Hoffnung und Tragödie – Der Ungarn-Aufstand 1956: 3. Teil

Als ich begann, die Geschichte des Aufstands von 1956 in Ungarn zu recherchieren, war mir nicht bewusst, wie tief ich in den Strudel der Ereignisse jener Tage hineingezogen würde. Mein Ziel war ein Studium der Geschichte und die Würdigung der Menschen, welche für ihre Freiheit und damit für meine gekämpft

Als ich begann, die Geschichte des Aufstands von 1956 in Ungarn zu recherchieren, war mir nicht bewusst, wie tief ich in den Strudel der Ereignisse jener Tage hineingezogen würde. Mein Ziel war ein Studium der Geschichte und die Würdigung der Menschen, welche für ihre Freiheit und damit für meine gekämpft hatten. Allzu oft vergesse ich, welch gutes Leben ich habe, wie oft wir über Kleinigkeiten jammern, welche Freiheiten wir genießen ohne jemals wirklich dafür gekämpft und gelitten zu haben.

Teil 1: „Hass darf in der Demokratie keinen Platz haben.“

Teil 2: Der Preis des verlorenen Krieges – Warum 1956 passierte

Meine Freunde und Verwandten in Ungarn sprachen lange nicht über die Ereignisse und meine Mutter war 1956 gerade 13 Jahre alt. Sie kann sich nur an den Schock und die Angst erinnern – und die versuchte, aber mißglückte Flucht nach Österreich.

Die Revolution begann an einem Dienstag. Dem 23. Oktober 1946. Studenten hatten zu einer Kundgebung aufgerufen und zwei große Demonstrationszüge bewegten sich auf die Innenstadt Budapests zu.
Auf den Flugblättern forderten die Studenten zum ersten Mal schwarz auf weiß den Abzug der sowjetischen Truppen. Außerdem: die Einberufung des Parteikongresses und die Wahl einer neuen KP-Führung; die Bildung einer neuen Regierung unter Imre Nagy und die Entfernung der verbrecherischen stalinistischen Führer; freie Wahlen, also ein Mehrparteiensystem, freie Presse, freien Rundfunk, und nicht zuletzt den Sturz des Stalin-Denkmals.

Imre Nagy war der einzige ungarische Politiker, der möglicherweise noch die Chance gehabt hätte, zu mäßigen und den offenen Aufstand zu verhindern. Der überzeugte Kommunist, Jahrgang 1896, der unmittelbar nach dem Krieg in Ungarn die Bodenreform durchgeführt hatte, war 1953 Premierminister geworden, zwei Jahre später aber bereits wegen seiner »weichen Linie« aus allen Ämtern entlassen und gerade erst wieder in die Partei aufgenommen worden. Der bullige Mann mit der Brille und dem kräftigen Schnauzer war tatsächlich ein notorischer Zauderer und kein Rebell.

Um 21 Uhr endlich erschien er an einem Fenster des Parlaments, um zu der unübersehbaren, ungeduldigen Menge zu sprechen. Bereits seine ersten Worte, die übliche Anrede »Liebe Genossen«, wurden mit Pfiffen und Sprechchören quittiert: »Wir sind keine Genossen!« Seine folgenden dämpfenden, nichtssagenden Ausführungen gingen in der allgemeinen Enttäuschung unter.

Zur selben Zeit, am Rand des Stadtwäldchens, fiel schon die Stalin-Statue, gab es Kämpfe um das Rundfunkgebäude. Als eine Delegation der Demonstranten, die ins Rundfunkgebäude eingelassen worden war, auch nach eineinhalb Stunden noch nicht zurückgekehrt war, rückten die Demonstranten auf die Absperrungen vor. Daraufhin begann die Geheimpolizei AVH vom Dach des Rundfunkgebäudes auf die unbewaffnete Menge zu schießen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Nach diesem Blutbad bewaffneten sich viele Demonstranten und gingen zum Angriff auf die AVH und öffentliche Gebäude über.
Von ihren nahe gelegenen Stützpunkten rollten die ersten sowjetischen Panzer nach Budapest. Der Aufruhr begann in einen Freiheitskampf überzugehen.

Durch die Unruhen und Streiks vom Juni 1956 in Polen waren die Sowjets alarmiert. In Panik entschloss sich die Kreml-Führung, 6000 Mann mit 290 Panzern, 120 gepanzerten Schützenwagen und 156 Kanonen nach Budapest in Marsch zu setzen. Auf den starken Widerstand der Bürger war diese Armee jedoch nicht vorbereitet. Die ungarische Armee zeigte offene Sympathie für die Rebellion und leistete auch keine große Gegenwehr, als die überwiegend jungen Aufständischen im Laufe der Nacht mehrere Waffenfabriken, Polizeistationen und Kasernen stürmten.

