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Politik

Shell to Sea - Raffinerie bedroht Irlands Umwelt

Montag, den 13. November 2006 um 18:24 Uhr von Sabine Borchert
Irische Shell-Gegner gedenken an den Nigerianer Ken Saro Wiwa, nach Protest gegen den Konzern gehängt. (Foto: Shell to Sea)

Der Öl- und Gaskonzern Shell baut im Westen Irlands eine Erdgas-Raffinierungsanlage. Lokale Gemeinden kämpfen seit Jahren gegen den Bau der Raffinerie, die auch den Bau einer Gaspipeline beinhaltet.

Nach langen friedlichen Protesten, hat der Kampf gegen Shell leider gänzlich neue Entwicklungen genommen, nicht zuletzt deshalb, weil Shell von der irischen Regierung gefordert hat, den Zutritt zur Baustelle unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Mittel zu ermöglichen.

Polizeieinsatz gegen Shell-Kritiker (Foto: Shell to Sea)

170 Polizisten wurden in die Ortschaft Bellanaboy abkommandiert, die mit zum Teil drastischen Maßnahmen, sprich mit verbaler und körperlicher Gewalt, gegen die Protestierenden vorgehen. Auch kam es zum ersten Mal zu Festnahmen, die Aktivisten werden nahezu permanent gefilmt. Aktivisten werden von der Polizei an den Ohren und am Hals hochgehoben und von der Bausstellenzufahrt entfernt. Ferner gibt es verbale Drohungen von Polizisten, die Aktivisten nach Kneipenbesuchen „aufzumischen“. Die körperlichen Verletzungen (Prellungen, Blutergüsse usw.) sind fotografiert worden, es gibt einen Beschwerde-Ordner, in dem sämtliche Vorfälle dokumentiert werden.

Eine Beschwerde bei der Polizeistation in Belmullet ist nur unter großen Schwierigkeiten durchsetzbar, da die zuständigen Beamten keine Kooperation zeigen. Die ebenfalls zuständige Polizeiwache in Glenamoy wurde zu Beginn des Polizeieinsatzes geschlossen. Die Kosten des Polizeieinsatzes betragen pro Tag mehr als 200.000 Euro. Eine Besserung der Situation ist leider nicht in Sicht, da es laut Aussage der irischen Regierung keinerlei Gründe gibt, das geplante Bauvorhaben zu stoppen.

Die Fakten, wie sie sich aus Sicht der Kritiker des Projektes darstellen:

Die Gasraffinerie, das erste Offshore-Projekt dieser Art, wurde in der Planungsphase zweimal abgelehnt. Am Ende hat die zuständige Behörde An Bord Pleanàla (The Irish Planning Appeals Board) doch grünes Licht gegeben und damit ihren eigenen Hauptkontrolleur überstimmt, der das Projekt aus mehreren Gründen abgelehnt hatte.

Die Pipeline soll einen Betriebsdruck von 345 Bar aushalten. Weder der Entwurf noch der Umfang des Corrib-Gasfelds (englisch), um das es geht, haben sich geändert, dennoch ist die offizielle Druckangabe von Shell kontinuierlich verringert worden, zur Zeit wird sie mit 100-110 bar angegeben. Die Zahl, welche die Aspekte der Pipeline kritisch kalkulieren soll (die sogenannte MAOP, Maximal Allowable Operating Pressure) wurde nie offiziell genannt. Der Design-Code der Pipeline, die nur eine Dicke von 21,1 mm hat, ist der englische BS8010-Code, welcher inzwischen veraltet ist. Dies ist auch die dünnste Pipeline, die unter diesem Code möglich ist, wobei die vorgeschriebene Dicke von 62 Millimeter, die für Straßenkreuzungen vorgeschrieben ist, völlig ignoriert wurde. Der Sicherheitsabstand wird nicht eingehalten, bei einem Druck von 150 Bar (MAOP) müsste der Sicherheitsabstand zum nächsten Haus 84 Meter betragen (unter dem Code BS8010). Der aktuelle Druck, der erreicht wird und aus Sicherheitsgründen erreicht werden muss, beträgt 345 Bar. Der Sicherheitsbereich würde damit 170 Meter betragen müssen. Die sicherere Vorschrift aus den USA und Kanada schreibt sogar ein Minimum von 295 Meter vor. Die Häuser in Rossport sind gerade mal 70 Meter entfernt, die nächste öffentliche Straße ist 30 Meter entfernt und in etlichen Fällen müssen Leute die Pipeline überqueeren, die nur 1,2 Meter unter der Erde liegt, um zu ihren Häusern zu gelangen. Shell bezeichnet das Projekt dennoch als „..geplant mit den höchstmöglichen Sicherheitsstandards“. Es wurden 2 angeblich unabhängige Sicherheitsgutachten erstellt – von Firmen, die eng mit Shell verbunden sind.

