Erinnerungen an Carsten

Ich war fünfzehn. Carsten war siebzehn. Ich hatte einiges von ihm gehört, bevor wir uns das erste Mal begegneten. Er kannte viele Leute, er war einer, den man beachtete; jemand, dessen Wort etwas galt. Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren und ovalen, in silbernem Gestell gefassten Brillengläsern, durch welche

Ich war fünfzehn. Carsten war siebzehn. Ich hatte einiges von ihm gehört, bevor wir uns das erste Mal begegneten. Er kannte viele Leute, er war einer, den man beachtete; jemand, dessen Wort etwas galt. Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren und ovalen, in silbernem Gestell gefassten Brillengläsern, durch welche seine weichen braunen Augen kleiner erschienen; zu klein für sein lang gezogenes und schmales Gesicht.

Carsten hatte lange und sanfte Hände, deren behutsame Bewegungen seinem Wesen ebenso exakt entsprachen wie sein langsamer, etwas wippender Gang und seine leise, bisweilen kaum wahrnehmbare Stimme, die dennoch nicht zu überhören vermochte, wer Carsten einmal erlebt hatte. Ein großer und sehr hagerer Mensch, der seine hohen Beine stets in abgenutzte und nahezu entfärbte Jeanshosen gesteckt hatte und dessen weithin zugeknöpfte Hemden zumeist schwarz und immer lässig über den Hosenbund geworfen waren.

Man traf ihn abends im städtischen Jugendzentrum oder in bestimmten Kneipen der Altstadt. Tagsüber nach dem Unterricht spazierte er gerne in seiner unnachahmlich bedächtigen und beinahe etwas zaudernden Art durch das Zentrum und besah sich die Stadt und ihre Menschen. Carsten schien immer etwas Neues zu entdecken auf diesen Wanderungen, niemals wirkte sein Blick gelangweilt oder müde. Unterwegs grüßte er viele Leute, winkte bekannten und fremden Gesichtern zu und hatte freundliche Worte und Gesten für jeden, der in sich ihm auf Gesprächsweite genährt hatte. Häufig hielt er inne, für ein Gespräch mit einer Bekannten oder einen kurzen Austausch mit dem zufällig getroffenen Schulkameraden und manchmal ließ er sich nieder, machte eine Pause auf einer Bank am Straßenrand.

Beinahe jeden Nachmittag ließ Carsten im französischen Viertel ausklingen, in einem kleinen Café. Dort sah man ihn geruhsam einen großen Milchkaffee oder eine Tasse Tee trinken und gerne aß er ein Müsli oder ein Stück Obstkuchen dazu. Nach der Mahlzeit holte er seinen Tabakbeutel und die Zigarettenblättchen hervor und man wurde Zeuge, wie er mit leicht zur Seite geneigtem Kopfe und einer beeindruckenden Virtuosität voller Hingabe eine dicke und runde Zigarette drehte, auf deren Genuss er sich spürbar schon während der Vorbereitungsarbeiten freute.

Meist saß er nicht lange alleine im Café, sondern bald an einem Tisch mit Jungen und Mädchen aus seinem erweiterten Kreise. Man schätzte Carsten, man legte Wert auf seine Bekanntschaft; niemand konnte anders als ihn zu mögen. Wer ihn einmal angesehen hatte, wer einmal seinen Augen begegnet war und ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, der fasste Vertrauen in diesen ungewöhnlichen jungen Mann, der in gewisser Weise kein konkretes Alter zu haben schien, bei aller Güte nicht nahbar wirkte und welcher auf seine Umgebung eher den Eindruck einer gnadenvollen Erscheinung machte als jenen eines Schulfreundes, des Nachbarsjungen oder Kameraden.

Carsten kannte viele Menschen und darunter waren vermutlich wenige, die ihn nicht bewunderten. Er kannte viele Menschen, er wurde eingeladen, angelacht und begrüßt. Man sprach mit ihm über eigene Nöte, über Politik und gesellschaftliches Leid. Ich weiß nicht, ob es jemanden gab, der mit Carsten über Carsten zu sprechen in der Lage war; ich weiß nicht, ob Carsten selber dies konnte und wollte.

