08.00 Uhr: Eigentlich bin ich ja wach und kann aufstehen, es ist aber so schön, die Gedanken vorbeiziehen zu lassen, auf den eigenen Atem zu hören und die feinen Schwingungen, die er den Federfüßen des Bettes mitgibt, ins Bewusstsein eindringen zu lassen. Ganz sanft schwingt der Herzschlag auch mit. Neben mir höre ich den ruhigen Atem von Janina, die wohl auch in Wahrheit wach ist. Seit wir beide jeden Morgen unseren Serotoninvorrat mit dem Morgencocktail aufladen, schnarchen wir kaum noch – selbst wenn wir mal länger gefeiert und etwas viel getrunken haben.Und seltsamerweise habe ich nie mehr Schlafsand in den Augen.
So, jetzt stehe ich doch auf und bin als Erster im Bad. Schnell geduscht, den Bart in den Eraser gesteckt -wie das immer am Mund kribbelt! -, dann schnell den Kopf in die Frisurschale. Spiegelkontrolle: perfekt! Unterhose, Hemd und Oberteil am Magnetstreifen zugestrichen und über das Wohnzimmer in die Pantry für meinen Lieblingscocktail. Schöne neue Welt. Früher gab es Haken und Knöpfe, die Kleidungsstücke auf komplizierte Weise zusammen hielten, dann gab es mechanische Verschlüsse, die von zwei Teilen her ineinander griffen. Kam Haut dazwischen, wurde sie gequetscht. Irre.
Mein geliebter Cocktail, der mich den ganzen Tag frisch hält, ist seit langem unverändert die giftgrüne Mischung aus Pflanzen, die fast ausgestorben waren. Nun, ich habe verstanden, dass man sich um seine Nahrung kümmern muss. Früher hat man einfach gegessen, was einem schmeckte und glaubte, dass man dann schon ausreichend ernährt wäre. Selbst das Überhandnehmen vieler Volkskrankheiten führte nicht zum Umdenken. Seit wann eigentlich weiß man, dass man das unverzichtbare Serotonin nicht dierkt essen kann? Überhaupt das Denken. Wichtige Leute, Philosophen und natürlich Theologen, dachten über Fragen nach, die man mit dem damaligen Wissen beim besten Willen nicht richtig beantworten konnte. Was immer sie sich zusammengereimt hatten, verkauften sie dann alsewige Wahrheiten!
08.15 Uhr: nach meinem Cocktail muss ich mich erst einmal setzen. Andere merken offenbar nicht, wie sehr ihnen nach so einem Cocktail das Blut in die Verdauungsorgane schießt. Gut dass ich nicht aufstehen muss, da Janine mir gerade meinen Kaffee bringt. Janine hat auch ihren Morgentrunk genommen und ruht eine Weile im Sessel aus. Sie hat heute ihre Besuchstour bei den alten Freunden der Malerei. Sie berät sie in allen Fragen der Motivwahl und Technik. Toll, was sie mit dieser Arbeit für einen Zuverdienst hat! Eigentlich braucht sie ja nichts neben ihrem monatlichen staatlichen Grundeinkommen. Aber die Arbeit mit den freundlichen Alten macht ihr Spaß und natürlich ist dann auch mehr Geld für den Urlaub da. Kaum zu verstehen, dass man so lange nicht verstanden hat, wie so ein Grundeinkommen funktioniert. Man hatte das Gefühl, wenn man Geld ausgab, sei es weg. Dabei hatte es gleich ein anderer, der es wieder ausgeben konnte. Geld verbraucht sich nicht. Ich habe sowieso schon lange keines mehr gesehen. Ich zahle ja immer durch Ansage gegenüber dem Computer.
08.35 Uhr: Wenn ich mich jetzt auf mein Trirad schwinge, bin ich bequem um 08.50 an der Station der Hängekabine. um die Ecke. Ich hätte doch früher aufstehen und noch eine Runde mit dem Trirad drehen sollen. Ich kann damit so bequem trainieren wie mit meinem Ergometer. Bis vor Kurzem fuhr ich noch das angeblich sportlichere Zweirad. Das Doppelrad hinten lässt mich aber auch ganz langsam fahren, wenn ich das will oder muss, ohne absetzen zu müssen. Zudem komme ich besser in die Kurven. Am schönsten ist es aber, dass ich nur ins Schwitzen komme, wenn ich will. Selbst am Berg kann ich mich nicht überanstrengen. Dann schalte ich eben den wiederaufladbaren Elektromotor ein.