Die Abwässer, die bei der Raffinerie anfallen, werden in einer Pipeline in die 12,5 km entfernte Broadhaven Bay zur Entsorgung transportiert. Broadhaven Bay wird von neun bestätigten Spezies von Delphinen und Walen bewohnt, darunter die schwarz-weißen Orcas. Der Abfall wir unter anderem die folgenden Stoffe beinhalten:Chloride, Sulfate, Methanol, Öle, Calciumsulfat, Rostschutzmittel und bis zu drei Tonnen Nickel, Quecksilber und Blei pro Jahr. Weitere Stoffe wären: Barium, Boron, Phosphor, Chrom, Mangan, Zink, Kupfer, Arsenik, Selen und Silber. Keine Zutaten für Trinkwasser. Luftverschmutzung stellt ein weiteres Problem dar, die Luft über der Raffinerie wird wie folgt belastet: Methan, Sulfurdioxid, POCB-Emissionen einschl. Ethan, Propan, I-Buthan, Methanol und andere Emissionen.

Protestmarsch gegen die Pipeline. (Foto: Shell to Sea)

Den Bürgerprotest gegen das umstrittene Projekt (englisch) organisiert das Kampagnenbündnis Shell to Sea (englisch). Seine Sicht über das Projekt teilt Shell auf seiner irischen Website mit.

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4 Reaktionen zu “Shell to Sea - Raffinerie bedroht Irlands Umwelt”

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  1. Peter Wittig

    am 14. November 2006 um 12:13 Uhr | Link | Kommentar melden

    Wann nimmt man endlich offiziell zur Kenntnis, dass das ständige Umweltschutzgetue
    von Shell nur eine Maske ist, um in weniger frequentierten Gebieten und weit entfernt von der breiten Masse der potentiellen Kunden rücksichtslos auf Kosten der Natur und unter inkaufnahme von Menschenleben seine Profitgier durchzusetzen.
    Wenn Shell aufrichtig seine Unternehmensgrundsätze ernst nehmen würde, müssten alle damit befassten Manager entlassen werden.
    Hier hilft nur ein Mittel: weltweiter Boykott!

  2. Dr. Paul Eßer

    am 14. November 2006 um 13:35 Uhr | Link | Kommentar melden

    Liebe Sabine,
    in der Anlage ein Text aus meinen früheren Kämpfen gegen die umwelt- und menschenfeindliche Politik eines rücksichtslosen Ganovenkonzerns.

    - Dr. Paul Eßer -
    Seit Infanteriegeneral Sani Abacha sich im November 1993 an die Macht putschte, hat er alles unternommen, um in Nigeria, das in den 34 Jahren seiner Unabhängigkeit sechs Staatsstreiche und vier Umsturzversuche erdulden mußte, die letzten Reste von Demokratie auszumerzen. Mit primitivsten Terrormethoden, mit Folter und Mord, hat dieser in Sachen Politik und Wirtschaft gänzlich unbedarfte Soldat die noch im Lande verbliebene politische Intelligenz liquidiert und brutale Vernichtungsaktionen gegen das Volk der Ogoni durchgeführt, das einer ungehinderten Ölförderung im Nigerdelta im Wege steht.

    Daß der General sein Terrorregime aufrechterhalten kann, verdankt er allein dem Shell-Konzern, der den Staat Nigeria praktisch gekauft hat. Als der von Abacha ermordete Vorsitzende des nigerianischen Schriftstellerverbandes und geistige Führer der Ogoni, Ken Saro-Wiwa, im Dezember 1994 den alternativen Nobelpreis erhielt, fand endlich jemand den Mut, den Marionettencharakter der nigerianischen Regierung bloßzustellen.

    Der Stifter des Preises, Jakob von Uexkuell sagte anläßlich der Ehrung des Dichters: “Der Shell-Konzern hat für das, was in Nigeria geschieht, genausoviel Verantwortung wie der Staat selbst.”

    Der zur Entlastung des Konzerns gern zitierte Umstand, daß die staatliche Nigerian National Petroleum Corporation mit 55 % die Mehrheit in dem von der Shell Company geleiteten Konsortium zur Ölförderung im Nigerdelta hält, sagt überhaupt nichts aus über die tatsächlichen Macht- und Gewinnverhältnisse, es handelt sich wie häufig bei joint ventures in den sogenannten Entwicklungsländern um eine folgenlose juristische Tarnkonstruktion, die verschleiern soll, daß Shell die Militärregierung aushält und in allen wichtigen ökonomischen Angelegenheiten des Landes das Sagen hat.

