„Raider heißt jetzt Twix“! So lautet ein bekannter Werbespruch aus der TV-Werbung. Was aber einem Schokoladen-Riegel passieren kann, trifft manchmal auch eine ganze Großstadt: Sie ändert ihren Namen. Dies ist jüngst mit der südindischen Metropole „Bangalore“ geschehen: „Bangalore heißt jetzt Bengaluru“!
Schwieriges Rebranding
Namensänderungen bei indischen Städten sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Indische Patrioten würden gerne alle Spuren der englischen Kolonialherrschaft austilgen und dazu gehören eben auch englische Städtenamen wie Bangalore. „Bombay“, „Kalkutta“ und „Madras“ hat es ja schon „erwischt“: Sie heißen nun „Mumbai“, „Kolkata“ und „Chennai“. In der Tat wäre die Nachricht über die Umbenennung Bangalores nur eine Kuriosität, wenn diese Stadt nicht das wichtigste High-Tech- und IT-Zentrum Indiens wäre. „Bangalore“ beziehungsweise „Bengaluru“ ist das Aushängeschild der indischen Volkswirtschaft. So modern wie Bengaluru soll bald der gesamte Subkontinent aussehen. Die Umbenennung der Stadt hat deshalb unter den wirtschaftlichen Eliten der Stadt Befremden hervorgerufen. Man ist der Meinung, dass Indien in den Zeiten des wirtschaftlichen Aufbruchs Besseres zu tun hat, als sich um Städtenamen zu kümmern. Außerdem sei gerade der alte Name „Bangalore“ eine weltbekannte „Marke“ gewesen. Bangalore habe für das „andere Indien“ gestanden – das Indien der Softwarelösungen und Satelliten. Wer hingegen kenne schon Bengaluru? Tatsache ist, dass renommierte indische Zeitungen, wie zum Beispiel „THE HINDU“ und „THE TIMES OF INDIA“ den neuen Namen bisher nicht verwenden.
Das Mekka der Computer-Inder
Bengaluru ist das „Mekka“ der „Computer-Inder“. Zwischen einem dichten Dschungel und einer Hochebene gelegen, hat sich Bengaluru zur Technik-Hauptstadt Indiens entwickelt. Über 1500 IT- und Biotechnologie Unternehmen sind hier ansässig. Bengaluru beliefert Kunden in aller Welt mit hoch entwickelten Produkten. Unter den Anbietern finden sich auch so illustre Namen wie Microsoft, SAP, Siemens und Bosch sowie die indischen Spitzenunternehmen Infosys, Wipro und TCS.
To get “bangalored”
Amerikaner, deren Arbeitsplatz im Rahmen eines Outsourcing-Projektes nach Indien verlagert wurde, gelten als „bangalored“. Bengaluru wird daher nicht umsonst als „Backoffice“ der Welt bezeichnet: Tatsächlich verlegen insbesondere angelsächsische Unternehmen gerne Verwaltungsarbeiten nach Indien. Das ist auch kein Wunder, weil praktisch alle gut ausgebildeten indischen Arbeitnehmer über hervorragende Englischkenntnisse verfügen. In Bengaluru kann man in Schnellkursen auch amerikanisches Englisch lernen. Das ist vor allem für die Callcenter der Stadt von Bedeutung. Diese sind in Bengaluru wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer in den USA telefonische Dienstleistungen in Anspruch nimmt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem indischen Callcenter verbunden.
Das Gehirn Indiens
Die einzigartige Stellung von Bengaluru unter Indiens Großstädten kommt nicht von ungefähr. Der Staatsgründer Indiens, Jawaharlal Nehru, hat Bengaluru zum geistigen Zentrum Indiens ausbauen lassen. Drei Universitäten, 14 Ingenieursschulen sowie 47 Fachschulen und Forschungsinstitute erzeugen eine große Anzahl qualifizierter Absolventen. Alljährlich verlassen alleine hier zehntausende frisch gebackener Ingenieure die Schulbank.
Sprungbrett in den Weltraum
Vor allem aber ist Bengaluru Indiens „Sprungbrett“ in den Weltraum: Hier ist der Sitz der Indian Space Research Organisation (ISRO), deren Aufgabe in der Entwicklung von Raketen und Satelliten besteht. Die indische Luftfahrtindustrie ist im Bereich des zivilen und militärischen Flugzeugbaus mit Hindustan Aeronautics Limited (HAL) in Bengaluru vertreten. Diese Ansammlung militärisch bedeutsamer Industrien in der Stadt trägt der Tatsache Rechnung, dass Bengaluru sich in maximaler räumlicher Distanz zum Erbfeind Pakistan und zur Volksrepublik China befindet.
Die Kehrseite: Chaos und Armut
Das Wirtschaftswunder von Bengaluru hat auch eine Kehrseite: Das Industrie- und Hightechzentrum Indiens ist nicht nur ein Schlaraffenland für hungrige Start-up-Unternehmer und karrierebewusste Hochschulabsolventen, sondern auch ein Ort krassester sozialer Unterschiede. Nirgendwo sonst in Indien sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Glanz und Elend, zwischen Spitzenbildung und Analphabetismus so groß wie in der südindischen 5 Millionen-Metropole. Nahezu ein Zehntel der Einwohner der Stadt lebt in Slums. Diese werden regelmäßig von Bränden und Überschwemmungen heimgesucht. Durch den Bau der hochmodernen Bürogebäude und Technologieparks ist das traditionelle System aus Dorfteichen und Entwässerungsgräben verschwunden. Wenn es richtig regnet, steht sofort die halbe Stadt unter Wasser. Während in den Technologievierteln exzellente Verkehrsverhältnisse herrschen, sind die sonstigen Straßen der Stadt nur schwer passierbar. Das Verkehrsaufkommen ist regelrecht explodiert – wer zur Rushhour unterwegs ist, braucht von einem Ende der Stadt zum anderen so lange, wie mit dem Flugzeug von Bengaluru nach Delhi. Die Brücken sind baufällig und die Luftverschmutzung ist enorm. Der Strom fällt permanent aus, was schon zu schweren Ausschreitungen der frustrierten Einwohner geführt hat.
Befristete Inseln der Glückseligkeit
Die IT-Unternehmen bemerken von alldem wenig. Sie verfügen über eine eigene vom öffentlichen Netz unabhängige Stromversorgung. Firmeneigene Fitness-Center, Restaurants und Golfplätze gehören in Bengaluru zur Standardausrüstung eines guten Unternehmens. Wer aber aus seinem verglasten Büro über den Rand seines Laptops hinausschaut, sieht das „andere Indien“, das Indien der Hütten und der heiligen Kühe. In Bengaluru leben “Erste Welt” und “Dritte Welt” in Sichtweite nebeneinander. Wie lange dies noch gut geht, weiß niemand.
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