möglichkeit der Meinungs- und Gefühlsäußerung darf kein Grund sein, diese zu übergehen – es müssen die richtigen heutzutage zur Verfügung stehenden Hilfsmittel verwendet werden.
Der Autor dieser Zeilen ist selbst zu 80% körperbehindert, lebt alleine, ist beruflich im EDV-Support tätig und als Hobbyautor tätig.
Vielleicht kommt man der Problemlösung etwas näher, wenn man einfach einmal zugibt, dass unsere Gesellschaft ein Problem damit hat, wenn Menschen möglicherweise keiner Wertschöpfung unterliegen. Anders ist ncht zu erklären, dass wir mit Handicaps derart menschenverachtend umgehen. Dazu zählen Menschen mit Behinderungen, aber auch ältere Mitbürger, wie in einem anderen Artikel heute angesprochen.
Dieser Gesellschaft ist jegliche Moral und ethisches Denken abhanden gekommen zu Gunsten einer Lebensweise, die sich ausschließlich auf wirtschaftlichen Faktoren beruft. Ein Kind ist nie ein Schadensfall, ganz gleich, wie es auf die Welt kommt. Diese Gesellschaft alerdings ist zu einem Schadensfall geworden. Fast irreparabel, wie mir scheint.
Dem Autoren dieses Artikels gebe ich volumfänglich recht: Niemand hat das Recht, darüber zu entscheiden, was lebenswert oder lebensunerträglich ist außer der Betroffene selbst. Und diese Praxis von Ärzten, sich darüber ein Urteil anzumaßen,sollten wir stoppen. Dies gilt auch bei Krankheiten, die wir im Laufe des Lebens bekommen können. Nicht ein Arzt sollte entscheiden, was passiert, sondern ausschließlich die Betroffenen – als selbstbestimmte, mündige und gleichberechtigte Wesen. Und wenn sie außrstande sind dazu, zählt im Zweielsfall immer nur die Entscheidung für das Leben und nicht ein durch einen anderen Mitmenschen ausgsprochenes Todesurteil.