Langsam schleicht mein Auto über die Straße in Richtung Niemandsland. Hier bin ich nun völlig alleine. Vor mir ein verlassenes Haus. Auf der Fassade steht: „Anno 1778“. Also noch vor der Französischen Revolution gebaut. Nun muss es weg. Wie alles in Otzenrath. Das 800 Jahre alte Dorf gehört zu den 12 Ortschaften, die dem Braukohlenprojekt Garzweiler II geopfert werden. Otzenrath muss sterben, damit Deutschland heizen kann.
Behutsam kriecht mein Wagen weiter in Richtung Zentrum. Alles ist „tipptopp“. Keine Spur von Verwüstung. Niemand ist von hier in Panik geflohen – ganz im Gegenteil: Alle die weggegangen sind, scheinen noch einmal richtig aufgeräumt zu haben. Bäume und Sträucher wurden sorgsam abgeholzt, in kleine Stücke gehäckselt und zu riesigen Scheiterhaufen aufgetürmt. Die angrenzenden Felder sind mit grünen Maschinen übersät – es handelt sich um dutzende von Pumpen, die das Grundwasser absenken sollen, bevor der Abbau von Braunkohle beginnt. Sie wirken wie seltsame Maschinen aus einem Zukunftsfilm. Es entsteht der Eindruck der Neubesiedlung eines Planeten durch „Terraforming“, nur dass hier kein außerirdischer Boden für die Menschheit urbar gemacht wird, sondern dass irdisches Ackerland für immer vernichtet wird.
Nur noch wenige Meter Luftlinie trennen mich noch vom Zentrum des Ortes. Jetzt sehe ich die ersten Menschen. Es sind Arbeiter. Sie tragen blaue Anzüge und rote Helme. Auf dem Rücken schleppen sie Geräte, die über einen Schlauch mit einer langen Stange verbunden sind. Diese Stange schwenken sie hin und her. Was Sie tun, erscheint sinnlos, denn sie mähen das Gras und blasen mit einem Luftdruckstrahl den Dreck aus den Ritzen eines Bürgersteiges, den es bald schon nicht mehr geben wird. Otzenrath soll ordentlich sterben! Die Arbeiter beachten uns nicht – sie wirken wie Roboter, die eine einprogrammierte Arbeit verrichten. Ich könnte sie antippen, und sie würden nicht reagieren.
Überhaupt fehlt diesem Ort die klassische Geisterstadtatmosphäre. Es gibt keine klappernden Fensterrahmen und kein wucherndes Unkraut. Was sich hier vollzieht, ist die gründlich vorbereitete und von langer Hand geplante Vernichtung eines Dorfes. Otzenrath wird buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen: Wo heute noch Häuser stehen, wird schon bald ein tiefes Loch klaffen. Und gerade das ist unheimlich: Das Dorf wird für immer und alle Zeiten ausgelöscht sein. Wäre dieser Ort durch einen Krieg oder eine Naturkatastrophe zerstört worden, könnte man ihn wieder aufbauen. Und wenn Otzenrath in den Fluten eines Staudamms versinken würde, könnte es als Ruinenstadt auf dem Grund eines Sees „weiterleben“. Aber ein Abriss mit anschließender Abtragung des Bodens bedeutet die totale Vernichtung – vollständiger kann ein Ort nicht aus der Weltgeschichte getilgt werden.
Im Zentrum angekommen halte ich. Vor mir steht eine neugotische Villa. Das Gebäude ist tadellos in Schuss. Nur einige wenige Fenster sind zerbrochen. Durch die Löcher kann man ins Innere hineinschauen: Es sieht aus wie frisch renoviert. Angesichts des lange bekannten Endes verwundert dies. Vielleicht wollten die Bewohner bis zuletzt so leben, als ob es wie bisher weiterginge, eben das berühmte Apfelbäumchen pflanzen.
Etwas weiter befindet sich eine aus braunem Backstein erbaute Kirche. Gegenüber eine Schule. Sie wirkt wie erst gestern verlassen. Auf einer Tafel mit großen Buchstaben steht in Schreibschrift: „Heute abgerissen – morgen neu gebaut. Am 09.08.06 geht die Schule nach Neu-Otzenrath.“ Dahinter stehen drei dicke Ausrufezeichen. Dann folgt noch als Bekräftigung der Satz: „Das wird super“. Die Begeisterung wirkt wie verordnet. Man sich eben in das Unvermeidliche gefügt. Aber was bleibt Schülern und Lehrern schon anderes übrig?
An die Kirche schließt sich ein Friedhof an. Ein Zettel am Eingangstor wirkt mehr als skurril: Wer die Gräber seiner Angehörigen noch nicht verlegt hat, soll „RWE Power“ oder die „katholische Kirchengemeinde St. Simon und Judas Thaddäus“ kontaktieren. Selbst die Toten müssen in Otzenrath umziehen.