Zwölfjährige fabrizierten Molotov-Cocktails, ein junger Chemiker aus der Nachbarschaft zeigte den Kindern, wie man Nitroglycerin herstellt und gegen Panzer anwendet. Andere besorgten sich Waffen und kämpften gegen die verhasste Geheimpolizei. Für viele der jungen Kämpfer – das Durchschnittsalter in Jozsefvaros (Josefsstadt) lag bei 18 Jahren, längst gab es mehr Arbeiter als Studenten – war der oft waghalsige Angriff gegen die sowjetischen Truppen auch ein Abenteuer. Sie lernten, dass die gepanzerten, oben offenen Mannschaftswagen, die so genannten “offenen Särge”, leicht mit Handwaffen kampfunfähig gemacht und dass die
Benzinbehälter an der Rückseite der T-34-Panzer schnell in Brand gesteckt werden konnten.

Auf der politischen Ebene hatte man schon lange über das Schicksal Ungarns entschieden. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Ungarn (durch den heute wenig bekannten Vertrag von Trianon) auf sein heutiges Staatsgebiet “verkleinert”. Die Existenz eines mächtigen Ungarns war seinerzeit nicht im Interesse der Entente.

Viele Intelektuelle Ungarns blickten hoffnungsvoll auf den Westen, erinnerten sich an Versprechen, dass die USA “jedes Volk auf dem Weg in Freiheit und Demokratie” unterstützen würden. Der Radiosender “Radio Free Europe” spielte auf dieser Hoffnung wie auf einem Musikinstrument. Dennoch passierte nichts. England und Frankreich steckten in der Suez-Krise fest, einzige Hilfe kam vom Roten Kreuz und später half Österreich den ungarischen Flüchtlingen.

Es war allen Beteiligten klar, dass es kaum Verhandlungsspielraum gab. Jetzt half nur noch, wenn überhaupt, die entschlossene Flucht nach vorn. So fasste das Kabinett am 1. November den einmütigen Beschluss (auch Staatsminister János Kádár stimmte dafür), mit sofortiger Wirkung aus dem Warschauer Pakt auszutreten und die Neutralität zu erklären. Zugleich richtete die Regierung einen Appell an die Vereinten Nationen um Anerkennung der Neutralität und ersuchte die vier Großmächte, die Neutralität des Landes zu garantieren.

Verraten und verkauft

Im Übrigen verschwanden am Abend dieses schicksalhaften 1. November Kádár (der auch Vorsitzender der neu gegründeten Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei war) und Innenminister Ferenc Münnich aus ihren Amtssitzen und wurden noch in der Nacht in einer sowjetischen Militärmaschine nach Moskau gebracht. Der Verrat hatte schon begonnen.

Die Entscheidung, den ungarischen Volksaufstand blutig niederzuwerfen, fiel am 30. Oktober im Kreml. Drei Tage später, am 4. November um 4.15 Uhr, riss der Lärm von Panzerkanonen und Geschützfeuer die Budapester aus dem Schlaf. Mit der Operation Vihr (»Wirbelsturm«) rückten, zum Teil aus Rumänien und der Karpato-Ukraine kommend, 60.000 sowjetische Soldaten und Hunderte von Panzern vor. Das sowjetische Militär machte jetzt kurzen Prozess. Fielen irgendwoher Schüsse, belegten die Panzer ganze Häuserblöcke mit Granatfeuer. Zwölf Divisionen, zwei Panzerregimenter und andere Militäreinheiten der ungarischen Armee sowie ihre gesamte Luftwaffe waren im Nu entwaffnet.

In Budapest leisteten die (auf maximal 10 000 bis 15 000 Mann geschätzten) Freiheitskämpfer verzweifelten Widerstand gegen die erdrückende und brutale Übermacht. Die Sowjets brachen zwar in wenigen Tagen den bewaffneten Widerstand – doch die Organisationen der Revolution, insbesondere die Arbeiterräte und die lokalen revolutionären Komitees, blieben noch mindestens zwei Monate lang intakt. Viele junge Ungarn hatten den aussichtslosen Kampf in der naiven Erwartung auf westliche Hilfe begonnen. Tatsächlich ließ die Eisenhower-Regierung auch in der Schlussphase der Revolution der sowjetischen Führung praktisch freie Hand.

Und das Ende war schrecklich. Über zweieinhalbtausend Tote und fast 20000 Verwundete zählte man auf ungarischer Seite. In Budapest betrug die Zahl der zivilen Opfer 1569. Die Hälfte von ihnen war unter 30, jeder Fünfte sogar unter 19 Jahre alt. 53 Prozent der Toten waren Werktätige, davon 70 Prozent Industriearbeiter und Bergleute. An die 200.000 Menschen flohen gen Westen. Doch auch die sowjetische Armee zahlte für die »Normalisierung« der Lage einen hohen Preis: 669 Soldaten waren tot, 1540 verletzt und 51 vermisst.

