Verschiedene Stimmen des politischen Berlin dozieren in jüngster Zeit vermehrt über die ausgeprägte Notwendigkeit einer Abschaffung der so genannten Minijobs. Man redet in dankbare Mikrofone und erzählt mit lauter Stimme dem unwissenden Volk, wie unnötig es sei, einen Menschen mit regulärem Haupterwerb in seiner geringfügigen Nebenbeschäftigung durch die Befreiung von Sozialversicherungsbeiträgen zu fördern. Den sozialen Sicherungssystemen dieses Landes gingen, so wird vernehmlich gejammert, auf diese Weise viele schöne Euros verloren, die in den Taschen skrupelloser nebenerwerbstätiger Arbeitnehmer landen.
Gefördert, so sei bescheiden angemerkt, gefördert werden durch diese Minijobs vor allen Dingen jene Arbeitgeber, die aus Freude am Sparen und ohne den Anflug eines schlechten Gewissens nach Möglichkeit lieber drei Menschen auf Geringfügigkeitsbasis beschäftigen als sich einen fest angestellten Mitarbeiter mit allen sozialen Leistungen und Ansprüchen zu erlauben.
Würden von der gesamten Bruttosumme sämtlicher Minijobs in diesem Lande reguläre Sozialabgaben im Sinne einer vollen Erwerbstätigkeit erhoben, so käme eine satte Summe zusammen, welche die glimmenden Zweige der Sozialversicherung für eine kleine Weile kühlen würde, dies ist theoretisch wahr.
Ein solches Vorgehen brächte jedoch eine andere, eine sehr bedrückende und durch die aktuellen Minijobs nur mühsam geklammerte Wahrheit auf, welche die beruhigend situierten Bürger dieses Landes und somit sämtliche Spitzenpolitiker nur ungern oder noch lieber überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen wollen, weil sie persönlich in der Regel damit nicht konfrontiert sind: Viele Menschen in diesem wohlhabenden Lande kämpfen um ihre Existenz. Sie tun dies ohne Unterbrechung, jeden Monat, jeden Tag und in gewissen Konstellationen kommt es nicht selten vor, dass Menschen trotz voller Erwerbstätigkeit nach dem offiziellen Feierabend, an den Wochenenden, an Feiertagen und während des Erholungsurlaubes so genannten geringfügigen Beschäftigungen nachgehen, um ihren Platz in der Gemeinschaft zu erhalten. Je nach Bezahlung im Hauptberuf kann es bereits genügen, allein stehend in einer Stadt wie München zur Miete zu wohnen, um zwischen zusätzlichem Nebenerwerb und akuter Geldnot im letzten Drittel eines jeden Monats wählen zu müssen. Die Friseurin, der Helfer in der Altenpflege oder die nach Tarif bezahlte Arzthelferin beispielsweise können erzählen, wie schwer es sein kann, mit dem selbst verdienten Geld in einer Großstadt zu überleben. Besondere Risikogruppen wie Familien mit mehreren Kindern und insbesondere allein erziehende Mütter und Väter müssen in vielen Fällen auch dann hart kämpfen, wenn sie nicht im Niedriglohnbereich arbeiten und nicht klein ist auch die Zahl an allein stehenden Rentnerinnen oder Rentnern, die es kaum schaffen, sich stetig vom Ersten eines Monats zum nächsten Ersten zu retten.
All diese Menschen sind auf das Einkommen aus ihrer Nebentätigkeit angewiesen, um ohne staatliche Hilfe überleben zu können. Sie arbeiten mehr als einhundert Prozent und versorgen mit ihrem Einkommen in vielen Fällen nicht nur sich selber, sondern weitere Familienmitglieder. Sollten die Minijobs tatsächlich durch drastische Steigerungen der Sozialabgaben ihres Reizes beraubt werden, so hätte dies fatale Folgen für unzählige Menschen in diesem Lande, für welche der Zusatzverdienst geradezu lebensnotwendiger Bestandteil ihrer Überlebensstrategie ist. Der Hinzuverdienst würde erheblich schmäler und die Zahl der angebotenen geringfügigen Beschäftigungen nähme vermutlich ab, die Anzahl der Anträge auf staatliche Unterstützung hingegen nähme zu.
Kann sich ein politischer Entscheidungsträger in Berlin vorstellen, wie hart in vielen bundesdeutschen Haushalten jeden einzelnen Tag gekämpft werden muss, um wenigstens die reinen Grundbedürfnisse zu befriedigen?
Im Rahmen der Beantwortung einer kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke teilte die Bundesregierung Anfang September mit, das durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen habe bereits im ersten Halbjahr 2003 in den alten Bundesländern 2.895 Euro und in den neuen Bundesländern 2.233 Euro betragen. In beiden Teilen des Landes sei dieses Durchschnittseinkommen ferner von 1998 bis 2003 sowohl absolut als auch real angestiegen. Diese Zahlen beruhigen scheinbar ungemein, zumindest in Berlin.
Die Formel ist einfach: Man nehme eine Handvoll Millionäre, ein Fass Normalverdiener und einen Eimer voll Menschen an oder unterhalb der Armutsgrenze, mische und knete den Teig kräftig durch und stanze anschließend gleich große Kekse aus der Masse. Im Ergebnis gibt es weder arme noch reiche Menschen, keine Unterschiede in Verdienst und Lebensqualität und das politische Berlin kann abends zufrieden zu Bett gehen, um morgen mit neuem Elan die Abschaffung der unnötigen und für den Staatssäckel unrentablen Minijobs voran zu treiben.
sehr guter artikel,denn so sieht die realität nunmal aus.wer von unseren staatslenkern ruhig schlafen kann..ist schlichtweg realitätsfern oder verroht.
auch diese idiotischen statistiken,die sie perfekt erklärt haben,ändert nichts daran,dass menschen ab dem 15. des monats kein bares geld mehr zur verfügung haben.