Frauen: der Wirtschaftsfaktor in Ruanda – Teil 2

Zwischenzeitlich sind im Rahmen des Hausbau-Projektes in Kivumu über 220 Häuser gebaut und repariert worden. Die aktuellen Notfälle sind behoben. Durch die Ausbildung der erforderlichen Fachkräfte hat das Hausbau-Projekt im wahrsten Sinne des Wortes die gewünschte Eigendynamik (Hilfe zur Selbsthilfe) gewonnen. Hier geht es zu Teil 1 der Reportage: Erfolgreicher

Zwischenzeitlich sind im Rahmen des Hausbau-Projektes in Kivumu über 220 Häuser gebaut und repariert worden. Die aktuellen Notfälle sind behoben. Durch die Ausbildung der erforderlichen Fachkräfte hat das Hausbau-Projekt im wahrsten Sinne des Wortes die gewünschte Eigendynamik (Hilfe zur Selbsthilfe) gewonnen.

Hier geht es zu Teil 1 der Reportage: Erfolgreicher Wiederaufbau in Kivumu/Ruanda

Aufgrund dieser erfreulichen Ergebnisse stellt sich die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis dieses “Hausbauprojektes“. Alle am Projekt Beteiligten führen es auf die unausgesprochene Devise “Bau auf unsere Frauen und es geht vorwärts“ zurück.

Spaziergang durch Kivumu
Ein Spaziergang durch die Streusiedlung vorbei an einzelnen Häusern, die direkt auf den dazugehörigen Ländereien stehen, über schmale, sandige, ausgewaschene, rote Wege vermittelt den besten Eindruck vom alltäglichen Leben in Kivumu. Vorgärten gibt es nicht, es läuft nur ein Trampelpfad um die Häuser, denn die Nutzfläche soll so groß wie möglich bleiben. Die Pflanzen der Gärten und Felder wachsen praktisch in die Häuser hinein. Morgens sind Frauen und Kinder dabei, die Häuser mit Besen und Bananenblättern auszufegen. Es macht alles einen gepflegten und ordentlichen Eindruck, obwohl nicht viel zu zeigen ist.

Wir betreten ein Haus und stehen direkt im “Salon“. Hier werden Besucher und Gäste empfangen. Der Fußboden ist aus gestampftem Lehm. Er glänzt, ist glatt und strahlt eine angenehme Kühle aus. Dieser Raum ist spärlich mit einem niedrigen Holztisch und zahlreichen schlichten Holzsesseln, belegt mit schönen farbigen Kissen, möbliert. An den hell verputzten Wänden hängen Bilder mit religiösen Motiven. Von den Schlafräumen haben wir nur die Zugangstüren gesehen.

Frauen als Verantwortungsträger
Die Frauen tragen farbenfrohe Kangas (Stoffe), die sie geschickt zu Kleidern, Schals, Kopfbedeckungen und zum Babytragen wickeln. Die Männer sind mit Hemden und Hosen bekleidet. Alle unterscheiden sehr genau zwischen Arbeits- und Festtagskleidung. Die akkurat gestärkten, gebügelten und schneeweißen Kleidungsstücke verblüffen immer wieder. Die Menschen in Kivumu beeindrucken durch ihre einfache Lebensart und durch ihre Lebensfreude.

Die Frauen sind im Hausbauprojekt von Kivumu die entscheidenden Verantwortungsträger. Bei unserem Wiederaufbauprogramm liegt die Verantwortlichkeit überwiegend bei den Frauen, dies führte zu dem schon heute bewundernswerten Erfolg des Projektes.

Vier gewichtige Gründe sprechen für die “Geschäftsführung der Frauen“.

1. Frauen sind durch die Armut am härtesten getroffen.

2. Frauen versorgen erst ihr Umfeld, bevor sie an sich selbst denken.

3. Frauen investieren außerhalb des Nahrungsbereiches überlegter und berücksichtigen vorrangig ihre Familien und damit ihre Kinder.

