“Wer sagt, dass Spenden kein Geschäftsplan sein kann?” - Interview mit Pau Garcia-Milà
Artikel von Timo Heuer vom 02.12.2006, 16:00 Uhr im Ressort Web & Technik, Vermischtes | 9 Comments
Pau Garcia-Milà ist Gründer und Chefentwickler des Webbetriebssystems eyeOS, dem seiner Aussage zufolge ersten WebOS unter einer Open-Source-Lizenz. Bei diesem kann man virtuelle Online-Ordner anlegen und Dateien hochladen, ein Schreibprogramm ist integriert, ebenfalls ein Kalender, ein Telefonnummernverzeichnis, ein kleiner Taschenrechner. Auch über einen Social-Bookmarking-Dienst verfügt die Web 2.0-Applikation. Moment einmal, ist sie das wirklich? Der erst 19-jährige Pau Garcia-Milà erklärt Timo Heuer, warum sie es nicht ist.
Heuer: Ihre Applikation ist ja eine ganz schöne Idee, aber trotzdem braucht man eine Internetverbindung und ein Betriebssystem, das auf dem Computer installiert ist. Was bringt mir eyeOS also?
Garcia-Milà: Nun ja, eyeOS braucht etwas, “das sich mit dem Netz verbindet”. Das ist nicht unbedingt ein Computer, es kann ein Handy sein (wenn es über den “Mobile’s Browser” mit eyeOS Mobile verbunden ist oder der ganze eyeOS Desktop mit einem modernen Handybrowser), eine Konsole (PSP, NDS, etc.) oder jede andere Art von Vorrichtung die eine Website öffnen kann.
EyeOS versucht gar nicht ein Ersatz für irgendwelche Betriebssysteme zu sein. Es ist eine Plattform, mit der man seine Daten (Photos, Musik, Dokumente, Files, …) überall dabei haben kann, wie die benötigten Tools zum Arbeiten und mit der man Spaß damit haben kann. Von einem Photobetrachter bis zum RSS-Reader, Kalender, Themenkatalog, Lesezeichen-Manager, Textverarbeitung. Es liegt nicht auf dem PC, an dem wir gerade arbeiten. Wenn er niederbrennt oder ein Virus das Hauptbetriebssystem zerstört oder etwas ähnliches passiert, verlierst du keine Datei und kannst mit jedem anderen Computer mit der Arbeit von da weitermachen, wo du warst.
Zum Beispiel wird eyeOS benutzt, um Dokumente, Photos und Kalenderinhalte mit der Familie zu tauschen. Du hast alle deine Photos bei dir (mit einem Handy) und in derselben Zeit tauscht du sie mit dem Rest deiner Familie, die in einem anderen Staat wohnt.
Oh, und das beste: Es ist Open Source, somit kannst du es installieren, wo du willst, ohne unserem Freeserver trauen zu müssen.
Heuer: In einem Interview nennen Sie diese Gebilde “WebOSes”. Gibt es eine starke Konkurrenz? Gibt es einen Marktführer?
Garcia-Milà: Wir wählten diesen Namen nicht. Wir starteten als Webdesktopsystem, wurden dann zum Webbetriebssystem (WebOS) oder WebOffice. Und nun ist der geläufige Begriff WebOS. Die echte Konkurrenz gibt es nicht für eyeOS, sondern für den Freeserver ([1] http://www.eyeos.info) aus einem einfachen Grund: Die Konkurrenz bietet WebOS als Service an, nicht als Produkt. Das bedeutet, dass jeder die Daten auf ihrem Server haben muss und keinen neuen Server anlegen kann.
Der Unterschied zwischen eyeOS und den anderen bekannten WebOSes ist, dass eyeOS Open Source ist. Und das erlaubt dir, deinen eigenen eyeOS Server zu haben, ihn individuell einzurichten und ihn an deine Bedürfnisse anzupassen, deiner Familie/Freunden/Kunden ein komplett anderes System zu bieten, angepasst an deine Bedürfnisse, so lange du deine Veränderungen mit der Community teilst (eyeOS ist unter den Bedingungen der GPL Lizenz veröffentlicht).
Meiner Sichtweise nach sollte ein WebOS aus einem einfachen Grund Open Source sein: Die Idee eines WebOS besagt, dass sie Personen von ihren Computern befreit. Aber dann kann man die Leute nicht an deinen eigenen (oder deinen WebOS Server) binden. Du solltest jedermann freistellen, ihre Server aufzustellen, wo sie wollen und darauf zugreifen zu können von überall. Ein WebOS mit gesperrtem Code sagt: “Ich werde dich von deinem Computer befreien, aber dann werde ich dich an MEINEN Server binden”. Aber es ist schwierig, ein WebOS (oder jedes Produkt) Open Source zu machen, wenn du planst, damit bald Geld zu machen. Du kannst einen guten Geschäftsplan mit Open-Source-Software haben, aber es ist härter als mit Software, bei der der Code verschlossen ist.
