Für Buchautoren, Journalisten und Kommentatoren ist es eine ausgemachte Sache: Indien ist unaufhaltsam auf dem Weg zur Weltmacht! Nichts kann das Land jetzt noch aufhalten. Das alte Europa mit seinen verschlafenen Einwohnern muss sich künftig warm anziehen: Es hat der wirtschaftlichen Dynamik des südasiatischen Aufsteigers nichts entgegen zu setzen.
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Atemberaubende Fortschritte
Tatsächlich hat sich Indien seit den Wirtschaftsreformen der frühen 90er Jahre in atemberaubendem Maße weiterentwickelt. Das Land spielt im Bereich der Softwareentwicklung in der “ersten Liga” und verfügt darüber hinaus über eine wachsende Flugzeug- und Raumfahrtindustrie. Das indische Unternehmen “Mittal Steel” ist der größte Stahlkonzern der Welt. Indische Dienstleistungsunternehmen sind zum Schrecken westlicher Arbeitnehmer geworden: Es scheint keine Tätigkeit zu geben, die nicht auch nach Indien ausgelagert werden kann.
Das Land baut seine Seestreitkräfte konsequent für Hochseeeinsätze aus. Und: Indien verfügt über Kernwaffen. Die USA erkennen Indiens Rolle als militärische Atommacht an und unterstützt den weiteren Ausbau der militärischen und zivilen Nutzung der Kernenergie. Aber begründen diese Entwicklungen wirklich eine Weltmachtstellung Indiens?
Indien – von Gegnern umzingelt
Wer Indien mit der gegenwärtigen Welt- und Supermacht USA vergleicht, wird feststellen, dass die USA schon rein geographisch über wesentlich bessere Voraussetzungen für eine Weltmachtstellung verfügt, als Indien. Die Überlegenheit der USA ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass das Land keine ernstzunehmenden Gegner in seiner unmittelbaren Umgebung hat. Während Kanada ein wichtiger Partner der Vereinigten Staaten ist, bleibt Mexiko zu schwach, um den USA die Stirn bieten zu können. Kuba nimmt eher die Rolle einer “lästigen Mücke” in der amerikanischen Peripherie ein. Die Vereinigten Staaten profitieren also von ihrer Randlage – das Land ist von allen mächtigen Gegnern durch Ozeane getrennt. Erst dieses Faktum hat die globale militärische Interventionsfähigkeit der USA ermöglicht. Man kann nur diejenigen Truppen in Übersee einsetzen, die man nicht zur Bewachung der eigenen Grenzen benötigt.
Indiens geostrategische Lage hingegen ist ungünstig – das Land ist von Gegnern umgeben. Schon dreimal hat Indien Krieg gegen Pakistan und einmal gegen die Volksrepublik China führen müssen. Diese beiden Rivalen Indiens verfügen über Atomwaffen und enorme konventionelle Streitkräfte. Zudem ist Indiens Grenze zum islamischen Bangladesh zunehmend unruhig geworden. Es ist schon mehrfach zu Gefechten zwischen der indischen Armee und bengalischen Sicherheitskräften gekommen – und das, obwohl Bangladesh seine Existenz der indischen Militärintervention im indisch-pakistanischen Krieg von 1971 verdankt.
Beziehungen zu Sri Lanka schwierig
Die Beziehungen zu Myanmar, dem alten Burma, sind zwar wesentlich besser, aber das militärische und wirtschaftliche Engagement der Volksrepublik China in Myanmar wird von Indien mit größtem Misstrauen verfolgt. Auch um die Beziehungen zu Sri Lanka ist es seit der kläglich gescheiterten Friedensmission der indischen Armee von 1987 bis 1989 nicht zum Besten bestellt. Indien hat damals 70.000 Soldaten auf die Tropeninsel geschickt, um den dort herrschenden Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen zu beenden – doch die Friedensmission entwickelte sich zu einem blutigen Gemetzel und endete mit dem ruhmlosen Abzug der indischen Truppen.
