Die Stadt Bamberg ist eine lustige Stadt. Wer die vergnüglichen Verfilmungen der Kinderbücher vom Sams gesehen hat, der findet sich im Auf und Ab der Straßen und Gassen der mittelalterlichen Altstadt schnell zurecht. Schließlich bekommt jeder Wunschpunkte angehext, der bei Vollmond mit dem Sams auf einen Dachfirst steigt und dort vernehmlich »Gatsmas« ruft. In einer Kulisse, wo demjenigen Wünsche gewährt werden, der »Samstag« rückwärts aussprechen kann, lässt es sich wohl sein. Neugierig tauche ich ein in die »Faszination Weltkulturerbe« wie die fränkische Metropole in Eigenwerbung lockt.
Bambergs Bewohner wirken gastfreundlich und offen. Im Brauhaus »Schlenkerla« in der Dominikanerstraße weist ein altfränkisches Urvieh schmunzelnd darauf hin, ein Sakrileg zu begehen, wer kein Rauchbier bestellt. Hunger und Eiswind treiben mich in dieses urige Wirtshaus, wo ich an einem dunklen Holztisch eine kernige Leberknödelsuppe löffele und gegen alle Regeln Apfelsaft trinke. Törichter Tourist! Am heutigen Dreikönigstag wird im »Schlenkerla« nämlich frisch gebrautes Rauchbier aus Eichenholzfässern kredenzt, das sämtliche Anwesenden lustvoll vertilgen. Seit 1600 und ein paar Zerquetschten wird just in dieser Brauerei Bambergs legendäre Spezialität gebraut, von der wir indes hier erstmals erfahren. Es soll wie ein belegtes Schinkenbrot schmecken. Gern hätte ich einen rauchigen Halben flüssiges Brot auf die zerrüttete Leber geschüttet, doch der entsprechende Wunschpunkt vom Sams fehlt.
Das Tischgespräch gleitet vom Rauchbier zur Pisa-Studie, die dem Bildungsniveau der deutschen Schülerschaft eine jämmerliche Note ausstellte. Unglaublich, aber Fernsehstar Anke Engelke wusste in einer Millionen-Quiz-Show nicht einmal, ob die Elbe bei Friedrichshafen, Bremerhaven oder Cuxhaven mündet. Bekannt waren ihr hingegen Namen aktueller Seriensternchen. Mangelndes Niveau bringt des Volkes Seele zum Sieden. Was soll bei heimatkundlicher Bildungsebbe aus Deutschland werden, fragen sich die wackeren Franken und schlürfen ihr verrauchtes Dunkles. Hier hilft es wenig, laut »Gatsmas!« zu rufen. Aus dem Land der Dichter und Denker fließt im besten Falle zukünftig noch ein Rinnsal Mittelmaß. Da hilft auch kein Sams weiter. Doch vielleicht tragen Bambergs berühmte Krippen dazu bei, zumindest die Geschichtskenntnisse der nachwachsenden Generationen zu vertiefen?
Nüchtern schließe ich mich einem zweistündigen Krippenmarathon an. Unter fachkundiger Leitung einer als Stadtführerin agierenden energiegeladenen Kunstwissenschaftlerin mit charmantem Silberblick traben wir durch diverse Gotteshäuser und Ausstellungsräume und erfahren dabei Wissenswertes zum Thema. Echt irre: die gesamte Geschichte von der Geburt des Jesuskindes ist im Laufe der Jahrhunderte von Kirchenoberen zusammen gedichtet worden. Die Gebetshöhle in Bethlehem wurde wahrscheinlich erst Jahrhunderte später der Legende zugeordnet. Ein Konzil in Ephesus meinte, zu einem Kind gehöre auch eine Mutter. Flugs erfand es die Gottesmutter Maria und dichtete sie gleich noch zur Jungfrau um. Für die Männerphantasie von der unbefleckten Empfängnis wurde sicherlich mehr als einer der Wunschpunkte vom Sams benötigt. Auch dem Krippenvieh ging es kaum besser. Ein Papst namens Gregor, dem wahrscheinlich eine üppige Phantasie in die Wiege gelegt worden war, ersann Ochs und Esel. Künftig waren ein Stall samt seiner beiden vierbeinigen Bewohner und eine Futterkrippe die geeignete Location für die Ankunft des Weltenherrschers des christlichen Kulturkreises. Das Bühnenbild für Krippendarstellungen, wie wir sie heute kennen, schien perfekt.
Allerdings fand im Ausklang der Reformation die Säkularisation der katholischen Kirche statt, bei der Krippen von den neuen weltlichen Herren kurzerhand verboten wurden. Die Gläubigen galten inzwischen als derart aufgeklärt und gut informiert, dass auf bildhaft platte Darstellungen der biblischen Geschichte verzichtet werden sollte. Künftig galt allein das Wort. Krippen wurden kurzerhand zu Kleinholz. Nur einer leistete Widerstand: Gedenktafeln am Kirchenamt, das sinnig in der Straße »Zur Hölle« logiert, ehren einen längst verblichenen Bamberger Pfarrer. Dieser aufsässige Zeitgenosse verweigerte sich dem Krippenbrand und verbarg seine heiß geliebten Figuren auf dem Dachboden. Als der brandschatzende Bildersturm nach zwei Jahrzehnten vorüber zieht, weilt der Geistliche mit dem ausgeprägten Spieltrieb bereits bei seinen Ahnen. Doch seine eingemotteten Spielkameraden werden unversehrt ausgepackt und stolz präsentiert. Ab sofort darf wieder von jedermann gekrippelt werden. Bamberg entwickelte sich zur heimlichen Hauptstadt der Krippenfans.
