Immer häufiger begegne ich speziell in Zeitungen beißender Kritik an der Globalisierung. Angegriffen wird an allen Fronten. Globalisierung ist die Amerikanisierung der Welt. Die Globalisierung dient nur den Kapitalisten. Globalisierung entwickelt sich am Sozialwesen Mensch vorbei. Es gibt eine endlose Litanei solcher oder ähnlicher Bewertungen und Behauptungen. Hier zeigt sich die weit verbreitete Tendenz, dass Begriffe wie z.B. Kapital, Bank, Börse, Konzern, Amerika, international, multikulturell, flexibel usw. immer negativer belegt werden.
Ich kann mich dieser Schwarzmalerei nicht anschließen. Die Globalisierung als eine kapitalistische Erfindung, die nur auf Profit und Ausbeutung zielt, zu identifizieren, ist höchstens eine Halbwahrheit, aber bestimmt keine Verschwörungstheorie. Sicherlich ist der finanzielle und wirtschaftliche Gewinn ein allgemeines Ziel der Globalisierung. Sie ist aber nicht nur auf die Kapitalisten zugeschnitten, sondern sie entwickelt sich so, dass alle Teilnehmer ihre Vorteile haben können. Zur Zeit ist offensichtlich die Finanzwelt der große Gewinner, das besagt aber nicht, dass zumindest zeitversetzt alle anderen Teilnehmer vom globalen Markt auch ihren Nutzen ziehen. Die Globalisierung ist wie der Kapitalismus im Grundsatz ein amoralisches System. Es kann Otto-Normalverbraucher ebenso schaden wie auch fördern. Bei dieser Sichtweise ist der Durchschnittskonsument allerdings nicht unbedingt ein Deutscher, sondern ein Weltbürger. Dieser Weltbürger stellt fest, dass die Globalisierung sich mindestens schon seit den siebziger Jahren positiv für ihn bemerkbar macht. Seit dieser Zeit ist nämlich die Säuglingssterblichkeit drastisch gefallen. In den Entwicklungsländern hat sich die Lebenserwartung fast verdoppelt. Die Anzahl der Menschen, die auf der Basis eines Dollars pro Tag leben müssen, ist ebenfalls signifikant gesunken.
Ich bin weit davon entfernt, diese erfreuliche Entwicklung ausschließlich auf das Konto Globalisierung zu schreiben. Sie hat aber einen wesentlichen Anteil. Aus dieser umfassenderen (globalen) Sicht betrachtet, erscheint die Globalisierung als ein gravierender Wandel in Wirtschaft, Kultur, Sozialwesen, Technologie und Politik, dessen Ursprung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts liegt. Mit der Bildung wirtschaftlicher und politischer Staatengemeinschaften, mit dem Aufbau von Freihandelszonen und mit der Einrichtung weltweiter und damit internationaler Organisationen ist der Globalisierung im Weltkonsens der Weg bereitet worden.
Trotzdem geht gebetsmühlenartig die Behauptung um die Welt, dass der freie globale Handel die heute wirtschaftlichen Schwachen (Nationen, einzelne Menschen) grundsätzlich benachteiligen würde. Genauer betrachtet ist es aber die Halbherzigkeit der Wirtschaftsnationen mit der diese an der Globalisierung teilnehmen. Als typisches Beispiel möchte ich die überzogenen Subventionen der EU für ihre Landwirtschaft anführen. Protektionismus, Subventionen und nationale Handelsrestriktionen sind der wirkliche Sand im Getriebe der Globalisierung.
Die Verbreitung der Demokratie muss auch als eine Folge der Globalisierung angesehen werden. Es ist interessant festzustellen, dass viele Länder, die die Demokratie als ein Regierungssystem ablehnen, behaupten, dass ein demokratisches System nicht in ihre bestehende Kultur integriert werden könne. Ungeschminkt auf den Punkt gebracht heißt dies: “Das totalitäre Regime soll nicht aufgegeben werden“.
Ich erkläre die Globalisierung nicht zu einem Wundermittel, das alle Fehler in der Welt heilt. Thomas Friedman, ein amerikanischer Wirtschaftsjournalist, allerdings glaubt z. B., solange wir alle auf den Zug der Globalisierung aufspringen, geht die Welt in Ordnung und jeder wird auf wundersame Weise ein Gewinner sein und die Armut wird besiegt werden. Ich meine, von der Globalisierung infiziert zu sein und sie als Allheilmittel für all unsere Probleme anzusehen, ist genauso gefährlich, wie sie zu meiden und als Übel zu betrachten.