    Die windelweichen Reaktionen der Europäischen Union auf die Ermordung Ken Saro-Wiwas und anderer Bürgerrechtler durch die faschistische Diktatur in Nigeria spiegeln nur allzu deutlich wieder, was wir gern verdrängen: unser aller Abhängigkeit vom Öl. Platt gesagt: Wir wollen auch weiterhin billig Autofahren.

    Die einzige Sanktion, die das nigerianische Militärregime und den verdeckt dort herrschenden Shell-Konzern wirklich treffen könnte, wäre ein totales Ölembargo, besser noch ein weltweiter Boykott von Shellprodukten. Über den verhängten Waffenlieferungsstopp können die Gangster-Generäle nur lachen, da es für sie, wie für jede Regierung, ein leichtes ist, von den gleichen europäischen und amerikanischen Firmen, bei denen sie bisher gekauft haben, ihr Kriegsgerät zu beziehen - über Drittländer, private Agenturen und Vertragstricks.

    Wenn jemand einen anderen erschießt, kann er nicht seinem Gewehr die Schuld zuschieben. Mit solch infantilen Tricks versucht Shell, die Weltöffentlichkeit zu täuschen. Sie macht die Militärtölpel für Terror und Mord verantwortlich, dabei hätte eine harte und eindeutige Reaktion des Konzerns Ken Saro-Wiwa gerettet, und eine andere Politik des Konzerns könnte das tägliche Unrecht gegen Minderheiten im Lande ebenso verhindern wie die gigantischen Umweltzerstörungen, die von den Ölförderern angerichtet werden.

    Wie bringt man Shell zu dieser Einsicht? Was können wir Schriftsteller tun? Wir können uns nur unbeirrbar und unbelehrbar durch die Repräsentanten von “Sachzwang” und Profit an unsere einzige Waffe halten, an das Wort. “Als ich mich nach jahren des schreibens entschloß, das wort auf die straße zu bringen, um das volk der ogoni zu mobilisieren … hatte ich keinen zweifel, wo das enden könnte”, sagte Ken Saro-Wiwa im Mai letzten Jahres bei seiner Verhaftung.

    Was können wir alle tun, wir, die nicht in Diktaturen leben, die uns unser Verhalten vorschreiben?

    Wir können uns entscheiden: solange Shell mit Mördern paktiert, nichts mehr von Shell kaufen! Wir müssen überall bekanntmachen: In jedem Liter Shell, den wir tanken, schwimmen Tropfen vom Blut afrikanischer Dichter, schwimmen das Blut und die Tränen der Ogoni, Daher: Stoppt Shell. In der Nordsee, in Afrika, überall! Boykottiert diesen Konzern, dessen Manager jedes Rechtsgefühl und jede soziale Verantwortung verloren haben! Shell? Nein, danke!

    Für den Freundeskreis Ken Saro-Wiwa
    Dr. Paul Eßer

  3. Mechthild Schuchert

    am 15. November 2006 um 10:42 Uhr | Link | Kommentar melden

    Liebe Sabine,

    herzlichen Dank für den Text. Die für mich zur Beurteilung einer komplexen Situation notwendigen Infos sind superknapp/gut überischtlich dargestellt, hilfreich für mich. Und wieder mal zeigt sich, wie verlogen die Shell-Werbekampagenen sind, wie wenig man nachlassen darf in dern Recherchen. Und wie leicht es den Konzernen immer wieder gemacht, das staatliche Gewaltmonopol zu nutzen zur Durchsetzung ihrer Profitinteressen …

    Also Dir herzlichen Dank - für den Text und für das Engagement!

    Mechthild Schuchert

  4. Erbitterter Kampf gegen Shell >> Shell to Sea, Shell, Nacht, IRMS, Männer, Broadhaven, Readers, Edition >> Womblog [Worte oder mehr]

    am 26. Juni 2009 um 14:47 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Von Sabine Borchert | Readers Edition | – Der Streit um die von Shell geplante Corrib Gaspipeline/Raffinerie (siehe Readers Edition Artikel vom 13.11.2006, 29.08.2008 und 10.09.2008) nimmt zunehmend dramatischere Formen an. In der Nacht des 11. Juni 2009 verschafften sich vier maskierte Männer gewaltsam Zutritt zum Fischerboot des bekennenden Pipeline-Gegners Pat O’ Donnell und sperrten ihn und sein Crewmitglied Martin McDonnell in die Steuerkajüte ein. […]

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