Endlich! Ich bin angekommen. Am Ziel meiner Träume: in Varanasi, der Stadt am Ganges. Ich sitze in einer Motor-Rikscha. Endlose Menschenmassen drängen sich mir entgegen. So komme ich mit nur 3 Kilometern pro Stunde voran. Ich will in das Zentrum der Stadt, direkt am Fluss. In der Rikscha neben mir sitzt eine vollständig verschleierte Muslima – in der Stadt Shivas verbreitet sie einen Hauch von Taliban.
Endlich kann die Rikscha schneller fahren. Dafür liegt jetzt ein beißender Abgasgeruch in der Luft, weil nun alle Fahrer gleichzeitig Gas geben. Am Straßenrand sehe ich Szenen, die jeder Beschreibung spotten. Verstümmelte Bettler ohne Arme und Beine versuchen mühsam über die Straße zu robben. Rechts und links neben ihnen rollt der Verkehr. Aber niemand nimmt Rücksicht auf die Unglücklichen. Ganz im Gegenteil, Fahrradfahrer und Fußgänger schieben sie unsanft zur Seite oder fahren messerscharf an ihnen vorbei.
Indiens ganzes Elend in der Stadt Shivas
Noch 500 Meter vom Ganges entfernt muss ich aussteigen. Hier beginnt die Altstadt – für Fahrzeuge ist kein Durchkommen mehr. Ich quäle mich nun durch die Menschenmenge. Hunderte von Obdachlosen recken mir ihre Hände entgegen und grinsen mich zahnlos an. Neben mir schieben sich Pilger aus ganz Indien durch die Straßen. Varanasi ist für die Hindus das, was für die Moslems Mekka ist: Das Zentrum ihrer Religion. Die Stadt ist Shiva geweiht, dem Gott der Ekstase und der Zerstörung. Aber Varanasi hat noch eine andere Bedeutung: wer hier stirbt und im Ganges bestattet wird, durchbricht den quälenden Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt und erlangt so die endgültige Erlösung. Viele Inder kommen nur hierher, um zu sterben. So scheint sich das ganze Elend Indiens nun in dieser einen Stadt zu konzentrieren. Über allem liegt ein Schleier von Krankheit und Tod. Dazu kommen der maßlose Dreck und die entsetzlichen Abgasschwaden. Wer vorher nicht krank war, wird es in Varanasi ganz bestimmt werden.
Endlich erreiche ich das Flussufer. Hier befinden sich die Ghats, die berühmten Treppen, die in den Ganges hinabführen. Überall stehen Pilger im Wasser und verrichten ihre Rituale. Dazwischen wird ganz ungeniert Wäsche gewaschen – der Hinduismus ist eine sehr pragmatische Religion.
Joints und Yoga-Kurse in einer unheimlichen Stadt
Leblos zieht der Fluss an der Stadt vorbei. Hier und da treiben undefinierbare Gegenstände im Wasser. Der Ganges auf der Höhe von Varanasi ist völlig verseucht. Das Wasser enthält so viele Kolibakterien pro Kubikzentimeter Wasser, dass der indische Grenzwert für Badegewässer mehrtausendfach überschritten wird. Dazu kommen Cholera- und Typhuskeime. Im Vorübergehen stelle ich mir vor, dass ich, wenn ich jetzt in den Fluss hineinfalle, innerhalb von Minuten zersetzt werde. Aber die badenden Pilger beweisen das Gegenteil: Man kann dieses Wasser überleben, zumindest als Inder.
Mein Weg führt mich nun am Flussufer entlang. Überall meditieren mit Asche eingeriebene heilige Männer. Dazwischen sitzen langhaarige Europäer und Amerikaner und rauchen ihre Joints. Gurus versuchen „Westlern“ Meditations- und Yoga-Kurse zu verkaufen. Hunderte von Schulen vermitteln in Varanasi das heilige Wissen Indiens.