In der Hängekabine gebe ich kurz den Bring-Dienst ein und lasse mich zum Depot fahren. Dort übernehme ich den 7,5 to- Multi-Bringer und fahre los. Da ich eine Morgentour habe, fahre ich nach dem Plan auf dem Bildschirm am Armaturenbrett alle an, die heute etwas ausgebracht haben wollen, natürlich vorwiegend Firmen und Geschäfte. Privatleute geben meist ihre Bringsachen am Nachmittag beim Fahrer ab, wenn sie ihre Sachen kriegen. Auf allen Gebinden ist ein Display, das zeigt was drin ist, welche Temperatur es braucht, von wem es ist und wer es kriegt. Ich habe damit jetzt nicht viel zu tun. Ich nehme die Gebinde an und lade sie ein.
12.00 Uhr: Ich gebe den Multi-Bringer am Depot ab. Dort müssen jetzt meine Kollegen die Waren auf die Gebinde für die Bring-Empfänger verteilen und wieder auf die Multi-Bringer geben. Ich mache beide Schichten gern. Toll finde ich beim Ausbringen unsere Treppensteiger, mit denen ganz schön schwere Lasten mit einem Finger bis in die obersten Stockwerke transportiert werden können. Es gibt noch immer kein Gesetz, dass generell den Einbau von Fahrstühlen in allen alten Häusern vorschreibt.
Um 18.00 Uhr kommen unsere Freunde Carlo und Tanita zum Kochen und Anhören alter CD’s zu uns. CD’s, das sind Plastikscheiben, auf denen ein paar Musikstücke gespeichert sind. Vom zentralen Hauscomputer geht das zwar viel unkomplizierter. Da sage ich nur, was ich will und es läuft schon. Aber die CD’s sind so schön nostalgisch. Ich habe schon alles was wir zum Kochen brauchen, gestern über unseren Hauscomputer der Bring-Zentrale durchgegeben. Frischen Salbei insbesondere vom „Kräuterlädel“, Bruststücke von Bio-Hühnern direkt vom Bauernhof, jede Menge Gemüse von meinem Lieblingsladen aus dem Markthallenzentrum, Janinas Lieblingswein, den ein junger Mann wohl aus der Garage heraus verkauft. Angeblich hat er allein mit diesem Wein ein prima Zusatzeinkommen ohne schrecklich viel Arbeit. Beim Einzugsgebiet von 2 Millionen Menschen in unserem Bring-Gebiet ist das ja gut möglich. Da machen ihm die 30 % Einkommenssteuer auf das Zusatzeinkommen nicht viel aus..
14.30 Uhr: Jetzt sollte der Bring-Dienst turnusgemäß bei uns vorbeikommen. Und da ist er auch schon. Ich gebe dem Fahrer noch ein paar Briefe zur Beförderung mit und fange gleich an zu kochen. Für Morgen muss ich noch ein paar Zutaten einkaufen, besonders fehlt uns Mineralwasser und Bier. Am besten spreche ich gleich auf den Bestellschirm was ich haben will und von wem. Dieses Wochenende wollen Janina und ich in die Stadt fahren. Sie will ein neues Outfit. Da sind ja immer Modenschauen und freundliche Beratung. Ich sehe mir mal ein paar neue Schuhe an. Die aus Elchleder sollen so bequem sein wie Pantoffeln. Die muss ich ausprobieren. Ich könnte sie ja auch zur Anprobe über den Bring-Dienst kommen lassen und gegebenenfalls zurückgeben. Aber so was einzukaufen macht mehr Spaß, wenn man ganz sicher ist, dass die richtige Größe auch da ist und man die Schuhe gleich anziehen kann.
So, jetzt wird aber gekocht. Wir werden einen schönen Abend haben.
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