Es war ein paar Tage vor dem Weihnachtsfest, als wir uns zum letzten Mal sahen. Wir trafen uns zufällig, wie so oft. Carsten stand in einem Geschäft schräg gegenüber dem Rathaus und sah sich Schallplatten an. Draußen regnete es heftig und es war kalt, doch nicht kalt genug für den ersehnten vorweihnachtlichen Schnee. Carsten zeigte mir eine Langspielplatte von den Doors und deutete an, wie gut diese ihm gefalle. Es war die vielleicht persönlichste Aussage, die er mir gegenüber je gemacht hatte. Wir plauderten ein wenig und Carsten schlug einen gemeinsamen Tee vor, einen kräftigen schwarzen Tee mit Zitrone und Kandiszucker – in seinem kleinen Café natürlich.

Carsten lächelte mir leise nach
Als er die dampfende Tasse zum Mund führte, beschlugen die ovalen Brillengläser und für ein paar Sekunden verblassten seine kleinen braunen Augen, für einen kurzen Moment erlosch sein sanfter Blick.
Von meinem Liebeskummer sprachen wir an jenem späten Nachmittag, kurz vor dem heiligen Abend des Jahres 1980. Ich erzählte von Claudia, meiner damaligen Freundin, die ich zu verlieren fürchtete. Ich sprach von meinen Ängsten und ich tat dies mit wachsender Geschwindigkeit und Nervosität, während Carsten zunehmend gelassener und ruhiger erschien. Nach einer kurzen Weile ertrug ich meine Geschwätzigkeit nicht mehr und leitete den Abschied ein. Carsten hatte viel zugehört und wenig gesagt, wie gewöhnlich. Er hatte mir für ein paar Minuten das Gefühl gegeben, wichtig und interessant, ja liebenswert zu sein. Er lächelte mir leise nach und seine weichen braunen Augen hinter den ovalen Brillengläsern lächelten vorsichtig mit.

Am Vorabend hatte es geschneit. Niemand wusste, ob die Beerdigung bereits stattgefunden hatte. Niemand wusste es, nicht Sabine, nicht Bruno und nicht ich. Wir wussten einzig, dass er tot war; unser großer Freund Carsten lebte nicht mehr. Das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel hatte er noch erlebt und man erzählte sich, er sei erkältet gewesen und daher nicht mit Freunden verreist wie geplant. Carsten soll deshalb sehr traurig gewesen sein. Er soll überhaupt oft traurig gewesen sein.

Grabsteine und Kreuze ragten aus dem dichten Schnee; Grabsteine in vielerlei Form und Größe, Kreuze aus Holz oder Metall. Kerzen und Blumenschmuck waren vollständig von den klirrenden Flocken bedeckt, die Gräber froren in der schwachen Sonne des frühen Januar.
In einer entfernten Nische entdeckten wir einen bunten Fleck in der weißen Decke. Ein frisches Grab, kalte Erde auf dem neuen Sarg und darauf eine schmale Anhäufung verschiedener Blumen, Kränze und Schleifen. Auf den Schleifen standen letzte Grüße in schwarzer Schrift; Deine Mutter und Dein Vater, Deine Schwester, Deine Tante, Dein Onkel, Deine Großmutter. Ein hellbraunes, grob geschliffenes und wetterfest lackiertes Kreuz lieferte uns Gewissheit.

Carsten Schmidt. Carsten Schmidt, Carsten. Ich kniete vor dem Blumenhügel, Sabine stand nahe hinter mir und ich spürte ihre zitternden Knie in meinem Rücken. Carsten Schmidt, Carsten – in schwarzer Schrift, selbstverständlich in Schwarz. Ich starrte auf den Namenszug und las wiederholt halblaut vor: Carsten Schmidt. Dies war der Ort, der an ihn erinnerte, das vorerst letzte Grab in einer abgelegenen Reihe weit hinten im Gräbermeer. Ein ländlicher Friedhof, auf einem Berg gelegen und mit Blick über Dörfer und Wiesen.
Diese Stelle sollte an Carsten Schmidt erinnern, das provisorische Holzkreuz und später vielleicht ein massiver Grabstein sollten Zeugnis ablegen von Carsten; sollten darlegen, dass es ihn gegeben hatte, unseren sanften Freund mit den langen, dunklen Haaren und dem schmalen Gesicht.

