Obwohl weibliche Genitalverstümmelung im Sudan seit den 50er Jahren gesetzlich verboten ist, haben dort etwa 90 Prozent der Mädchen diese schrecklichen Tortouren erlitten.
Eine Ausrottung der Beschneidung würde erheblich zur Förderung der Menschenrechte und der Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen. Nur durch Aufklärung über die körperlichen und seelischen Folgen einer solchen Tortour kann sich eine neue Bewusstseinsbildung bei den Betroffenen entwickeln.
Klare Position
Selma Nageeb ist 36 Jahre alt und kommt aus dem Sudan. Sie lebt seit sieben Jahren in Deutschland, ist verheiratet und hat ein Kind. Seit vier Jahren lehrt sie an der Universität Bielefeld und an der Frauenuniversität im Sudan Gender Studies. Frau Nageeb hat eine klare Position, wenn es um das Thema weibliche Genitalverstümmelung geht. „Ich bin zu hundert Prozent dagegen! Ganz klar. Das Schlimme dabei ist, die Mädchen haben nicht das Recht zu entscheiden, ob sie den Eingriff wollen oder nicht. Sie werden nicht aufgeklärt darüber, dass der Eingriff negative Folgen haben kann. Es ist bewiesen, dass der Eingriff gesundheitliche Schäden, psychologische Traumata sowie sexuelle Beeinträchtigungen auslöst. Ich finde das schlimm. Das sind genug Gründe um die Beschneidung zu kämpfen.“
Grausame Tortour
Im Sudan kommt es am häufigsten zu einer so genannte pharaonischen Beschneidung. Einer drastischen Verstümmelung, die mit Operationswerkzeugen wie etwa Küchenmessern, Rasierklingen, Glasscherben oder Konservendeckeln praktiziert wird. Die Mädchen müssen unerträgliche Schmerzen aushalten, manche verblutet bei der Prozedur oder bekommen eine Blutvergiftung. Im Erwachsenenalter wird jeder Geschlechtsverkehr und jede Geburt zur Tortur.
Selma Nageeb und ihre Schwester blieb dieses grausame Ritual mit seinen lebenslangen Folgen erspart. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie die gleichen Schmerzen erleiden sollten wie sie selbst. Frau Nageeb kennt sich aus: „Das ist eine starke kulturelle Sache. Und obwohl es bereits ein Gesetz gibt, das die Beschneidung verbietet, gibt es keine Männer oder Frauen, die zur Polizei gehen und sagen, meine Tochter oder meine Schwester werden beschnitten. Die Menschen machen das einfach nicht. Es ist eine sehr private Angelegenheit. Meine Erfahrung ist, dass das Gesetz im Sudan keine Wirkung hat.“
Wie ein Fest gefeiert
Der Brauch der Beschneidung hat in bestimmten Ländern eine Jahrtausend lange Tradition. Nur eine beschnittene Frau ist eine reine und damit eine gute Frau. Dieser Tag wird als der wichtigste Tag im Leben eines Mädchens gefeiert. Selma Nageeb: „Dann wird alles dekoriert wie für eine Prinzessin. Alles wird mit Blumen, mit Kerzen und mit Gold geschmückt. Aus traditioneller Hinsicht ist das ein Event. Alle feiern die Beschneidungsparty.“
Selma und ihre Schwester fühlten sich in der Schule als Außenseiterinnen, denn sie konnten nicht von ihrem Beschneidungsfest erzählen. Die Riten selbst erscheinen geheimnisumwittert. Und obwohl die Mädchen im Allgemeinen begreifen, dass etwas Furchterregendes mit ihnen geschehen wird, ist die Verlockung doch groß, mitreden zu wollen. Vor allem Selmas jüngere Schwester litt unter dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Es geschah etwas Unvorstellbares berichtet Selma Nageeb: „Wir wurden diskriminiert, mein Gott. Das war sehr schwer für mich. Ich und meine Schwester waren die Einzigen in einer Schule mit fast 1000 Mädchen, die nicht beschnitten wurden.“
Fortschrittliche Eltern
Glücklicherweise hatten die Eltern Verständnis für ihre Töchter. Sie kannten den Gruppendruck, der auf ihnen lastete. Und so erzählte der Vater, Arzt von Beruf, kontinuierlich von den Folgen der Beschneidung für die Frau, und klärte seine eigenen Töchter auf. Er wollte nicht, dass das Leben und die Gesundheit seiner Mädchen durch den traditionellen Brauch beeinträchtigt werden. „Unser Vater hat viel erklärt. Er sagte, das ist nicht gut. Das tut weh. Er hat uns als Arzt viel über die Gefahr und Nebenwirkungen der Beschneidung erzählt. Er war richtig dagegen. Heute wäre er 72 Jahre. Er war einer von der ersten Generation, die „Nein“ zur Beschneidung gesagt hat“, berichtet Frau Nageeb.
Viele Frauen geben jedoch noch immer das grausame Ritual an ihre Töchter weiter. Aus Angst, von der Familie geächtet zu werden, weil sie die Traditionen brechen.
Glücklicherweise blieben Selma Nageeb und ihrer Schwester – aufgrund des fortschrittlichen Denkens ihres Vaters – dieser Eingriff erspart. Heute ist Selma Nageeb glückliche Mutter einer gesunden Tochter. Auch dieses Mädchen wird von dem grausamen Ritual verschont bleiben und hoffentlich andere darüber aufklären, dass es sich nicht lohnt, die eigene Gesundheit aus traditionellen Gewohnheiten aufs Spiel zu setzen.
Erstveröffentlichung im Funkhaus Europa (Schwerpunkt der Autorin Gudrun Holtz ist Hörfunkjournalismus)
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