Siemens: Skandale ohne Ende

Mit der Verhängung einer Geldbuße durch die EU-Kommission von fast 419 Mill. Euro hat es den Siemens-Konzern nach der Schwarzgeldaffäre und der BenQ-Pleite ein drittes Mal erwischt. Es drohen aufgrund dieser Entscheidung weitere Schadensersatzklagen der durch das Kartell Geschädigten. Das Bild, das sich dabei für die breite Öffentlichkeit ergibt, ist

Siemens HauptversammlungMit der Verhängung einer Geldbuße durch die EU-Kommission von fast 419 Mill. Euro hat es den Siemens-Konzern nach der Schwarzgeldaffäre und der BenQ-Pleite ein drittes Mal erwischt. Es drohen aufgrund dieser Entscheidung weitere Schadensersatzklagen der durch das Kartell Geschädigten.

Das Bild, das sich dabei für die breite Öffentlichkeit ergibt, ist niederschmetternd. Wenn es noch eines weiteren Beweises für dunkle Machenschaften im Konzern bedurft hätte, dann wird hier erneut nachhaltig dokumentiert, dass etwas faul ist in der Siemens-Welt.

Rücktrittsforderungen werden lauter

Das Management des Weltunternehmens Siemens mit dem CEO, Klaus Kleinfeld, und dem Aufsichtratsvorsitzenden und ehemaligen CEO, Heinrich von Pierer, hat nun seit über einem Jahr die Öffentlichkeit immer wieder davon zu überzeugen versucht, dass es sich bei den voran gegangenen Skandalen und Verfehlungen einzelner Mitarbeiter oder Fehleinschätzungen über den Partner BenQ handelte. Managementversagen insbesondere an der Konzernspitze wurde von den Vorstandssprechern immer strikt ausgeschlossen und als verleumderisch zurückgewiesen. Nach der Serie von Pleiten, Pech und Pannen, die bis jetzt vorliegen, kann dieser Versuch, den eigenen Kopf aus der Schlinge der Ermittlungen zu ziehen, von den beiden Spitzenvertretern des Konzern immer weniger überzeugen.

Die bereits seit einiger Zeit auch von Anteilseignern des Konzerns erhobene Forderung nach dem Rücktritt der Beiden und einer umfassenden Ablösung der Managementspitze, die in die Affären verwickelt sind, wird wohl auf der kommenden Hauptversammlung des Konzerns noch lauter erschallen. Sollten die Vorstöße von Anteilseignern, der Konzernspitze die Entlastung zu verweigern erfolgreich sein, dann wäre das Schicksal von beiden Konzernlenkern besiegelt.

Zahlreiche offene Fragen

Das Desaster bei Siemens wirft erneut viele offene Fragen hinsichtlich der Corporate Governance von multinationalen Konzernen auf. Offensichtlich verführt einerseits das Shareholder-Prinzip dazu, dass ein Management – um die rigiden Ertragsvorgaben erfüllen zu können – vor betrügerischen Machenschaften, Korruption und Bilanzmanipulationen immer weniger zurückschreckt. Hohe Gewinne lassen sich oftmals im weltweiten rigorosen Wettbewerb nur noch durch Vorgehensweisen erzielen, die die Grenzen der Legalität überschreiten. Worldcom und Enron waren in den USA schlagende Beispiele, wie es dem Management lange Zeit gelungen ist, die Anteilseigner, die eigene Belegschaft und die breite Öffentlichkeit über den Zustand eines Unternehmens zu täuschen.

Auch bei Siemens ist unübersehbar, dass all diese Fehlleistungen, die zusammengenommen bereits über eine Mrd. Euro an direktem wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen verursacht haben, kein lokaler Betriebsunfalls sein kann. Hier haben sich Anreizstrukturen über Jahre entwickelt, die dem Leitbild des ehrlichen Kaufmanns oder des risikofreudigen und innovativen Unternehmers nicht mehr entsprachen. Vielmehr sind die ethischen Grundlagen aufgrund von Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung an Insider innerhalb und außerhalb des Unternehmens nachhaltig unterminiert worden.