Heuer: Wird sich eyeOS zukünftig so verändern, dass man es als wirkliches Betriebssystem einsetzen kann, wird es also den WebOS-Bereich verlassen, oder ist es viel eher eine reine Online-Anwendung?
Garcia-Milà: Gut, da gibt es einige parellele Projekte, die daran dachten, ein komplettes Betriebssystem zu entwickelt, dass eyeOS lädt. Aber die offizielle eyeOS-Seite, wenigstens im Moment, wird mit dem Anbieten eines Websystems weitermachen, das man auf jedem Webserver mit PHP-Support installieren kann (wobei keine Datenbank benötigt wird).
Heuer: Lassen Sie uns die Zukunft vorerst verlassen und in die Gegenwart zurückkehren. Sie sagten im Vorgespräch, eyeOS sei kein Web-2.0-Projekt. Aus welchen Gründen?
Garcia-Milà: Nun ja, meiner Ansicht nach sehen die Leute Web-2.0-Applikationen als Webservice, den du betrittst, dort einen Account registrierst und es benutzt. EyeOS ist, wie ich bereits sagte, ein Produkt, nicht eine Website. Es ist ein Stück Software, die du auf deinem Computer oder bei einem Hostingservice betreiben kannst. Deshalb sehe ich eyeOS in der “Web 2.0 Szene”, aber ich sehe es nicht als Web-2.0-Applikation an. Doch ich kann falsch liegen. Das ist nur meine persönliche Meinung über all dieses Web 2.0.
Heuer: Wie viele Leuten arbeiten im Moment an der Entwicklung im “Hauptteam”? Wie viele sind neben diesen noch an der Entwicklung beteiligt?
Garcia-Milà: Wir starteten eyeOS als drei Freunde (Marc Cercós, David Plaza und ich) in einer kleinen Stadt nahe Barcelona, Spanien. Wir waren 18 (Marc und ich) bzw. 22 (David). Dann kam Hans B. Pufal (Greenoble, Frankreich) zum Projekt und danach Eduardo Pérez (Bilbao, Spanien). Von nun an kamen einige Leute, besonders Übersetzer und Entwickler, in den letzten Wochen auch ein Sicherheitsforscher dazu. Momentan hat die Entwicklungscommunity um die 7 Leute. Oh, Marc und David waren die Designer und ich der Programmierer.
Heuer: Es hat sich ja eine regelrechte Szene um Ihr Produkt eyeOS entwickelt (Beispiel: Die Seite eyeApps, auf der man Programme für eyeOS herunterladen kann). Wie viele solcher “Zusatzprogramme” gibt es derzeit?
Garcia-Milà: Ja, die “Szene” ist das beste am Projekt. Die eyeOS-Gemeinschaft erstellt und portiert neue Applikationen und Themes für das Projekt. Es gibt auch eine staatenbasierende Gemeinschaft von eyeOS. Man sieht alle unter [2] http://www.eyeos.org/community. Die deutsche eyeOS-Community kann unter [3] http://eyeos.de.md gefunden werden und wird von Lars Knickrehm aktualisiert.
Es gibt über 110 Applikationen bei eyeApps.org, doch das ist nicht die wirkliche Anzahl an Applikationen für eyeOS.
Heuer: EyeOS wird nicht nur auf einem Server angeboten, da aufgrund der Tatsache, dass es Open Source ist, jeder die Software auf seinem Server installieren darf und kann. Wie viele so genannte Mirrors gibt es ungefähr derzeit?
Garcia-Milà: Da gibt es den öffentliche Server (der ein normaler eyeOS Server ist, betrieben unter [4] http://eyeos.info); bisher wurden dort über 140.000 Downloads registriert (gezählt wurde der Quellcode und das Programm für Windows).
Bei EyeOS ist nichts eingebaut, dass “nach Hause telefoniert” und uns erlaubt zu wissen, wie viele Downloads aktive eyeOS-Server wurden. Wir wissen von 900 öffentlichen eyeOS-Servern, somit können wir sie mit einer normalen Suchmaschine durchsuchen. Das sind öffentliche Server, aber wir gehen davon aus, dass das nur 10 – 15 Prozent von allem sind. (Danke einiger Umfragen, die wir auf der eyeOS-Website machten).
Heuer: Wie entschieden Sie sich dafür, Ihre Software unter einer Open Source Lizenz freizugeben? EyeOS ist, sagten Sie in einem Interview, das einzige “WebOS” im Open-Source-Bereich. Und die Möglichkeit, Geld im großen Stil zu verdienen, fällt somit weg, weshalb Sie ja schon einen Spendenaufruf starteten.
Garcia-Milà: Wir beschlossen das von Anfang an. Wir wollten eyeOS machen, da es eine gute Idee für uns war und nützlich sein könnte, aber wir wollten, dass jeder in der Lage ist, sich mit Idee, Code, … daran zu beteiligen. Deshalb beschlossen wir vom ersten Augenblick an, es als Open Project zu machen. Auch besagt unsere Definition von webOS, dass es Open Source sein muss. Denn wenn es das nicht ist, befreit es den Benutzer nicht, es bindet den Nutzer an einen anderen Server.
