StudiVZ in der Krise

Das StudiVZ wurde diesen Sommer unter Deutschlands Studenten zu einem wahren Renner. Vor kurzem wurde die Plattform noch als heißes Startup gefeiert, doch in den letzten Wochen haben immer neue Skandale und Probleme den Ruf des Netzwerkes stark angeschlagen. Ehssan Dariani hatte eine Idee: Bei einem längeren Aufenthalt in den

studivzDas StudiVZ wurde diesen Sommer unter Deutschlands Studenten zu einem wahren Renner. Vor kurzem wurde die Plattform noch als heißes Startup gefeiert, doch in den letzten Wochen haben immer neue Skandale und Probleme den Ruf des Netzwerkes stark angeschlagen.

Ehssan Dariani hatte eine Idee: Bei einem längeren Aufenthalt in den USA machte der damals 25-jährige Bekanntschaft mit einem Service namens „Facebook“. In diesem Netzwerk trafen sich Studenten, tauschten sich untereinander aus. Ein tolles Konzept. Warum sollte man so etwas nicht auch in Deutschland aufziehen? Dariani erinnerte sich an einen Freund aus seiner Jugend, besorgte sich Startkapital und hob das StudiVZ aus der Taufe. Ein Jahr dümpelte die Plattform gemächlich vor sich hin und wuchs langsam – bis sie diesen Sommer zum Selbstläufer unter Deutschlands Studenten wurde.

Immer mehr Nachwuchs-Akademiker registrierten sich auf der Plattform, luden ihre Kommilitonen ein. Wer sich einmal angemeldet hatte, kam kaum noch davon los: Schnell landeten Freundschafts-Einladungen von Mitstudenten im Posteingang, ehemalige Klassenkameraden meldeten sich nach Ewigkeiten wieder. In Gruppen vernetzten sich Sport-, Film- oder Musikfans – innerhalb kürzester Zeit fand man Gleichgesinnte. Um in Kontakt zu bleiben, konnte man sich untereinander auch Grüße mit einem Klick zukommen lassen. Der Kunstbegriff „gruscheln“ fand schnell Einzug im allgemeinen Sprachwortschatz des deutschsprachigen Internet.

Kein Wunder, dass das Angebot in den letzten Monaten wuchs und wuchs. Mehrere Investoren stiegen ein, mit zwei Millionen Euro investierte die Holtzbrinck-Gruppe den stärksten Anteil. Viele Medien feierten Dariani als Deutschlands Vorzeige-Jungunternehmer, die Registrierungen auf der Plattform nahmen rapide zu.

Unter dem massiven Ansturm brachen die Server teilweise mehrere Tage lang zusammen, das Team legte Nachtschichten ein, um das Netzwerk am Laufen zu halten. „Die Probleme mit der Performanz sind zum Teil auch unsere Schuld. Uns sind einige Fehler unterlaufen”, räumte Dariani im Firmenblog ein. Jedoch sei dies nicht die alleinige Schuld des StudiVZ gewesen. “Unser Hoster, (…) so mutmaßen wir, nimmt unser Projekt leider nicht ernst.”

Doch Dariani nutzte sein Blog noch zu anderen Veröffentlichungen: So stellte er im August ein Video von einer angetrunkenen Frau ein, die er auf einer Toilette bedrängte. Ein gefundenes Fressen für die Bloggerszene, die auch ein weiteres Video aufspürte, welches Dariani zeigt, wie er in der Berliner U-Bahn zwei Frauen belästigt. Außerdem fanden die Online-Autoren heraus, dass Dariani sich die Domains voelkischer-beobachter.de sowie voelkischerbeobachter.de registrieren ließ. Aufgemacht im Stil des Nazi-Organs fand sich dort eine Geburtstagseinladung des StudiVZ-Gründers.

Dariani geriet immer mehr in die Kritik, Mitte November gestand er schließlich im Firmenblog ein, „viel Mist gebaut“ zu haben. „Dafür stehe ich ein und übernehme die volle Verantwortung.“

Doch die Blogger lassen nicht nach. Allen voran „Don Alphonso“, der fast täglich neue Sicherheitslücken im Datenschutz der Plattform aufspürt und veröffentlicht. Sein wahrscheinlich größter Coup gelingt ihm, als er eine Gruppe ausfindig macht, in der männliche Studenten das StudiVZ gezielt nach Bildern von „geilen Schnitten“ durchsuchen. Von den „Kandidatinnen“ wurden intime Daten ausgetauscht, Adressen und private Fotos veröffentlicht. Die Gruppe ging sogar soweit, eine „Miss StudiVZ“ zu wählen, die dann von allen Mitgliedern innerhalb von wenigen Minuten „gegruschelt“ werden soll. Die betreffenden Damen meldeten sich entnervt ab.

Besonders pikant: Die Gruppe war den Machern des StudiVZ schon im Juli gemeldet worden. Der verantwortliche Mitarbeiter bat jedoch lediglich um die Änderung des eindeutigen Gruppentextes und die Entfernung der „ponographischen Elemente.“ Weiter fügte er noch hinzu: „Einer der Gründer (Michael B.) hätte übrigens auch gerne eine Einladung. Ich würd mich da dann auch anschließen.“

Auch die technischen Probleme reißen bis zum heutigen Tag nicht ab: Am vergangenen Donnerstag musste die Seite aufgrund eines Angriffs von Crackern erneut offline genommen werden. Das Technik-Team rief die Benutzer in seinem Blog dazu auf, Lücken zu finden. Jeder konkrete Hinweis sollte mit 128 Euro belohnt werden, einige Stunden später wird der Betrag sogar verdoppelt. Jedoch wird auch hier wieder ein elementarer Fehler begangen: So könnte der Aufruf dazu verstanden werden, sich Zugriff zu den Daten der registrierten Nutzer zu verschaffen. Don Alphonso legt nach: „Das ist eine Todsünde. (…) Spätestens jetzt sollte eigentlich jedem Verteidiger klar sein, dass es keinen Platz für die geben darf.”

Das Team reagierte umgehend, setzte ein Testsystem mit fiktiven Daten auf. “Damit widerrufen wir unseren Aufruf vom 30. November. Gesucht werden darf ausschließlich auf der Testseite.“ Das StudiVZ soll erst wieder am Dienstag online gehen.

Viele User machen ihrer Unzufriedenheit im Firmenblog Luft: “Es nervt! Die Seite hat noch nie problemlos funktioniert. Es ist doch wohl nicht die einzige Page, die mehr als 1000 User hat, oder?“ In Berlin rufen sowohl der ReferentInnenrat der Humboldt-Universität sowie der AstA der Freien Universität „wegen der gravierenden Datenschutzmängel und sexistischen Vorfällen“ ihre Studenten auf, sich von der Plattform abzumelden. Hinzu kommen Spekulationen aus der Bloggerszene über einen Verkauf der Nutzerdaten. Dem StudiVZ bleibt erneut nur die Flucht nach vorn: “Es werden keine Daten verkauft. (…) Wenn das Thema Werbung ansteht, werden wir es mit euch noch einmal genauer besprechen”, verspricht man den Usern im Blog.

Kommentare

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  1. Schon schade, dass so eine tolle Plattform von solchen gewissenlosen Leuten betrieben wird. Ich wäre zwar prinzipiell auch nicht ganz abgeneigt dem StudiVZ den Rücken zu kehren, aber es ist einfach eine tolle Sache, die sogar noch viel mehr Möglichkeiten bietet als bisher bereitstehen… Aber naja so ein Netzwerk aufzubauen dauert…