Effiziente Führung und wirkungsvolle Überwachung

Mithin stellt sich die Frage, ob multinationale Konzerne wie Siemens aufgrund ihrer schieren Größe noch effizient geführt und wirkungsvoll überwacht werden können. In den USA hat man als Konsequenz den Sarbanes-Oxley-Act von 2002 hinsichtlich der mangelhaften Berichtspflicht und Aufsicht über Unternehmensleitungen eingeführt. In Deutschland sind derartige Bemühungen (siehe Deutschen Corporate Governance Kodex) immer auf halber Strecke im Sande verlaufen. Selbst bei Klaus Kleinfeld scheint sehr rasch als CEO die Einsicht gewachsen zu sein, dass bei einem solchen Konglomerat, wie Siemens der Konzernspitze, zwangsläufig der Kontrollverlust droht. Zum einen verfügt kein Manager, der an der Spitze eines solchen Konzern steht, über ausreichend Sachkompetenz der vielfältigen Geschäftsfelder, in denen der Konzern tätig ist. Zum anderen reicht ein Management by Numbers für die einzelnen Sparten nicht aus, um den Problemen und Schwierigkeiten, die sich aus der jeweiligen Geschäftstätigkeit ergeben, mit angemessenen Maßnahmen begegnen zu können.

Zerschlagung eine Lösung?

Der Versuch von Siemens, sich komplett aus dem Geschäftsfeld Kommunikation zurückzuziehen, ist nicht zuletzt auch das Eingeständnis, dass man zur Weltspitze – und diese versammelt sich zunehmend in Asien – den Anschluss nachhaltig verloren hat. Auch verfügt man nicht mehr über die internen Managementkapazitäten, um den Anschluss wieder herzustellen. Durch die Straffung des Konzern auf weniger Geschäftsfelder, sollte der Konzern auch für die Konzernspitze wieder steuerbar gemacht werden. Offenbar ist dieser Schritt nicht gelungen, ohne die vorhandenen geschäftsschädigenden Strukturen und daraus resultierenden Probleme nicht länger vertuschen zu können. Statt eines Befreiungsschlages, endet dieser Reformversuch derzeit in einem Debakel. Ob der Konzern in der jetzigen Verfassung als Ganzes noch reformierbar ist, kann daher bezweifelt werden. Es wird immer wahrscheinlicher, dass eine Zerlegung des Konzerns in unabhängige Unternehmen, wie dies bereits mit Infineon oder Epcos geschehen oder für VDO geplant ist, bessere Chancen für alle Beteiligten böte. So könnten sie sich unter eigenständigem Management und effizienterer Kontrolle durch die Kapitalmärkte, rascher wieder auf den Weg der Tugend eines leistungsfähigen wirtschaftlichen Wettbewerbs ohne kriminelle Machenschaften zurückzuführen lassen.

Mafiöse Strukturen und Omerta

Ähnlich einem Krebsgeschwür muss sich im Konzern – und dies unter der langjährigen Führung von Heinrich von Pierer – ein Mitarbeiterkreis im Management etabliert haben, der bereitwillig und zum eigenen Vorteil systematische Regelverstöße gegen ein seriöses Geschäftsgebaren initiiert oder zumindest passiv toleriert hat. Nur diejenigen, die sich in diesem Umfeld der Omerta, d.h. einem Schweigegelübde der Mafia unterwarfen, hatten offensichtlich eine Chance, im Konzern in die Führungsspitze aufzusteigen.Hier ist offensichtlich eine Frischzellenkur durch neue externe Manager unvermeidlich, die ohne Rücksicht auf eine eigene dunkle Vergangenheit, den Augiasstall ausmisten. Wahrlich eine Herkules-Aufgabe – denn die Zeit des Aussitzens der derzeitigen Führungskrise bei Siemens scheint endgültig vorbei zu sein.

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