Ich weiß nicht, ob eyeOS das einzige WebOS unter einer Open-Source-Lizenz ist, es ist wenigstens das einzige das ich kenne. Und hey, wer sagt, dass Spenden kein Geschäftsplan sein kann (lacht)? Wir planen auch Support für Universitäten, Unternehmen und Schulen in der Zukunft anzubieten (in der Zeit des eyeOS 1.0) und vielleicht geleitete eyeOS-Server.
Heuer: Support für Universitäten anbieten? Was bedeutet das genau?
Garcia-Milà: Nun, eyeOS kann eine sehr einfache und sehr komplexe Lösung sein. Es hängt von der Anzahl der Benutzer ab und von der primären Nutzung. Das bedeutet, dass einige Benutzer Modifizierungen benötigen, wir planen das für Universitäten und Unternehmen zu tun. Es würde eine Ehre sein, falls eines Tages eine Universität eyeOS für Internes für die Studenten benutzen würde.
Heuer: Wie viele Benutzer hat das Haupt-Projekt eyeos.org?
Garcia-Milà: Der Hauptserver hat (jetzt) 82302 Benutzer. Die Zahl wird öffentlich angezeigt auf der Hauptseite eyeOS.info.
Heuer: Accountleichen abgezogen?
Garcia-Milà: Vor einiger Zeit war eyeOS.info der einzige Weg ,eyeOS zu testen, ohne eine Kopie auf einem Server zu installieren. Aber seit einigen Monaten haben wir den öffentlichen Demonstrationsserver ([5] http://eyeos.org/demo), der sich jede Stunde regeneriert. Seit dem gibt es weniger Accounts pro Tag. Tatsächlich ist die Nummer der benutzen Accounts bei 60 % der gesammten.
Heuer: Wie viel Zeit und Geld investieren Sie und Ihr Team monatlich (oder bei ersterem täglich) in eyeOS?
Garcia-Milà: Zeit… Über 4 - 5 Stunden pro Tag (wir lieben die Arbeit). Und das Geld, das ist schwierig zu sagen. Einige Monate zuvor mussten wir für die Server bezahlen, doch nun, glücklicherweise, bezahlen die Spenden und die Google Textwerbung die Server, die mehr Energie und Kapatizität benötigen. Demnach lebt eyeOS in einem Staat, in dem die Community das Projekt und die Server unterhält.
Heuer: Ihr Kalender ist noch überarbeitungsfähig. Wird das in naher Zukunft passieren?
Garcia-Milà: Ja, der neue Kalender von eyeOS 1.0 wird ein paar neue Funktionen haben. Jedoch ist der aktuelle Kalender im AJAX-Part von eyeOS augebaut, zeigt also, wie eine Anwendung
Heuer: Was wird die Zukunft allgemein an Neuerungen bringen?
Garcia-Milà: Nun, da gibt es eine lange Liste. Das öffentliche Wiki ([6] http://www.eyeos.org/wiki) und die öffentliche Wunschliste zeigen einige davon. Wir planen den Desktop mit neuen Funktionalitäten zu erneuern und alle Applikationen speziell in zwei Faktoren zu expandieren: Social (alles kann mit anderen Nutzern geteilt werden) und Office (mit Import- und Export-Funktion und weitereichende Formate, zum Beispiel).
Heuer: Mit anderen Nutzern teilen? Ich kann also mein Dokument zu Benutzer B schicken?
Garcia-Milà: Exakt. Tatsächlich kannst du bereits heute Dokumente die mit eyeEdit gemacht sind mit anderen Benutzern teilen, aber die Idee ist, dass auf alle Applikationen zu erweitern.
Heuer: Danke für das Interview.
Dieses Interview gehört zu Timo Heuers Interviewkolumne “Heuer trifft…” auf [7] Exalo.eu, es erschien zuerst hier: [8] http://exalo.eu/?p=89. Mehr über eyeOS erfahren ist auch in [9] deren Wikipedia-Artikel zu erfahren.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2006/12/02/wer-sagt-dass-spenden-kein-geschaeftsplan-sein-kann-interview-mit-pau-garcia-mila/
Links im Artikel:
[1] http://www.eyeos.info: http://www.eyeos.info/
[2] http://www.eyeos.org/community: http://www.eyeos.org/community
[3] http://eyeos.de.md: http://eyeos.de.md/
[4] http://eyeos.info: http://eyeos.info/
[5] http://eyeos.org/demo: http://eyeos.org/demo
[6] http://www.eyeos.org/wiki: http://www.eyeos.org/wiki
[7] Exalo.eu: http://www.exalo.eu/
[8] http://exalo.eu/?p=89: http://exalo.eu/?p=89
[9] deren Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/EyeOS