Mit der Globalisierung läuft noch lange nicht alles rund. Ein negatives Beispiel sehe ich in der Vorgehensweise des IMF (Internationaler Währungsfonds), der versucht, Unterstützungen grundsätzlich von Demokratie, ausgeglichenem Staatshaushalt und Freihandel abhängig zu machen, ohne auf spezielle Verhältnisse Rücksicht zu nehmen.
Es gibt für die Globalisierung keine Richtlinien und Regeln. Sie ist eine Erscheinung, ein Prozess, gleichzusetzen mit einer Pandemie, weltweit grenzüberschreitend und nicht steuerbar. Auf Dauer kann sich aus Überlebensgründen niemand der Globalisierung entziehen. Zwangsläufig müssen alle Menschen sie akzeptieren und an lokal schädlichen Auswirkungen eindämmend basteln. Selbst Tendenzen lassen sich nicht zur Abwehr oder Steuerung der Globalisierung aufbauen, da ihnen allein der globale Charakter fehlt.
Die Globalisierung ist ein Prozess der alle Kultursparten, wie z.B. Wirtschaft, Politik, Sozialwesen und Bildung, des Zusammenlebens betrifft. Verständlicherweise erwächst hieraus die Furcht, dass jegliche lokale, regionale, nationale und kontinentale Kultur verdrängt und unterdrückt wird. In diesem Zusammenhang sieht Otto-Normalverbraucher vereinfachend Kultur gleichbedeutend mit Lebensstandard, damit ist seine aufkommende Angst und Ablehnung noch verständlicher. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Globalisierung öffnet nicht nur die einzelnen Kulturen und macht sie veränderbar, sondern sie öffnet auch die einzelnen Märkte und macht sie zugänglich und vergleichbar. Die Bühnen des Lebens – Kultur und Markt – wandeln sich im Rahmen der Globalisierung vom Komödienstadel zum Welttheater. Die erforderliche Anpassung erfolgt unter der Devise von „Geben und Nehmen“ und ist sicher nicht immer schmerzfrei. Die Parteien im Powerplay müssen sich nach den Maßstäben von Angebot und Nachfrage neu formieren. Als positiver Nebeneffekt verlieren die Faktoren Rüstung und Militär an Bedeutung. Im globalen Markt werden zukünftig die Währungen mit Arbeitskraft, Bildung und Rohstoffen unterlegt. Über die Faktoren Arbeitskraft und Bildung erlangt der Mensch auf dem Markt einen höheren Stellenwert und wird somit automatisch durch die Globalisierung profitieren. Einerseits gibt es berechtigte Sorgen wegen der Gefährdung der eigenen Kultur. Andererseits bleibt bei der intensivsten Verschmelzung der Kulturen der in jeder Kultur gleiche Kern, die Menschenrechte, erhalten. Dies ist mehr als ein Hoffnungsschimmer.
Neben den Sorgen und Ängsten der Einzelnen verkenne ich nicht die großen Bedenken auf nationaler Ebene. Hier geht es um nicht weniger als die Souveränität und Einheit der einzelnen Staaten in der Welt. Genauer besehen können bei den schon bestehenden staatlichen Verbünden, Verflechtungen und Abhängigkeiten dies nur noch vorgeschobene Gründe sein. Die Außenpolitik der einzelnen Staaten zeigt doch ganz klar deren Gewichtslosigkeit. Wesentliche Bestandteile der Souveränität und des Gebietsschutzes sind doch heute schon an übergeordnete Organisationen abgetreten worden. Von der staatlichen Einflusslosigkeit auf die Informationsströme will ich gar nicht sprechen.
Globalisierung verknüpft in sich so viele Aspekte unserer modernen Welt, dass wir aus dem laufenden Prozess nicht aussteigen können. Sie ist heute schon, obwohl noch lange nicht vollständig, das Fundament unseres modernen Lebens. Ich bin überzeugt, dass ihre positiven Auswirkungen die Nachteile stets überwiegen. Die bis jetzt größte Errungenschaft ist der weltweite Informationsfluss, sowohl in seinem Umfang als auch in seiner Schnelligkeit. Stellvertretend steht hier das Internet.
Wenn Wissen Macht ist, dann erreichen wir diesbezüglich eine Stufe ungeahnter Höhe. Dieses Wissen wird die Entwicklung der Menschheit beschleunigen, sodass vielen von uns schwindlig wird. Bildung heißt die erforderliche Medizin, sie sorgt auch dafür, dass bei Ausrichtung auf die globalen Herausforderungen niemand zurück bleibt.
Eine brillante Zusammenfassung und Analyse der Erscheinung der Gobalisierung in ihrem Kern. Nirgendwo habe ich Besseres zum Thema gelesen.
Schon allein dafür lohnt sich RE