Doch die entspannte Atmosphäre täuscht: Diese Stadt ist unheimlich. Merkwürdige und bizarre Gebäude zieren das Ufer. In den Seitengassen befinden sich kleine Heiligtümer mit schauerlichen Gottheiten. Die Statur einer Göttin sieht aus wie die Jungfrau Maria, hat aber kein Gesicht, sondern nur Augen, die bizarrer Weise außen an ihrem Kopftuch befestigt sind – die ganze Gestalt wirkt durch und durch dämonisch. Eine andere, in einer kleinen Nische untergebrachte Gottheit sieht aus wie ein Blutklumpen mit Fangzähnen. Während es mir kalt den Rücken hinunterläuft, frage ich einen Inder nach der Bedeutung dieser Statue. Er antwortet mir, dass es sich um Hanuman, den legendären Affenkönig, handelt. Diese Antwort schockiert mich. Hanuman ist mir wohlbekannt: im Epos Ramayana hilft er dem legendären König Rama bei der Befreiung seiner Frau Sita aus den Klauen des Dämonenkönigs Ravana. Hanuman erscheint dort als mutiger und treuer Krieger. Aber was kann denn dieser Held mit dem Blutklumpen in der Nische zu tun haben? Mich beschleichen leise Zweifel an meiner Kenntnis des Hinduismus. Ist es möglich, dass die Inder ahnungslose Europäer und Amerikaner über Jahrhunderte hinweg über die wahre Bedeutung ihrer Götter und Riten im Unklaren gelassen haben? Oder haben die abendländischen Völker den Hinduismus selbstverschuldet falsch verstanden? Wollten erlösungsbedürftige „Westler“, von Herrmann Hesse angefangen bis hin zu den „Blumenkindern“ der 60er Jahre, nie die ganze Wahrheit hören? Wo ist hier in Varanasi das Indien Mahatma Gandhis? Wo ist das Indien, das in den unzähligen Esoterik-Büchern als Hort des Friedens und der Erkenntnis gepriesen wird? Bestimmt predigen der „Blutklumpen mit Fangzähnen“ keine Gewaltlosigkeit oder die „gesichtslose Madonna“ keine „Wahrheit“ im Sinne Gandhis!
Incredible India
In meinem Reiseführer wird vor Varanasi gewarnt – jedes Jahr verschwinden hier Touristen spurlos. Ich mag mir nicht vorstellen, was mit ihnen geschehen ist. Die indischen Behörden verschweigen diese Vorfälle. Eine restlose Aufklärung würde wohl die Doppelbödigkeit des Slogans der indischen Tourismusbehörde unterstreichen: „Incredible India!“
Langsam setzte ich meinen Weg am Ufer fort. Links neben mir ragt ein riesiges Abflussrohr aus der Ufermauer: Aus diesem ergießt sich ein Strom von Fäkalien in den Fluss. Langsam verstehe ich: ich bin im Oktober hier und der Ganges steht um diese Jahreszeit tief – bei normalem Wasserstand könnte ich hier gar nicht stehen. Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen. „Jetzt bloß nicht stolpern“, denke ich. Mitten im Abwasser fällt mir ein, dass die Cholera in der Stadt grassiert. Das ist für eine indische Großstadt nichts Ungewöhnliches, trägt aber auch nicht dazu bei, dass ich mich auf das nächste Öffnen meiner Schnürsenkel freue.
Dann, ganz plötzlich, sind alle bisherigen Gedanken passé! Was ich jetzt sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Mir werden die Knie weich, und das immer noch mitten in den Fäkalien. Die Cholera ist sofort vergessen, denn im Wasser treiben Tote. Langsam dümpeln sie, von einem Uferstrudel gefangen, in den Wellen hin und her. Ich kann mehrere Kinder und ein Frau ausmachen. Quer durch das Abwasser gehend denke ich nur: „Wie kann das möglich sein? Die Toten werden doch verbrannt?“ Die Körper sind vollständig erhalten, aber so mit Lehm verschmiert, dass ich nur die Umrisse erkennen kann. Eigentlich müsste ich mich jetzt setzen, bin aber wohlberaten, stehen zu bleiben. Mindestens eine Minute lang schaue ich mir regungslos die Leichen an. Was ich hier sehe, kann und will einfach nicht in meinem Gehirn Platz nehmen. Dann kommt endlich die Erlösung: aus den Körpern ragen Strohfetzen. Die vermeintlich Toten sind lebensgroße Ritualpuppen, die bei irgendeiner religiösen Prozession ins Wasser geworfen worden sind. Richtige Erleichterung will sich bei mir nicht einstellen – zu tief sitzt der Schock. Langsam verlasse ich das Abwasser und setze schwankend meinen Weg fort. Ich erreiche jetzt das Manikarnika Ghat. Hier werden die „richtigen Toten“ auf Scheiterhaufen verbrannt. Anschließend wird ihre Asche in den Ganges gestreut.
Zu Gast in einem fremden Land
Auf einmal stürzen zerlumpte Gestalten auf mich zu. Sie kreisen mich ein und bedrohen mich. Zuerst werde ich aus ihrem Geplapper nicht schlau. Dann verstehe ich: Wenn ich versuchen sollte, eine der Feuerbestattungen zu fotografieren, würde man mir meinen Film wegnehmen. Entschlossen dränge ich sie zur Seite. Ein besonders aufdringlicher Bursche radebrecht unaufhörlich “You are guest in my country! You are guest in my country!†Die Gruppe lässt nur widerstrebend von mir ab – nur der Eine verfolgt mich weiter. Langsam wird mir klar, dass ich es mit einem selbsternannten Fremdenführer zu tun habe. Wenn die unerbetene Führung zu Ende ist, wird er Geld von mir verlangen. Abschütteln kann ich ihn jetzt nicht mehr.
