“Deutschlands heißestes Start-Up”, das StudiVZ, hat große Probleme. Immer mehr Lücken und Skandale werden bekannt. Eine Frage, die die Blogger umtreibt: Was sagt der größte Investor, die Holtzbrinck-Gruppe, zu dem ganzen Treiben? In einem eMail-Interview mit der Readers Edition äußerte sich nun der Managing Director von Holtzbrinck Ventures, Martin Weber, der auch im Aufsichtsrat des StudiVZ sitzt.
Herr Weber, Holtzbrinck Ventures ist mit 2 Millionen Euro, die Sie im August dort investiert haben, Hauptfinanzier des “StudiVZ”. Das Angebot hat sich in den letzten Monaten zu einem wahren Renner unter Deutschlands Studenten entwickelt. Was denken Sie, wenn Sie nun dieser Tage davon lesen, dass in dem Angebot männliche Studenten eine regelrechte Stalkingjagd auf Kommilitoninnen angezettelt haben?
StudiVZ ist in erster Linie eine Kommunikationsplattform. Über eine Million Studenten tauschen sich dort direkt oder in mehr als 200.000 Gruppen aus. Es wird die Meinungsvielfalt gepflegt, aber studivz darf kein rechtsfreier Raum sein.
Dies zu überwachen ist eine Herausforderung, der die Gesellschaft und die User sich stellen müssen. Die Gesellschaft muss hier sicher besser werden. Gleichzeitig fordert sie die User auf, wann immer ihnen etwas auffällt, dies zu melden. Bei über einer Million Kommunikationsbeiträge ist es wichtig, dass alle mithelfen.
Es stellt sich auch die Frage, wie und von wem die Plattform inhaltlich kontrolliert wird. Immerhin war die entsprechende Gruppe den Mitarbeitern von StudiVZ seit Juli bekannt. Anstatt zu reagieren, baten diese jedoch um die Aufnahme in die Gruppe.
Man hat die Gruppe aufgefordert, Inhalte zu löschen und sich den AGB entsprechend zu verhalten. Der Mitarbeiter, der angeblich um die Aufnahme gebeten hatte, war in den Vorgang am Rande involviert und hätte die Gruppe selbst prüfen müssen, bevor er über einen Dritten einen angeblichen Beitrittswunsch ausspricht.
In eine ähnliche Kerbe schlugen zwei zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Videos, in denen der Gründer und Geschäftsführer des StudiVZ, Ehssan Dariani, Frauen belästigt. Ebenso ist er mit einer Geburtstagseinladung aufgefallen, die öffentlich im Internet zugänglich im Stil des Nazi-Organs „Völkischer Beobachter“ aufgemacht war. Wie kann ein Unternehmen wie Holtzbrinck Ventures solche „Dummheiten“ mit den eigenen internen Regeln vereinbaren?
Ohne Zweifel hat Herr Dariani hier signifikante Fehler gemacht, sowohl was die erstellte und als Satire gemeinte Einladung als auch einige Videos angeht. Er hat sich dafür öffentlich entschuldigt. Über Geschmack lässt sich streiten, aber wir dulden keine rassistischen oder diskriminierenden Verhaltensweisen.
Besonders in der Bloggerszene ist das Thema hochgekocht worden, Berichte über unzureichenden Datenschutz sowie diverse Sicherheitslücken haben dem Ruf der Plattform noch weiter geschadet. Besonders der Vorwurf, es könnten gezielt Daten gesammelt werden, lässt sich nur schwer ausräumen. Können Sie die Kritik der Nutzer nachvollziehen?
Ich kann die Kritik der Nutzer verstehen, was die Performanz der Plattform angeht. Die Gesellschaft ist sehr schnell gewachsen. Die IT war immer ein Engpass. Auch bei der Finanzierung der nötigen IT hatten wir uns ja letztendlich beteiligt. Was die Datensicherheit angeht, wird hier einiges vermischt. Viele Userdaten sind frei zugänglich. Das liegt im Wesen der Social Networks. Es gibt aber einige Themen, was die Datensicherheit angeht, daran wird Tag und Nacht gearbeitet. Ziel ist, die Userdaten so sicher wie möglich zu schützen. Auch gegen Hackerangriffe, wie wir sie in den letzten Tagen gesehen haben.
Die „Welt“ spricht bereits davon, das Projekt würde „vor die Wand fahren“. Der ReferentInnenrat der Humboldt-Universität sowie der AstA der Freien Universität in Berlin sprechen sich offen gegen eine Nutzung des StudiVZ aus und immer mehr Nutzer wandern ab. Glaubt Holtzbrinck Ventures angesichts dieser Entwicklung nach wie vor an das Projekt, oder schließen Sie eine weitere Finanzierung aus?
Ob das StudiVZ ein Erfolg bleibt oder nicht, entscheiden nicht die Medien, sondern nur die Studenten selbst. Wir werden uns gemeinsam mit dem Team bemühen, den Anforderungen der Nutzer gerecht zu werden. Es wurde viel erreicht, vielleicht zu schnell. StudiVZ wird als Plattform ständig schneller und sicherer. Wir glauben an die Gesellschaft und das Konzept.
Herr Weber, vielen Dank für das Interview.
Morgen in der Readers Edition: “Don Alphonso: Medien haben bei StudiVZ nur PR-Stunts geliefert”
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