Stichwort Killerspiele: Interview mit Betreiber von Postal-World

Deutschland läuft Amok, und alles nur, weil vor einigen Wochen in Emsdetten ein Gymnasiast seine Schule in Atem hielt?! — Sebastian B., der sich selbst in einem Privatblog als Außenseiter skizzierte, kündigte den fatalen Schritt vorab im Internet an. Derzeit haben Trittbrettfahrer Konjunktur.B. schoss wild um sich und bedrohte das

Logo von Postal-World u. Bild vom BetreiberDeutschland läuft Amok, und alles nur, weil vor einigen Wochen in Emsdetten ein Gymnasiast seine Schule in Atem hielt?! — Sebastian B., der sich selbst in einem Privatblog als Außenseiter skizzierte, kündigte den fatalen Schritt vorab im Internet an. Derzeit haben Trittbrettfahrer Konjunktur.B. schoss wild um sich und bedrohte das Leben anderer Leute. 37 Personen wurden verletzt. Er zündete Rauchbomben. Seine Tat war geplant. Am Ende nahm er sich selbst das Leben. Sebastian B. war Computerspieler.

Er favorisierte ein Genre, das jetzt unter dem Etikett “Killerspiele” stigmatisiert wird. Aus manchen politischen Lagern wird der Ruf nach Verboten laut, Gesetzesvorlagen sind in Vorbereitung. Computerspieler fühlen sich missverstanden. Anders als eines der Lieblingsspiele von Sebastian B., Counterstrike, das (euphemistisch) als Taktik-Shooter bezeichnet wird, ist “Postal” ein Kultspiel desselben Genres, von dem Kritiker sagen, es gehe darin nur noch um “sinnentleertes Meucheln”.

Es erscheint sinnvoll, gerade die Stimmen an den extremen Rändern nicht zu vernachlässigen, um ein ausgewogenes Bild zu skizzieren. Aus diesem Grund interviewte ich Ralf S., den Betreiber der Fansite Postal-World.

Alexander Trust: Es scheint, als hätte der Fall von Emsdetten nicht nur ein Exempel statuiert, sondern in der Folge viele Nachahmer auf den Plan gerufen. Zuletzt wurde in Baden-Württemberg eine Fahndung nach einem 18-jährigen Gymnasiasten ausgerufen, der im Internet angekündigt hatte, am Nikolaustag Amok laufen zu wollen. Können Sie anhand der Geschehnisse der letzten Wochen und Monate die immer drängenderen Ruf seitens der Politik nach einem Verbot für Killerspiele nachvollziehen?

Ralf S.: Na klar, ich meine die Politik ist dazu da, um solche kriminellen Handlungen zu unterbinden. Die Frage müsste lauten, ob die Politik dazu in der Lage ist? Ich meine, was wollen die Politiker denn unternehmen? Killerspiele verbieten? — Als wenn das zu diesem Zeitpunkt einen Unterschied ausmachen würde… Meiner Meinung nach muss von Anfang an gehandelt werden, denn nicht nur Computerspiele wie Counterstrike, Doom oder Postal beeinflussen Jugendliche. Vor allem ihr komplettes soziales Umfeld, ihre Bildung — und zu guter letzt sind es die Eltern, die auf ihre Kinder achten müssen.

Alexander Trust: Sie selbst sind Seitenbetreiber der Fansite Postal-World. Postal ist ein gewaltverherrlichendes Computerspiel, das bereits in anderen Ländern, aber auch in Deutschland zumindest im Bereich einer Subkultur für kontroverse Diskussionen gesorgt hat. In vielen Ländern steht das Spiel auf dem Index. Eine Fangemeinde hat es offensichtlich trotzdem. Zudem gibt es seit dem Jahr 1997, als der erste Teil von Postal als Computerspiel erschien, mittlerweile mehrere Teile desselben und sogar filmische Umsetzungen. Wie kamen Sie dazu, eine Fanseite für ein Spiel einzurichten, von dem es heißt, es würde nichts anderes tun, als den Spieler in die Rolle zu versetzen, sinnlos zu töten?

Ralf S.: Postal ist schon ein verrücktes Spiel. Man kann Leute zerhacken, durch die Gegend urinieren oder einfach nur umherballern. Genau das fasziniert einen daran. Denn, ich meine, es ist gegen meine moralischen Grundsätze anderen in meinem Umfeld Schaden zuzufügen, aber warum sollte ich es nicht in einem Spiel machen dürfen? Das Spiel hat mich von Anfang an fasziniert und so hab ich mich entschlossen eine Fanseite zu machen, auch unter der Voraussetzung, dass die deutsche Community relativ gering ist. Wie ich dann feststellen musste, gaben mir meine Besucherzahlen Recht, denn 75 Besucher am Tag für eine damals relativ unprofessionelle Seite fand ich doch respektabel.

Alexander Trust: In einer Folge der Polittalkshow Sabine Christiansen trat der ehemalige Bodybuilder und derzeitige Schauspieler Ralf Möller auf. Er vertrat dort die Position, dass solche Killerspiele (als Beispiel diente der Egoshooter Counterstrike) “Müll” seien. Gleichzeitig machte Möller Werbung für eine Initiative an Schulen, mit der er versucht, Jugendlichen eine Alternative zur “Daddelei” zu bieten, und Perspektiven aufzuzeigen. Vor dem Hintergrund, dass sogar die ARD-Redaktion nicht wusste, dass Möller bei der Produktion des nächsten “Postal”-Filmes, der 2007 erscheinen soll, mitwirkt — wie schätzen Sie diese Situation ein? Kann man wie Möller in dieser Situation noch als glaubwürdig gelten?