Ich war knapp sechzehn, als er starb. Zwei Jahre später verließ ich meine Stadt, um in andere Winkel dieser Erde zu spähen. Es hat sich ein Leben fernab meiner Wurzeln ergeben, aus welchem ich seitdem bedauerlich selten, aber beharrlich zurück kehre, um alte Freunde zu treffen, vertraute Orte zu sehen und mich mit dem schützenden Geruch meiner alten Heimat zu parfümieren. Seit mehr als zwanzig Jahren lebe ich dergestalt zwischen beiden Welten, pendele gewissermaßen von zu Hause in die Heimat und wieder zurück.
Während all dieser Jahre fand kaum ein Besuch in meiner alten Stadt ohne eine kleine Weile an Carstens Grab statt. Ich konnte und ich wollte ihn nicht vergessen, meinen großen Freund und er verdiente im Grunde mehr als die wenigen Minuten, welche ich ein paar Mal pro Kalenderjahr an seiner Ruhestätte gedachte.

Das Entsetzen über seinen frühen Tod hatte nach einiger Zeit nachgelassen und war einer Gewöhnung gewichen, die ich bis heute als ungut empfinde. Nach einigen Monaten hatte sich die auf dem Grabe angehäufte Erde auf die übliche Bodenhöhe gesenkt, dunkler Humus wurde aufgetragen und die Grabstelle mit einem dünnen Rahmen aus Nadelgewächs abgegrenzt, ähnlich einer Gartenhecke.

Das schmale Holzkreuz wurde gegen einen hellgrauen Grabstein getauscht, auf welchem neben dem Namen auch Platz für das genaue Geburts- und Sterbedatum blieb. Farben und Anordnung der Blumen auf dem Grabe erfuhren in der ersten Phase nach Carstens Tod einen frischen Wechsel, welcher im Laufe der Jahre ebenso abebbte wie die Anzahl der tröstlichen Gewächse. Bald wurde auch die Kerze in der gläsernen Vitrine am Fuße der Grabstelle nicht mehr regelmäßig gewechselt und pünktlich zu Carstens 30. Geburtstag wuchsen unter dem Grabstein mit den knappen Lebensdaten keine Blumen mehr, die kleine Hecke war verdorrt und der Kerzenbehälter war leer. Doch auch in den Folgejahren lagen bisweilen frische oder bereits ausgetrocknete Schnittblumen quer über dem zunehmend versteppten Humus, zumeist weiße Rosen und selten mehr als einzelne Exemplare. Es gab Menschen, die Carsten nicht vergessen hatten.

Auch in diesem Sommer führte mich mein Weg wieder in meine Geburtsstadt und ich nutzte einen milden Samstag Vormittag zu einer Fahrt hinaus, auf die vertraute Anhöhe an das Grab meines Freundes Carsten, der bereits länger tot war als ihm das Schicksal an Lebenszeit zugestanden hatte und welcher trotzdem in meinem Herzen lebt, als spazierte er noch immer in seiner unnachahmlich bedächtigen und beinahe etwas zaudernden Art durch unsere Heimatstadt. Es war im laufenden Jahr mein erster Gang zu Carstens Grab, denn meine beiden Heimatreisen im Winter und Frühjahr waren hektisch und knapp gewesen.

Wie zumeist anlässlich meiner Besuche dieses Friedhofes verdichteten sich bereits im Verlaufe des Anstieges die melancholischen Begegnungen mit vergangenen Tagen und die Erinnerungen an Situationen mit Carsten; an einen Satz, einen Blick, eine Geste dieses ungewöhnlichen jungen Mannes, dem das Altern nicht vergönnt war und welcher vermutlich bis zu meinem eigenen Ende mein großer Freund bleiben wird, trotzdem ich bereits heute mehr als doppelt so alt bin wie er es zum Zeitpunkt seines Todes war.