Am 4. November um 5.20 Uhr hatte Imre Nagy die Bevölkerung via Rundfunk über den Angriff aufgeklärt: »Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Platz.« Kurz danach begaben sich Imre Nagy und seine Mitstreiter in die jugoslawische Botschaft.

Zum selben Zeitpunkt gab ein sowjetischer Rundfunksender die Gründung der »Ungarischen Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung« unter János Kádár bekannt. Tatsächlich wurde dieses Marionettenkabinett erst in der Nacht vom 6. auf den 7. November in sowjetischen Panzern von Szolnok nach Budapest gebracht.

Indessen verhandelten Kádár und indirekt die Sowjets mit Jugoslawiens Marschall Josip Broz Tito in Belgrad über das Schicksal der Nagy-Gruppe, die in der jugoslawischen Botschaft saß. Die insgesamt 48 Personen, darunter 14 Frauen und 16 Kinder, wurden beim Verlassen des Gebäudes am 22. November, trotz der mündlichen und schriftlichen Versicherungen Kádárs über freies Geleit, sofort von den Sowjets verhaftet und nach Rumänien ausgeflogen. In Snagov, etwa 40 Kilometer von Bukarest entfernt, hielten Geheimpolizisten sie gefangen.

Blutige Tragödie

Der sowjetischen Übermacht waren die Ungarn natürlich nicht gewachsen und nach zehn Tagen harter Kämpfe, in denen ca. 25.000 Ungarn und 7.000 sowjetische Soldaten umkamen, kapitulierte als letzte Bastion der Revolution die “erste sozialistische Stadt Ungarns”, Sztalinvaros/ Stalinstadt.

Die AVH nahm blutige Rache an den Aufständischen. An den Donaubrücken wurden sie traubenweise aufgehängt. Viele Aufständische wurden, nachdem sie die Waffen gestreckt hatten, standrechtlich erschossen, insbesondere alle Offiziere der ungarischen Armee, die auf Seiten der Aufständischen gekämpft hatten. Viele tausend junge Ungarn wurden nach Sibirien deportiert. 200.000 Ungarn flohen in den Westen.

Nach der militärischen Niederschlagung des Aufstandes hielt der Generalstreik weiter an. Die Arbeiterräte existierten weiter und gewannen sogar noch an Einfluß. Die Kadarregierung benötigte noch das ganze Jahr 1957, um die Streiks nach und nach zu beenden. Nach vergeblichen Versuchen, die Arbeiterräte für sich zu gewinnen, ließ Kadar sie verbieten und ihre Führer verhaften. Die letzten Arbeiterräte wurde am 17. November 1957 verboten.

Unter den geschilderten Umständen konnte der Widerstand natürlich nicht endlos fortgesetzt werden. Das ganze Jahr 1957 über wurde zwar noch gestreikt und demonstriert, aber dann wurde die Bewegung durch Verhaftungen, Hinrichtungen und andere Repressionen langsam aber sicher abgewürgt. Die meisten Ungarn begannen sich ins Unvermeidliche zu fügen.

Nagy wurde später nach Ungarn zurückgebracht. Am 16. Juni 1958 wurde er zusammen mit Pal Maleter hingerichtet. Kadar wurde von den Sowjets gezwungen, dieser Hinrichtung beizuwohnen.

Drang nach Freiheit

Nach dem Zweiten Weltkrieg knebelte die kommunistische Realität die ungarische Kultur durch stalinistischen Terror und Ungerechtigkeit. Wie in einem zugeschweißten Schnellkochtopf wuchs der Druck stetig. Die unerträglichen Lebensbedingungen, eine trostlose Zukunft und das menschenverachtende System Mátyás Rákosi’s brachten das Fass in Ungarn zum Überlaufen.

Die Perspektivlosigkeit und der Verlust jeglicher Freiheiten trieb besonders die jungen Menschen zu Kampf gegen das System. Trotz ausreichender Warnsignale übersah die sowjetische Führung und ihre Marionettenregierungen in Osteuropa die Tatsache, dass ein Mensch nur begrenzt verängstigt, gefoltert, eingesperrt werden kann. Es gibt keine stärkere Kraft in der Welt als der Drang nach Freiheit.

Trotz militärischer Unterlegenheit zeigten die Ungarn mit dem Aufstand Osteuropa den Weg aus dem Stalinismus. Der Weg war frei für ein gemäßigteres System, in dem zwar die Partei das Machtmonopol hatte, aber das Leben wieder lebenswert gemacht wurde. Dieser Schritt-für-Schritt-Prozess ermöglichte Ungarn, als Vorreiter bei der
Einigung Deutschlands und Europas mitzuwirken.

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