Obwohl es Indien durch eine kluge Außenpolitik in den letzten Jahren gelungen ist, nahezu alle Konflikte zu seinen Nachbarn zu entschärfen, muss das Land sich der allgegenwärtigen Gefahr bewusst bleiben, die von seinen Nachbarn ausgeht. Indien wird daher seine Truppen immer in Alarmbereitschaft halten müssen. Eine weitgehende Truppenreduzierung, wie die der Bundeswehr in Deutschland nach dem Ende des kalten Krieges, wird für Indien kaum in Frage kommen. Das Land muss sich voll auf seine unmittelbare Umgebung konzentrieren – für ein weltweites militärisches Engagement bleiben da keine Ressourcen mehr übrig. Indien wird daher im internationalen Bereich immer auf eine politische und wirtschaftliche Rolle beschränkt bleiben.
Das gespaltene Land
Ein weiterer Faktor, der einer Weltmachtrolle Indiens im Wege steht, ist die innere Spaltung des Landes in Arm und Reich. Die sozialen Unterschiede sind beträchtlich. Diese Situation hat sich seit dem wirtschaftlichen und technologischen Aufbruch Indiens noch wesentlich verschärft. Während in den wohlhabenden südindischen Bundesstaaten Kerala und Karnataka sowie in den Großstädten Mumbai, Delhi, Chennai und Bangaluru eine regelrechte Mittelstands-Gesellschaft entsteht, herrschen in den ärmsten Bundesstaaten katastrophale Zustände. Im nordindischen Bihar sind Raubüberfälle und Massaker an der Tagesordnung. Dieser Bundesstaat ist eine der “eiternden Wunden” Indiens. Mit seinen Verfallssymptomen ist Bihar dabei, das ganze Land anzustecken. Nirgendwo sonst in Indien bekämpfen sich die Kasten so erbarmungslos wie hier. Von Bihar aus verbreiten sich maoistische Guerillas, die so genannten “Naxaliten”, über das ganze Land. Brutalisiert von der rücksichtslosen Ausbeutung durch Großgrundbesitzer, besteht ihr Programm im Wesentlichen darin, alle wohlhabenden Inder “liquidieren” zu wollen. Die Naxaliten kontrollieren auch außerhalb Bihars unwegsame Gebiete in den Bundesstaaten Orissa und Madhya Pradesh und bedrohen in zunehmendem Maße die Verkehrsverbindungen zwischen den großen indischen Metropolen.
Kastenegoismen zersetzen Indiens staatliche Institutionen
Schwelende Kastenkonflikte bedrohen die innere Einheit des Landes und vor allem Indiens staatliche Institutionen. Eine schweres Erbe des indischen Kastensystems ist der Mangel an Loyalität gegenüber der Gesamtnation: Wer in Indien in ein Amt gelangt, sieht sich in erster Linie als Vertreter der Interessen seiner Kaste und nicht als Vertreter der Interessen der Allgemeinheit beziehungsweise des Staates. Seitdem im verstärktem Maße kastenlose (Dalits) sowie kastenniedrige Inder öffentliche Ämter besetzen, hat sich dieses Problem drastisch verschärft. Die früher von der Macht Ausgeschlossenen treiben die ohnehin übliche Klientelwirtschaft auf die Spitze und plündern den indischen Staat geradezu aus, frei nach dem Motto: „Früher ihr – nun wir”!
Zeitbombe Religionskonflikt
Brandgefährlich ist der Konflikt zwischen den Hindunationalisten und den Muslimen. Ca. zwölf Prozent der Bevölkerung Indiens, also rund 120 Millionen Menschen sind Muslime. Die Teilung Indiens 1947 in die “Republik Indien” und die “Islamische Republik Pakistan” hat mit Millionen von Vertriebenen und Hunderttausenden von Ermordeten schwere psychische Narben hinterlassen. Die Kriege gegen Pakistan, zahllose Terroranschläge durch muslimische Untergrundgruppen und endlose Übergriffe hinduistischer Fanatiker haben dazu beigetragen, das Klima zwischen den Bevölkerungsgruppen zu vergiften. Seit dem gewaltsamen Abriss der Babri-Moschee in der indischen Stadt Ayodhya durch Hindunationalisten im Jahre 1992 und dem Angriff muslimischer Terroristen auf das indische Parlament im Jahr 2001 misstrauen sich beide Bevölkerungsgruppen in ganz besonderem Maße.
