Was viele für den Gedenktag zur 50. Wiederkehr der ungarischen Aufstandes von 1956 befürchteten, bewahrheitete sich. Die Minderheit rechtsgerichteter und aufgepeitschter “Demonstranten” randalierte und lieferte sich mit den Ordnungskräften blutige Straßenschlachten.
Unterdessen feierten 100.000 Anhänger der bürgerlichen Oppositionspartei FIDESZ ihren “Heilsbringer” Viktor Orbán. Der forderte eine verbindliche Volksabstimmung über das Bildungs-, das Gesundheitswesen sowie über die Fragen von Grund und Boden und demokratische Garantien. Und boykottierte die Staatsfeier zum Jahrestag des ungarischen Volksaufstands von 1956, an der viele Würdenträger aus dem In- und Ausland teilnahmen.
Gerade erhalte ich einen Anruf aus Ungarn. Im dortigen Fernsehprogramm wird rund um die Uhr von den Krawallen in Budapest berichtet. Vermummte haben einen ausgestellten Panzer mit Benzin betankt und mit einem Autoakkumulator gestartet, fahren triumphierend umher. Auch Linienbusse werden entführt und gegen die Polizei als Barrikade in Stellung gebracht. Autoschlangen fahren hupend auf den Straßen. Der Verkehr kommt in dem Chaos zum Erliegen.
Die Mehrheit der ungarischen Bürger beteiligt sich nicht an den “Festivitäten”. Zu groß sind die Sorgen um die Zukunft des Landes, der eigenen Existenz. Viele müssen jetzt Brennstoffe für den Winter einkaufen.
Reicht das Gehalt bis zum Monatsende noch? Wie zahle ich mein Auto bei der stetig wachsenden Inflation ab? Was sage ich den Kindern, woher nehme ich Kleidung, Schulbücher und Essen?
Die politische Kaste hat derweil den Bodenkontakt verloren, sowohl Opposition wie Regierungskoalition üben sich in Plattitüden, leeren Absichtserklärungen, Hetztiraden und würdeloser Gleichgültigkeit.
Das Land ist gespalten, polarisiert zwischen zwei Übeln, die Wahl ob man dem Spar- und Konsolidierungskurs der Regierung folgt, oder dem vollmundigen Versprechen der machtgierigen Opposition, inmitten der alltäglich schwerer wiegenden Last auf den Schultern, ist nicht leicht.
Die Veteranen von 1956 haben gekämpft, gelitten und viele sind gestorben für ein Land, das jetzt seine eigene Identität sucht.
Da hilft weder die mäßigende Festrede von Staatspräsident László Sólyom, der betont: „Es gab nur eine 56-er Revolution“. Trotzdem interpretiert jeder die Ereignisse im Licht des eigenen politischen Vorteils.
Auch die Rede vom österreichischen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer wird die Streithähne nicht an das Boot erinnern, in dem alle Ungarn jetzt sitzen. Und das zu viele Löcher hat, um noch lange auf der Wasseroberfläche zu treiben.
Besonders beeindruckten mich die folgenden Sätze Dr. Fischers:
“Zu diesen Lehren gehört z.B. die Erkenntnis, dass der politische Gegner in einer Demokratie kein Feind ist. Hass darf in der Demokratie keinen Platz haben. Keine Partei ist im alleinigen Besitz der Wahrheit. Keine ist unfehlbar. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen den politischen Parteien, von denen die eine nur gut und die andere ausnahmslos böse ist, sondern sie verläuft zwischen einzelnen Menschen, vielleicht sogar mitten durch den einzelnen Menschen.
Der politische Wettbewerb darf hart und leidenschaftlich sein, aber die Gräben dürfen nicht so tief werden, dass ein Handschlag und ein vertrauensvolles Gespräch unmöglich werden. Europa braucht ein starkes, lebendiges und zum Konsens fähiges Ungarn.”
Es wird sich zeigen ob dieser Appell an die politischen Marodeure Wirkung zeigt oder ob noch deutlichere Worte und Taten nötig sind, um einem ehemals wohlhabenden Land die Richtung in eine bessere Zukunft zu zeigen.
Was ist bloß los mit Ungarn? Haben die Menschen immer noch nicht genug von den Eskapaden machtgieriger und inkompetenter Vetternwirtschaftler? Können sie nicht verstehen, dass Zwietracht und Neid, Gewalt und Verzweiflung die Vorstufen sind zum Beginn des Ablebens der Demokratie?
Sind so viele Mitbürger 1956 umsonst gestorben? Haben wir wieder nichts aus der Geschichte gelernt?
Haben wir wieder nichts aus der Geschichte gelernt ? Die Frage kann vielerorten mit ja beantwortet werden. In einem Europa in dem Politiker Staaten und Demokratie als ihre Privatsache ansehen, in der Unternehmensgewinne oder die Arbeitsbelastung der Bevölkerung als Kennzahlen für den Wohlstand von Nationen gelten sucht sich der Machtlose andere Wege der Artikultion.