4. Frauen gelten als die verlässlicheren Geschäftspartner, besonders bei der Rückzahlung von Krediten.
Die Unterstützung der Frauen auf dem Lande hat in der Missionsarbeit der Franziskaner höchste Priorität, weil ihre Geschäftsfähigkeit von den herkömmlichen Banken noch nicht anerkannt wird. Auf diese Weise führen immer besser werdende Kontakte mit der ruandischen Frauenbewegung zu einer relativ schnellen Anhebung des allgemeinen Lebensstandards. Dies ist ein Grund mehr, die einheimischen Frauen bevorzugt in die Abwicklung unseres Hausbauprojektes einzubinden.

Außerdem leiden die Frauen bei den gegenwärtigen Alltagsverhältnissen am stärksten unter Hunger und Armut. Frauen müssen zuhause bleiben und praktisch mit Nichts den Haushalt bestreiten. Wenn es daheim nichts zu essen gibt, kommt der Mann vielfach gar nicht nach Hause. Die Mutter ist allein gelassen und hat auch für ihre Kinder nichts zu essen. Das Nötigste schneiden sich die Mütter praktisch aus den Rippen. Die wirklich Hungerleidende ist dann letztlich die Mutter, die meistens auch noch aufgenommene Kriegs- oder Aidswaisen versorgt. Diese dauerhaften Erfahrungen prägen die Frauen in Kivumu in ihrem Verhalten und in ihrer Lebensweise.

Frauen sind absolute Schwerstarbeiter
Im Falle der Not sind die Frauen von Natur aus auch die besseren und ausdauernderen Kämpfer (dt. Trümmerfrauen). Sie bemühen sich um das Geringste, in der Hoffnung ihre miserable Situation in den Griff zu bekommen. Die armen Frauen in Kivumu zeigen all diese positiven Eigenschaften, die den mühsamen Aufbau- und Entwicklungsprozess in der Gemeinde aufrecht erhalten und enorm stärken. Sie entwickeln eine unglaubliche Energie, um vorwärts zu kommen. Sie sind absolute Schwerstarbeiter, achten dabei trotzdem auf ihre Würde, das Wohlergehen der Kinder und sind darüber hinaus erstaunlich lebensfroh. Sie sind wie selbstverständlich zu jedem Opfer bereit und äußerst zielbewusst in ihrem Vorgehen.

Die angestrebte Bedürfnisdeckung (Wer bekommt wann was?) wird unter den Gesichtspunkten der Gemeinschaft, in der die Frauen maßgebend sind, betrieben. Weil, wie bei allen Menschen, auch bei den Betroffenen, der Wunschkatalog speziell des Einzelnen endlos ist, muss im Sinne des örtlichen Gemeinwohles immer von allen entschieden werden, wann z. B. Genug genug ist. Die Abstimmungsprozesse laufen dank der beteiligten Frauen mehr auf der Basis von Verständnis und Mitgefühl als auf der Grundlage von nüchternen Daten und Fakten ab. Allein in der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung dieser gewachsenen kulturellen Verhältnisse zeichnen sich die Frauen besonders aus.

Unser Hausbauprojekt basiert somit zum größten Teil auf der direkten oder indirekten Mithilfe von Frauen. Die gemachten Erfahrungen zeigen, dass durch die Frauen die Armut erfolgreich und nachhaltig bezwungen wird und die soziale Entwicklung für die Menschen in Kivumu positiv verläuft. Landesweite Umfragen in Ruanda haben ergeben, dass die Haushalte weiblicher Kreditnehmer bezogen auf Nahrung, Kleidung, Gesundheit und Bildung im Lebensstandard weit über dem Landesdurchschnitt liegen. Darüber hinaus gibt es bei der Rückzahlung der Kredite kaum Ausfälle.

Bei all diesen positiven Gesichtspunkten darf die Schwachstelle der Frauen aber nicht verheimlicht werden. Für die weiblichen Familienmitglieder ist es schwierig, sich vor dem finanziellen Zugriff der männlichen Familienmitglieder zu schützen. Diesbezüglich wurden uns gegenüber aber auch verlässliche und praktikable Abwehrmechanismen und weibliche Listen aufgezeigt, so dass weiterhin auf die Frauen zumindest von Kivumu gebaut werden kann. Die praktizierte Gleichstellung der Frauen in Kivumu ist ein kaum zu überschätzender Schritt bei der Hilfe zur Selbsthilfe und damit im Kampf gegen Hunger und Armut.

Hier geht es zu Teil 3 der Reportage: Ruanda – was ist noch zu tun in Kivumu? 

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