Demokratie und Pressefreiheit als Standortvorteil
Trotz seiner mannigfaltigen Probleme hat Indien das Potential zur Weltmacht. Dafür spricht vor allem Indiens politisches System: Das Land war, ist und bleibt die größte Demokratie der Welt. Indien verfügt über eine erstaunliche Resistenz gegenüber diktatorischen und antidemokratischen Entwicklungen. Während sich das Nachbarland Pakistan einen Militärmachthaber nach dem anderen leistet, hat sich das indische Militär stets loyal zur jeweilig gewählten Regierung verhalten – nie bestand die Gefahr eines Militärputsches. Selbst die Zeit der Notstandsregierung Indira Gandhis von 1975 bis 1977 war nur eine Episode in der ansonsten von Erfolg gekrönten Geschichte der indischen Demokratie. Bei den anschließenden Wahlen wurde Indira Gandhi vom Wahlvolk abgestraft und erlitt eine verheerende Niederlage.
Außerdem verfügt Indien – sehr zum Schrecken der herrschenden Schichten des Landes – über eine freie Presse. Indische Journalisten decken Fälle von Korruption auf und greifen Politiker hart an. Beides, also die demokratischen Strukturen Indiens sowie die relative Pressefreiheit tragen in Indien in erheblichem Maße zum Ausgleich von gesellschaftlichen Interessen bei – eine der Grundvoraussetzungen für eine stabile Nation und damit für eine eventuelle Weltmachtstellung Indiens.
Für die Globalisierung wie geschaffen
Mehr als jede andere Nation investiert Indien in die Bildung seiner Bürger: Jedes Jahr verlassen in Indien mehr als 300.000 Ingenieure und Informatiker die Schulbank. Dies kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach wie vor ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind. An dieser traurigen Zahl wird sich auch so bald nichts ändern: Indien setzt im globalen Wettbewerb auf die Züchtung von Eliten und nicht auf Breitenbildung.
Mit Englisch in die Weltgemeinschaft
Sprachlich gesehen, scheint Indien für die Globalisierung wie geschaffen zu sein. Obwohl Hindi die offizielle Staatssprache Indiens ist, wird überall Englisch gesprochen: Die intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten beherrschen diese Sprache “aus dem ff”. Das ist auch kein Wunder: Niemand würde die 18 offiziellen Sprachen und über 800 Dialekte des Landes beherrschen können. Die einzige Möglichkeit, wie sich Inder unterschiedlicher Bundesstaaten miteinander verständigen können, bietet die gemeinsame englische Sprache. Wenn Südinder das nordindische Hindi lernen wollen, tun sie das mit Hilfe von Lehrbüchern, die auf Englisch geschrieben sind. Unter diesen Umständen verzichtet so mancher lieber ganz auf Hindi und bleibt gleich beim Englischen, zumal viele Inder der Meinung sind, dass sich die englische Sprache ohnehin eher für wissenschaftliche und wirtschaftliche Texte eigne als Hindi. Die indische Affinität zum Englischen ist in einer globalisierten Welt ein nicht zu unterschätzender Vorteil – andere Völker müssen das Englische erst mühsam erlernen – den Indern ist es gewissermaßen in die Wiege gelegt worden.
Weltmacht ja – Supermacht nein
Es gibt viele Möglichkeiten für Indien, zu stolpern: Ein erneuter Krieg mit Pakistan wäre für den Aufstieg Indiens ebenso verheerend wie ein Bürgerkrieg zwischen Hindus und Muslimen oder eine groß angelegte kommunistische Revolte. Wenn Indien sich an die Prinzipien einer “Good Governance” hält, es auf pakistanische Provokationen vernünftig reagiert und sich das neu erwachte Nationalbewusstsein in einem gesunden Rahmen hält, kann sich das Land allerdings eine dauerhafte Stellung im internationalen System sichern. Seine wirtschaftlichen, militärischen und politischen Möglichkeiten dürften dann denen einer klassischen Mittelmacht wie Frankreich entsprechen. Die internationale Gemeinschaft täte deshalb gut daran, Indien bald einen Platz im Sicherheitsrat der UNO zuzubilligen – ein Schritt, der schon längst überfällig ist. Viel mehr ist aber auf Grund der angeführten Probleme Indiens nicht möglich. Eine Supermacht wie die USA mit globaler Interventionsfähigkeit wird Indien niemals werden. Dazu fehlt es an wesentlichen Voraussetzungen, wie zum Beispiel innerer Stabilität ohne religiöses Konfliktpotential, einer relativen sozialen Gleichheit und vor allem� sicheren Grenzen, die nicht massiv gegen militärisch potente Nachbarn abgesichert werden müssten.
Eine sehr fundierte und interessante geopolitische Analyse, Danke!