Aufstieg in der Militärspionage

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat Deutschland kurz vor dem Jahreswechsel seine militärische Aufklärungsfähigkeit ausgebaut. Mit einer russischen Trägerrakete Kosmos-3M startete am 19.12.2006 in Plesetsk der deutsche Spionagesatellit SAR-Lupe 1. Er wurde auf eine 500 Kilometer hohe Umlaufbahn gebracht. Im Abstand von vier bis sechs Monaten sollen vier weitere Satelliten

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat Deutschland kurz vor dem Jahreswechsel seine militärische Aufklärungsfähigkeit ausgebaut. Mit einer russischen Trägerrakete Kosmos-3M startete am 19.12.2006 in Plesetsk der deutsche Spionagesatellit SAR-Lupe 1. Er wurde auf eine 500 Kilometer hohe Umlaufbahn gebracht. Im Abstand von vier bis sechs Monaten sollen vier weitere Satelliten folgen. In den Medien wurde darüber kaum berichtet.

Das Spionagesystem untersteht der Bundeswehr, die eine neue Abteilung im “Kommando Strategische Aufklärung” mit 70 militärischen und 23 zivilen Experten in Gelsdorf bei Bonn aufgebaut hat. Die Entscheidung für die 370 Mio. Euro teure Big-Brother-Technik im All war bereits nach dem deutschen Kriegseinsatz gegen Jugoslawien gefallen.

SAR-Lupe ist ein Radarsatellit. Bisher verfügten nur die USA und Russland über diese Technik. Anders als ihre optischen Pendants können die Satelliten durch Wolken spähen und bei Dunkelheit Bilder machen. Das moderne Synthetic Aperture Radar (SAR) erreicht eine Auflösung von einem Meter, damit sind einzelne Fahrzeuge am Boden zu unterscheiden. Das für die Beschaffung von Rüstungsgütern verantwortliche “Bundesamt für Wehrtechnik” hebt hervor, mit Satelliten könne man “jederzeit ohne Verletzung von Hoheitsrechten aufklären”. Nach Angaben der Herstellerfirma OHB (Bremen) kann SAR-Lupe zeitnah hoch auflösende Radarbilder aus nahezu allen Teilen der Welt liefern.

Bodo Ramelow, Vizevorsitzender der Bundestagsfraktion Die Linke, sieht einen sinnvollen Einsatz im Katastrophenschutz, etwa bei der Suche nach Unglücksopfern. “Eine exakte Steuerung der Rettungskräfte kann Leben retten”, betonte Ramelow. Satellitenbilder anfordern dürfen das “Einsatzführungskommando” der Bundeswehr, welches die Auslandseinsätze koordiniert. Außerdem die Führungskommandos der Teilstreitkräfte sowie die militärischen Ämter für Geowesen und für Verifikationsaufgaben.

Auf den offiziellen Internetseiten der Bundeswehr reagierte man euphorisch auf den Start. Das Kosmodrom Plesetsk sei nun “für die deutsche Bundeswehr (und schließlich auch die internationale Sicherheit) ein schicksalsträchtiger Ort”. Der stellvertretende Generalinspekteur, Generalleutnant Johann-Georg Dora, sieht mit SAR-Lupe gar eine “neue Dimension” der militärischen Aufklärung erreicht. Dora betont auch die Unabhängigkeit von anderen Nationen. Gemeint sind vor allem die USA. “Mit einem solchen Radarsystem steht uns ein Instrument zur Verfügung, mit dem wir aus eigenem politischen Antrieb exklusiv und weltweit unabhängig Daten ermitteln können, wann immer wir sie benötigen”, schwärmt der General. Die deutschen Satelliten sollen künftig gemeinsam mit dem französischen optischen System HELIOS II einen europäischen satellitengestützten Aufklärungsverbund bilden. Auch Ramelow ist dafür, dass Europa sich aus der Abhängigkeit von den USA befreit. Das dürfe aber nicht dazu führen, an der Hochrüstungsschraube zu drehen. Der Abgeordnete fordert stattdessen einen politischen Vorstoß der EU zur friedlichen Nutzung des Weltraums.

Die Bundeswehrsatelliten, die für eine Erdumkreisung 90 Minuten brauchen, können zehn Jahre lang Bilder liefern. Für ihren Transport musste eine spezielle Nutzlastverkleidung der Kosmos-Rakete für die drei Meter breite Radar-Parabolantenne entwickelt werden. Nach dem geglückten Transport des Satelliten erreichte die Aktie von OHB ihren Jahreshöchststand.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landtagsfraktion der Linkspartei in Thüringen. (Anm. des Moderators)

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