Am Verbrennungsplatz werden zwei Leichname auf ihre Einäscherung vorbereitet. Beide sind vollständig in Tücher eingewickelt und liegen auf kleinen Scheiterhaufen aus Holz und Reisig. Was in Europa abgeschirmt von Augen und Nasen in einem Krematorium durchgeführt wird, findet hier in Indien in aller Öffentlichkeit statt.
In einigem Abstand stehen 30 bis 40 Menschen. Es sind vermutlich die Angehörigen. Sie stehen einfach nur da und schauen auf das Unvermeidliche: bald gehen ihre Angehörigen in Rauch auf. Ich kann ihre Stimmung nicht richtig erfassen. Empfinden sie Trauer? Oder betrachten sie den Tod, wie es im Hinduismus gelehrt wird, als natürliches Ereignis? Ihren Gesichtern kann ich nichts entnehmen, sie wirken ausdruckslos: niemand weint und niemand lacht.
In respektvollem Abstand umgehe ich langsam den Verbrennungsplatz. Am Rand steht ein völlig heruntergekommenes Haus. Einer englischen Aufschrift entnehme ich, dass hier eine Auffangstation für Leprakranke untergebracht ist. Ich empfinde es als makaber, dass diese kranken Menschen direkt auf dem Bestattungsgelände wohnen müssen. Jeden Tag müssen sie den Rauch der Verbrannten einatmen. Das ist angesichts der Tatsache, dass viele Lepröse in Indien zusätzlich unter Tuberkulose leiden, unverantwortlich.
Mein Begleiter zieht mich plötzlich zur Seite – ich soll ein anderes Haus betreten. Dieses Gebäude wirkt so gruselig wie aus einem schlechten Horrorfilm: Dort, wo normalerweise eine Wand zu erkennen wäre, sitzt eine mindestens 2 cm dicke unregelmäßige Schmiere aus abgelagertem Rauch. Das Gebäude steht genau in Windrichtung des Verbrennungsplatzes. Was hier an den Wänden klebt, waren einmal Menschen. Das Haus verfügt über keine Fenstergläser, so dass der Rauch auch ins Innere vordringen und alles verunreinigen kann. Ich weigere mich erst, meinem „Fremdenführer“ zu folgen, aber als ich sehe, dass andere Touristen das Gebäude verlassen, lasse ich mich mitziehen. Im Inneren des Hauses tauche ich in einen Wald geöffneter und bettelnder Hände. Dicht gedrängt kauern hier Menschen, vorwiegend Frauen und Mädchen. Ich gebe ihnen nichts, so perplex bin ich. Ich werde in den ersten Stock gelenkt und auf einen Balkon gebracht. Auch hier stehen Europäer oder Amerikaner und lassen sich von „Fremdenführern“ das Verbrennungsritual erklären. Dann verlasse ich das Haus und seine ausgestreckten Hände. Mein lästiger Schatten folgt mir noch immer.
Kurze Zeit später erreiche ich ein Tempelgebäude, das halb im Gangeswasser steht. Es ist eigenartig zu einer Seite gekippt. Offensichtlich hält der weiche Uferboden am Flussufer nicht dem Gewicht des massiven Steingebäudes stand. Hinter dem Tempel sitzen Männer und betreiben Körperpflege: mit altertümlichen Rasiermessern und Scheren bringen sie ihre Haare in Ordnung. Ihre Blicke sagen mir, dass sie dabei nicht beobachtet werden möchten, also lege ich einen Schritt zu. Mein Begleiter verfolgt mich noch immer. Er verlangt nun Geld. Widerwillig ziehe ich einen 10 Rupien-Schein hervor. Der „Fremdenführer“ wird böse, er verlangt 100 Rupien. Auch ich werde nun zornig und stecke das Geld langsam wieder ein. Er hat sich mir aufgedrängt. Außerdem habe ich kein Wort seiner Ausführungen verstanden. Bevor das Geld endgültig in meiner Hosentasche verschwindet, überlegt er es sich und greift nach dem Schein. Nun bin ich glücklich und endlich alleine.
Jetzt wird es schnell dunkel und ich beginne mir Sorgen um meine Sicherheit zu machen. Die „Reiseliteratur“ warnt ausdrücklich davor, nach Einbruch der Dunkelheit in der Stadt umher zu laufen. Also mache ich mich auf den Rückweg. Mal sehen, welche Alpträume ich heute Nacht träume, in Varanasi, der heiligsten Stadt Indiens.
Der Artikel sitzt!
Beim Lesen habe ich eine Gänsehaut bekommen…