Zwanzig Jahre nach seiner Gründung und zehn Jahre nach seinem Ableben erschien soeben eine Jubiläumsausgabe des einstmals viel gerühmten Lebensart-Magazins »Tempo«. Mit einem Umfang von 388 Seiten, davon allein 115 hoch glänzende Werbeanzeigen, versucht das »Zentralorgan der deutschen Achtziger Jahre« aus dem Jahreszeiten-Verlag einen Rückblick auf die zehn letzten Jahre sowie eine Vorschau auf das, was uns in der nächsten Dekade erwartet.
Mit »Tempo« kam 1986 der »New Journalism« nach Deutschland. Dieser Reportagestil wuchs aus der von Autoren wie Allan Ginsberg, Jack Kerouac, William S. Burroughs und Lawrence Ferlinghetti geprägten »Beat Generation« hervor. »New Journalism« versteht sich als bewusst subjektiv-kritische Berichterstattung unter Einsatz literarischer Stilmittel, die offen dem angeblich objektiv und wertfrei berichtenden Tagesjournalismus entgegen tritt. Bekannte Vertreter dieser Stilrichtung sind Tom Wolfe, Truman Capote, Norman Mailer und Gay Talese.
In Deutschland stieß der neue Schreibstil auf den Widerstand der etablierten Journaille, die darin einen Verstoß gegen die fade Faktengläubigkeit sah, zumal auch politische unliebsame Themen ausführlich behandelt wurden. Schnell wurde versucht, die Autoren als »Pop-Journalisten« zu diffamieren, die sich ausschließlich unter modischen Gesichtspunkten Themen wie Drogenkonsum, Sexualität, Jugendkriminalität und sozialen Missständen annahmen. Als »Tempo« durch Einbrüche in der Leserschaft und im Anzeigengeschäft finanziell schwer angeschlagen, 1996 eingestellt wurde, ging es blitzschnell, bis sich die einstigen Kritiker die Ideen aneigneten und selbst in opulenten Farbmagazinen, die Wochenzeitungen beigelegt wurden, den inkriminierten Schreibstil nachäfften.
In der Jubiläumsschrift von »Tempo« erfährt der Leser nun im Zeitraffer, was sich in den letzten zehn Jahren ereignet hat. Da wird die Menge des Hundekots errechnet, den der Yorkshire-Terrier Daisy des Prominenten-Schneider Mooshammers in dieser Dekade ablegte, man erfährt, dass sich deutsche Frauen 179 Tonnen Silikon in ihre Brüste schießen ließen und darf staunen, dass Mutter Beimer in der ARD-Endlosserie »Lindenstrasse« exakt 487 Spiegeleier briet. Der anspruchsvollere Leser findet jene 2.937 Wörter, die seit 1996 neu in den Duden aufgenommen wurden und damit offiziell unseren Sprachschatz vergrößerten.
Im umfangreichen Reportageteil wird die These untermauert, wonach die Deutschen verlernt hätten, mit ihrer Geschichte verantwortungsvoll umzugehen. Dazu wurde eine »Nationalakademie« erfunden, die hundert Prominenten mit Sprüchen aus dem NPD-Wahlprogramm und Hitlers »Mein Kampf« eine Ehrendoktorwürde antrug. Das Ergebnis ist allerdings schwach, der Großteil der Geehrten lehnte ab und erkannte teilweise sogar die Satire. Und dass Promi-Friseur Udo Walz, Musiker Dieter Bohlen und Chorleiter Gotthilf Fischer schier aus dem Häuschen gerieten und die Ehrung dankend annahmen, ist alles andere als verwunderlich und wäre vor zehn Jahren kaum anderes gewesen.
Auch eine Reportage über Slums in Europa wirkt nicht so, als würde damit eine lange verdeckte Wahrheit von einem Team aufklärend tätiger »Tempo«-Autoren enthüllt. Tatsächlich beginnt die Dritte Welt nicht nur in Padua und Lissabon gleich neben den Wohnquartieren des Bürgertums. Auch in Berlin, Rostock und Köln findet Verslumung statt, und die Themen liegen damit vor der Tür. Von zweifelhafter journalistischer Relevanz ist auch der Versuch von »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann als »Tempo-Leserreporter«, der seinen Arbeitstag mit dem Fotohandy ablichtet.
Die Jubiläumsausgabe von »Tempo« ist vielschichtig und wird in den deutschen Feuilletons gefeiert werden. Von der einstigen Frische und Unverkrampftheit, den diese unkonventionelle Zeitschrift lesenswert machte, ist kaum noch etwas zu spüren. Die Rebellen von einst sind in Amt und Würden ergraut und bekleiden inzwischen Spitzenpositionen im Pressebetrieb. Auch einige der »Edelfedern« sind gemütlich geworden und haben ihre einstige Spritzigkeit verloren. Zu einem Test, »was Journalismus leisten kann«, hat die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« die Sondernummer bereits im Vorfeld stilisiert. Der Leser wird sich sein eigenes Urteil bilden. Insgesamt bietet die »Tempo«-Sonderausgabe hochkarätigen Lesestoff und viele interessante Namen. Das Jubiläumsheft ist ein verlegerisches und journalistisches Experiment, das zugleich deutlich macht, warum es sinnvoll ist, »Tempo« nicht wieder regelmäßig erscheinen zu lassen.
Ein unverbindliches Klassentreffen auf hohem Niveau und ohne Konsequenzen fürchen zu müssen. Ja es fällt leicht wieder auseinander zu gehen und seinen eigenen Weg fortzusetzen.