Beim Rundgang über den Friedhof finde ich nur noch wenige Gräber. Die meisten Toten sind schon umgebettet worden. Auf einigen Holztafeln werden Namen aufgelistet. Sie dienen wohl der Orientierung der Arbeiter, die die Gebeine der Verstorbenen auf einem neuen Friedhof an den richtigen Stellen bestatten sollen. Einige Meter weiter werde ich überrascht: An einer merkwürdigen Stelle steht noch immer ein Stein, aber es ist kein Grabstein. Auf ihm ist zu lesen: „Den ermordeten Ungeborenen – betet für ihre Mörder“. Den Stein hat niemand mitgenommen – kaum vorstellbar, dass er woanders noch einmal aufgestellt werden würde.
Als ich den Friedhof verlasse, stoße ich auf eine andere Kirche. Da hier keine Türen mehr existieren, trete ich ein. Auf der Erde sind Bilder verstreut – auf einem kann man Jesus im Kreise seiner Jünger erkennen. Das Gestühl ist entfernt worden, so dass die Kirche nun völlig leer steht. Nur dort, wo einmal der Altar gestanden haben muss, ist in riesigen Lettern an die Wand geschrieben: „Selig sind die, die das Wort Gottes hören und bewahren.“
Ich verlasse die Kirche und mache mich endgültig auf den Weg in Richtung Apokalypse. Die Straße aus dem Dorf heraus macht einen Knick und führt dann kerzengerade auf das „große Loch“ zu. Am Dorfrand lauert schon das Verhängnis: Ein riesiger Drache, der seinen Kopf auf und ab bewegt. Er wird das endgültige Ende von Otzenrath herbeiführen. Es ist einer jener legendären Großbagger, die den Braunkohletagebau von Garzweiler so berühmt gemacht haben. Noch bin ich 100 Meter von dem Ungetüm entfernt. Mein Weg führt mich zwischen den übrig gebliebenen Beton-Pfeilern einer längst abgerissenen Brücke hindurch. Vor mir türmen sich jetzt riesige Sandberge auf. Auf einem Gipfel steht ein einsamer Radfahrer und schaut auf das Unvorstellbare hinunter. Er wirkt erhaben wie ein Reiter auf seinem Pferd: „Lonesome Rider“.
Als ich den Sandberg besteige, tut sich eine andere Welt vor mir auf. Ich sehe auf die Mondlandschaft von Garzweiler I hinunter. Sie sieht aus wie in einem Sience Fiction-Film. Der Vergleich zu Stanley Kubricks Film „Odyssee 2001“ drängt sich auf. Aber ich habe keinen Raumanzug an und bin deshalb schutzlos dem Wind ausgeliefert, der mich in dieser Höhe hin und her beutelt. Der Anblick der zerstörten Landschaft ist grandios und beängstigend zugleich. Gigantische Bagger graben sich durch endlose schwarze Ebenen. Dazwischen fahren weiße Lieferwagen hin und her. Aus dieser Entfernung sehen sie aus wie kleine Stecknadelköpfe. So werden einmal die ersten menschlichen Siedlungen auf dem Mond aussehen. Aber bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Das Dorf Otzenrath aber hat keine Zeit mehr.
Links neben mir steht eines der Baggerungetüme – es ist jenes, das ich schon vom Dorfrand aus beobachten konnte. Der Riesenbagger wird von einer dreiköpfigen Crew betrieben. Zumindest sehe ich nicht mehr Menschen. Und die beachten mich auch gar nicht.
Langsam und leicht benommen trete ich den Rückweg an. Ich lasse das zum Tode verurteilte Dorf hinter mir und fahre auf die Autobahn. Dann komme ich noch an einem anderen Dorf vorbei: „Neu-Otzenrath“. Hier sind sie also hingezogen, die Vertriebenen. Dieser Ort wirkt so natürlich wie eine Stadt aus Legosteinen. Neu-Otzenrath ist als Spielzeugstadt ohne Charme und Ausstrahlung wieder auferstanden. Es lohnt sich nicht für mich hinein zu fahren – ich setze meinen Weg fort und lasse das alte und das neue Otzenrath hinter mir zurück.
“„Den ermordeten Ungeborenen – betet für ihre Mörder“. Den Stein hat niemand mitgenommen – kaum vorstellbar, dass er woanders noch einmal aufgestellt werden würde.”
Ein derartiger Stein auf einem Friedhof ist für mich deplaziert -sollte er daher stehenbleiben und der Vergessenheit/Zerstörung anheimfallen, halte ich dass für nicht weiter tragisch.