Ralf S.: Außer, dass Ralf Möller über denselben Vornamen verfügt und in dem von mir „heiß“ erwarteten Postal – The Movie mitwirkt, kann ich nichts an Herrn Möller finden, was mich auch nur überzeugen sollte, mich näher mit ihm zu beschäftigen.

Alexander Trust: Sehen Sie überhaupt Handlungsbedarf? Finden Sie ein Verbot von Gewalt- und/oder Killerspielen sinnvoll? Welche Alternativen sehen Sie?

Ralf S.: Wer entscheidet was sinnvoll für Jugendliche ist? Laut dem Staat müssen die Eltern dafür Sorge tragen, was ihre Kinder spielen und was nicht. Sehe ich mit meinen 19 Jahren da was falsch? Was soll der Staat daran ändern, dass ich Killerspiele spiele? Sollen sie es verbieten, wer spielen will, der spielt. Egal ob es verboten ist oder nicht.

Vielleicht nicht das passendste Beispiel, aber nur weil Telefonieren im Auto verboten ist, heißt das nicht, dass es niemand macht.

Alexander Trust: Würden Sie sich von Politikern, viel eher noch von besorgten Eltern, sei es der Amokläufer selbst, oder der Opfer derselben, den Vorwurf gefallen lassen, dass Sie mit der Einrichtung solch einer Fanseite einen kleinen Teil zu den Geschehnissen beigetragen haben? Was erwidern Sie denjenigen, die in ihrem Treiben, als Seitenbetreiber einer Fansite eines gewaltverherrlichenden Computerspiels, keinen Sinn sehen können?

Ralf S.: Zunächst: Respekt, die Frage ist echt genial. Aber nein, mal ganz ehrlich… Erstens soll mir das jemand nachweisen. Zweitens muss jeder Mensch selbst mit seinem Leben klar kommen. Wenn ich jemandem sage, spring von der Brücke, bin ich dann Schuld, wenn er es macht?

Ich hab das Recht auf freie Meinungsäußerung, d.h. ich kann schreiben worüber ich will, und wie ich es will. Es ist eine private Webseite und ich zwinge niemanden, das Spiel im realen Leben nachzuspielen. Also hab ich keine Schuld daran… Wo würden wir denn da hinkommen?
Wenn ich bei McDonalds nicht mein Kleingeld spende, und daran dann in Timbuktu Kinder sterben, hab ich dann auch Schuld? Nur weil ich nicht auf der Straße offen gegen den Iran, oder den Afghanistan-Krieg protestiere, hab ich dann Mitschuld am Krieg? — Die Antwort lautet nein, ich rufe ja nicht auf meiner Seite zum Dschihad auf. Ich informiere lediglich über ein Computerspiel. Jeder normal denkende Mensch kann Computerspiel von Realität auseinander halten. Die Menschen, die dies nicht können sind schlicht krank, und kranken Psychopathen kann man nicht helfen, oder zumindest ich nicht.

Alexander Trust: Umgekehrt gefragt: Gibt es Dinge, Versäumnisse, die Sie Eltern und Politikern vorzuwerfen hätten? Dass es überhaupt so weit gekommen ist?

Ralf S.: Ich mache niemandem Vorwürfe. Ich laufe ja schließlich auch nicht Amok, und was in den Köpfen dieser Amokläufer vor sich geht, das weiß wohl niemand.

Alexander Trust: Glauben Sie daran, dass ein Verbot für Computerspiele in Deutschland gesetzlich durchgesetzt werden kann?

Ralf S.: Nein.

Alexander Trust: Vielen Dank für das Interview.

Ralf S.: Gern geschehen.

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  1. Interessantes Interview. Über Amoklaufen wurde schon viel geschrieben. Aber das Spiele daran Schuld sind? Fehlanzeige.
    Eher ist in der “modernen” Gesellschaft die soziale Kälte, Perspektivlosigkeit, Sinnlosigkeit, Konformitätswahnsinn, und andere Faktoren Schuld für immer mehr Amokwillige.

    Als den Amoklauf auslösende Faktoren sind inzwischen hauptsächlich vier Ursachen ausgemacht worden:

    * die mehr oder weniger fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des potentiellen Täters;
    * der Verlust beruflicher Integration, sei es durch Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder Versetzung;
    * zunehmend erfahrene Kränkungen unterschiedlicher Art und durch unterschiedliche Personen und
    * Konflikte mit Liebespartnern.

    Oft spielen vor einem Amoklauf mehrere dieser Faktoren eine Rolle. Dabei sind sie nicht unmittelbar direkt vor dem Ereignis gelegen, sondern können bereits längere Zeit bestehen.

    Zunächst erfolgt das Vorstadium eines mehr oder weniger langen Brütens und Grübelns. Dem potenziellen Täter erscheint sein Umfeld zusehends undurchdringlich, seine Sichtweise der Welt verdunkelt sich mehr und mehr, er isoliert sich selbst, vor allem bezüglich seiner sozialen Kontakte und zieht sich weitgehend aus der Welt zurück, die für ihn immer bedrohlichere Züge annimmt. Die erlernten Anpassungsmechanismen zerfallen allmählich, soziale und psychische Desintegration vermischen sich und setzen einen Regressions­prozess in Gang.

    Unmittelbar vor der Tat erfolgt ein Wutanfall, der sich in einer Reihe von Tötungshandlungen ohne ersichtliches Motiv entlädt. Dabei wird der Blick des Amokläufers starr, er reagiert kaum auf andere Reize, ist nicht mehr ansprechbar.

    Der Amoklauf endet oft, aber nicht zwingend, im Suizid des Täters. Dem Amoklauf wohnt also neben den Tötungsabsichten auch oft eine selbstmörderische Komponente bei, da ihm erst nach der Tat bewusst wird, was er getan hat.

    Quelle: Wikipedia