Carstens Grab existiert nicht mehr

Ich schritt durch das rostige Portal und nahm beiläufig die unangenehm holpernde Kühlapparatur wahr, welche aus dem kleinen Friedhofsgebäude drang und deren Geratter einen aufdringlichen Hinweis auf einen frischen Todesfall gab. Ein paar Kurven, ein paar Ecken, drei Stufen und noch ein paar Schritte bis zu Carstens Grab, das im fünfundzwanzigsten Jahre seines Bestehens nicht mehr so abseits lag wie zu Beginn, als der Friedhof noch nicht erweitert war und die später jenseits von Carsten bestatteten Menschen noch im Dorfe an ihrem Leben arbeiteten.

Drei Stufen, ein paar Schritte ….. die Reihe der Gräber begann ungewohnt spät; von einer einstmals stattlichen Folge an Ruhestätten waren lediglich drei Gräber verblieben und das erste war nun jenes eines August Meyer, in hohem Alter gestorben im Dezember 1981, ein knappes Jahr nach Carsten. Zwischen den Stufen und diesem Grab lag ein Streifen jungen Rasens, einige Meter lang und etwa zwei Meter breit. Die grüne Bepflanzung war eben und lückenlos und aus der Erde waren vereinzelte Gänseblümchen gewachsen, die ein wenig verloren inmitten des dichten Grases standen und machtlos um Beachtung zu flehen schienen.

Nichts zeugte mehr von den Grabstätten, welche diese Fläche noch im vergangenen Jahr ausgefüllt hatten und der unkundige Betrachter wäre kaum der Idee verfallen, ausgerechnet an diesem jungfräulichen Orte das Ende aller offiziellen Erinnerungen an gut ein halbes Dutzend Menschen zu vermuten, deren Leben nun in gewisser Weise für ungeschehen erklärt wurde. In vager Hoffnung schritt ich wiederholt den grünen Streifen ab und achtete dabei auf jede vermeintliche Kleinigkeit, die auf jene Stelle hinweisen könnte, an welcher ich während so vieler Jahre treu gestanden und meines Freundes gedacht hatte.

Der Nachmittag war bereits angebrochen, als ich mich endlich der traurigen Einsicht geschlagen gab: Man hatte Carstens Grab abgetragen und seinen Leichnam entfernt. Das Leben eines Menschen hat seine Zeit und begrenzt ist auch die Dauer, für welche er als gestorben gelten darf. Begrenzt ist die Spanne, während derer ihm ein bezahlter Ort der Erinnerung zugestanden wird und wenn diese abgelaufen ist, gilt er im Grunde nicht einmal mehr als tot. Künftige Besucher des kleinen Bergfriedhofes werden keine Spur mehr finden von Carsten Schmidt, sie werden nicht an seinem Grabe innehalten und sich fragen, warum dieser Mensch bereits jung verstorben war. Die Menschen, die ihn kannten, sind der Stelle beraubt, an welcher man sich ihm besonders nahe zu fühlen vermochte; des Fleckes, der wie kein anderer Gelegenheit zu konzentriertem Gedenken an diesen jungen Mann geboten hatte.

Carsten war einer, den man beachtete; jemand, dessen Wort etwas galt. Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren. Er hatte lange und sanfte Hände, deren behutsame Bewegungen seinem Wesen ebenso exakt entsprachen wie sein langsamer, etwas wippender Gang und seine leise, bisweilen kaum wahrnehmbare Stimme, die dennoch nicht zu überhören vermochte, wer Carsten jemals erlebt hatte. Wer ihn einmal angesehen hatte, wer einmal seinen Augen begegnet war und ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, der fasste Vertrauen in diesen ungewöhnlichen jungen Mann.

Ein paar Tage vor jenem Weihnachtsfest hatten wir uns zum letzten Mal gesehen. Carsten hatte viel zugehört und wenig gesagt, wie gewöhnlich. Er hatte mir für ein paar Minuten das Gefühl gegeben, wichtig und interessant, ja liebenswert zu sein. Er hatte mir leise nachgelächelt und seine weichen braunen Augen hinter den ovalen Brillengläsern hatten vorsichtig mitgelächelt.
Carsten war achtzehn, als er starb.

Dieser Artikel wurde anlässlich des Totensonntags am 26. November 2006 veröffentlicht.

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