In der »Oberen Pfarre«, wie die gotische Pfarrkirche »Zu unserer lieben Frau« im Volksmund geheißen wird, lockt in Nachbarschaft zu einem Tintoretto die gerettete Krippe in besonders farbenprächtiger Ausführung. Orientalische Händler agieren im Gefolge der Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, die pünktlich zum Dreikönigstag gezeigt werden. Angesichts der Krippe fragt ein Knabe seine Mama, ob sein neuer »Action-Man« eben so groß sei wie diese Krippenfiguren. Leider langt es nicht ganz für den »Action-Man«, aber immerhin überrage er die »Barbie-Puppe« seiner Schwester, tröstet Mutti den Sprössling. In dieser Familie wird das Krippenspiel in moderner Fassung mit Laserkanonen und Flammenwerfer aufgeführt. Und das kommt der Wahrheit wahrscheinlich eben so nahe wie das, was Kirchenkrippen an Mummenschanz bieten.
Eine modernere Krippe steht in »St. Stephan«, der evangelischen Hauptkirche Bambergs. Sie wurde von der Künstlerin Winni Bechtel-Kluge aus Stein gearbeitet und ist entsprechend schwer. Bis zu 80 Zentimeter hohe Figuren aus Stein sollen angeblich besonders kindgerecht sein, erfährt der Wanderer auf dem Krippenweg. Vielleicht sind Bambergs Kindern kleine Goliaths, die bevorzugt schwere Steine stemmen? Der Pfarrer der Kirche und Auftraggeber der Krippe war jedenfalls eher ein Hundenarr als ein Kenner der Kinderseele. Sein Dackel »Akki« wurde ins Krippengeschehen eingemeindet, und so wacht sein kühnes Ebenbild fortan neben einem Schäfer. Was dem einen Pfaffen frommt, gefällt auch anderen, urteilten weitere Bamberger Kirchenfürsten und wünschten: »Gatsmas!«, ihre Hunde sollten ebenfalls nachgebildet und ausgestellt werden. Gloria in excelsis deo! Die Wunschpunkte wirkten, und heuer sind drei Kläffer verewigt und zieren die Krippe in diesem Gotteshaus. Wir schreiben eine Zeit, wo Wünsche wahr werden. Dem Sams sei Dank!
Schon die florentinischen Medici ließen sich gern in von ihnen finanzierten Kunstwerken verewigen, warum sollte Gleiches Bambergs tierliebenden Pfarrern verwehrt sein? Im Bamberger Krippenparadies erlebt der Besucher Kirchengeschichte somit live: Ein cleverer Papst erfindet Ochs und Esel. Ein anderer Kirchenfürst ersinnt eine Gottesmutter vielleicht nach dem verehrten Ebenbild der eigenen Frau Mama. Wackere Bamberger Pfaffen stellen ihre Wauwaus dazu. Fertig ist das Bibelbild, von dem künftige Generationen zehren. Warum landen eigentlich noch keine fliegenden Untertassen in Bethlehem? – »Gatsmas!« – Dem Krippenbau winkt eine phantastische Zukunft. Hier wird Geschichtsfälschung optisch nachvollziehbar.
Als eloquenter Krippenwanderer besichtige ich unter fachkundiger Anleitung weitere Exponate. Enttäuschend wirkt der Dom, der eine besonders opulente Krippe vermutet lässt. Dafür klebt dort der Bamberger Reiter in luftiger Höhe unerschütterlich an einer Säule. Sehenswert sind die erhaltenen Reste des im Zeitgeschmack auf Eiche rustikal gebeizten ehemals hellen Lindenholzaltars von Veit Stoß aus dem Jahre 1523. Wir trippeln weiter durch die den Bamberger Krippenfreunden überlassene »Maternkapelle« mit 45 verschiedenen Krippen, die dem drängenden Ansturm der Besucher kaum gewachsen scheint. Die »Karmelitenkirche«, »St. Georg«, »St. Gangolf«, »St. Heinrich«, »St. Kunigunde« und viele andere Ausstellungsorte locken.
»Gatsmas!« Ein Crepe und eine Kanne Tee im studentisch geprägten »Café Müller« (ohne Krippe) bietet Wegzehrung. Bedauerlich, aber ich schaffe es leider nicht mehr, die »Sparkasse Filiale Siechenstraße« zu besuchen, die mit einer Krippe in einem alten Bauernschrank lockt (mit EC-Karte 24 Stunden Einlass). Vielleicht fange ich beim nächsten Mal gleich in dem Geldinstitut mit Kontoauszug drucken und Krippeln an. Eventuell wandele ich aber doch lieber auf den Spuren des lustigen Wunschpunkt-Hexers. Nach Bamberg kehre ich auf jeden Fall zurück. Dem Sams sei Dank.
Schöner Bericht über ein nettes gemütliches Städla im Frängischn.
Die Atmosphäre ist gut eingefangen und lädt zum Besuchen ein. Bambech ist wirklich eine Reise wert.
Kleine Anmerkung noch,”…weist ein altfränkisches Urvieh schmunzelnd darauf hin, gegen ein Sakrileg verstoßen zu haben…”, würde ja bedeuten man hätte sich richtig verhalten. Es müsste also heißen, man hätte ein Sakrileg begangen oder gegen ein fränkisches Naturgesetz verstoßen.
Klugscheißer off.