Wie wird die Medienlandschaft in zehn Jahren aussehen?
Die Zukunft der Medien wird vermutlich davon abhängen, wie sie an der Herausbildung einer demokratischen, verantwortungsbewussten, ernsthaft gewollten, pluralistischen Gesellschaft mitwirkt; d.h. von der Bereitschaft, eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger bei der Berichterstattung, Kommentierung und bei Stellungnahmen zuzulassen und sie aktiv mit einzubeziehen.
Medien als Spielbälle verschiedener Machtgruppen
Wie nie zuvor findet heute die politische Willensbildung und die machtpolitische Durchsetzung von Interessen über die Medien statt. Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Übereinstimmung der von Medien transportierten und festgelegten Meinungen. Dies beruht wesentlich auf einer sehr engen Verzahnung der meisten Medien mit Nachrichtenagenturen und mit den Interessen von Gesellschaftern, Anzeigenkunden, politischen Parteien und anderen Gruppierungen.
Journalistische Suche nach Wahrheit
Nach meiner Kenntnis und Erfahrung bedeutet Journalismus heute nur noch in den wenigsten Fällen die Suche nach Wahrheit, wenigstens soweit diese zu erkennen wäre. Es herrscht der direkt oder indirekt ausgeübte Meinungsjournalismus. Immer wieder werden kaum nachprüfbare Behauptungen von mächtigen handelnden Personen weitergegeben. Beurteilende Stimmen werden als nicht ernst zu nehmendes Beiwerk so dosiert, dass ihre Argumentationen keine Wirkung entfalten können. In den Medien wird oft nur noch eine Mainstream-Ideologie vertreten. BILDblog macht dies u.a. immer wieder deutlich. Eine echte politische Bürgerbeteiligung im pluralistischen Sinne, d.h. die Darstellung verschiedener Ansichten und Meinungen findet weder in der Politik noch in den Medien statt. Das betrifft auch die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit:
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Art.5 Abs.1 GG)
Doch wie wird die Stimme der einzelnen Bürger hörbar?
Das Recht auf freie Meinungsäußerung und -verbreitung, ist stets der Gefahr ausgesetzt, durch Machtmissbrauch verletzt zu werden. Obwohl durch Artikel 19 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von den Vereinten Nationen garantiert, zeigt sich an ihm deutlich eine noch nicht erfüllte Aufgabe der Medien und der Demokratie. Die landläufige Bezeichnung dieses Rechtes als “Meinungsfreiheit” drückt die verschüchterte Bescheidenheit der “Untertanen” auch in Deutschland und Europa aus, die sich eine Freiheit bestätigen lassen, welche dem Einzelnen von keiner Regierung genommen werden kann: Die eigene Meinung. Ausgesprochen werden kann die eigene Meinung zum Beispiel in Deutschland überall, sofern sie nicht gegen Strafgesetze verstößt. Nur ist die Zahl der Leser, Zuhörer und Zuschauer, vor denen man sich ohne Gefahr äußern kann, in Diktaturen möglicherweise kleiner als in den so genannten Demokratien. Während in Diktaturen auch ein einziger Zuhörer schon gefährlich sein kann, sind in einer Demokratie beliebig viele Zuhörer ansprechbar. Für die meisten Menschen jedoch werden auch in Deutschland größere Zuhörerzahlen kaum erreicht.
Erlaubte Narrenfreiheit?
Das Wirrwarr an Hindernissen, das sich einer wirksamen Verbreitung der Meinung des Einzelnen entgegen stellt, ist von einer Art und Vielfalt, die es beinahe unmöglich macht, sich über seinen eigenen engsten Bereich hörbar zu äußern, sei es auch mit Meinungen, die noch so fundiert, wichtig oder treffend wären. Es scheint niemanden zu kümmern, dass die viel gerühmte Meinungsfreiheit der Demokratie für den einfachen Bürger nichts anderes ist, als eine karnevalistische Narrenfreiheit, die ihn degradiert – zu einem Polterer am Biertisch, zum Raunzer und Nörgler im kleinsten Kreis. Die Auswirkungen auf den Einzelnen sind unterschiedlich. Die meisten sehen kaum einen Weg, ihre Meinung wirksam zu vertreten und wenden sich immer mehr von den Medien und von der Politik ab. Oft unterbleibt das Erarbeiten einer eigenen Meinung, da es – zu Recht – als wertlose, zu nichts führende Anstrengung empfunden wird. Denkverzicht ist dann oft ein Ausweg, um das unbefriedigende Gefühl loszuwerden, dass der eigenen Meinung jedes Durchdringen und damit jede Auswirkung in der Öffentlichkeit verwehrt ist. Journalisten und Medien sind daran nicht ganz unschuldig.
Die Rolle der Medien für die Demokratie
In einer wirklichen Demokratie und verantwortungsbewussten Gesellschaft ist es aber notwendig, alle gesellschaftlichen Gesichtspunkte in den Medien der Zukunft darzustellen. Das vermisse ich in Deutschland. Dem Eindruck vieler Menschen nach sind die etablierten und reichweitestarken Medien heute oft von einer Einseitigkeit geprägt, die schwer nachvollziehbar ist. Es ist kaum feststellbar, bei wem die Medien- und Meinungsmacht liegt, um Menschen einseitig beeinflussen zu können. Rechtsstaatliche Demokratie wird dadurch langfristig nicht nur eingeschränkt, sondern auch in ihrem Bestand stark gefährdet. Dass Journalisten und herkömmliche Medien nicht selten ihrem Auftrag nicht gerecht werden können, liegt auch im hierarchisch-autoritären Aufbau des einzelnen Mediums begründet. Deshalb ist es offensichtlich auch möglich, unkontrollierte Beeinflussung von vielen Millionen Bürgern mittels nicht nachprüfbarer, verbreiteter Informationen auszuüben.
Einhaltung des Pressekodexes
Pauschale Aussagen über Journalisten und über Medien möchte ich nicht treffen. Doch wenn Menschen durch einseitige, verletzende, herabwürdigende, ehrabschneidende Medienberichte betroffen und sozial ausgegrenzt werden, bedarf es nicht nur der Einsicht in die Verfehlung. Dann sind Lösungen notwendig, die den von Medienberichten verletzten und betroffenen Bürgerinnen und Bürgern ihre Ehre wiedergeben und Schadensersatz zukommen lassen. Und zwar in einer Höhe, die den Journalisten und den Medien zur Warnung dienen. Es gibt einen Presserat und eine so genannte Medienselbstkontrolle. Wer einmal über längere Zeit www.bildblog.de verfolgt, kann erkennen, dass die vorgeblichen Selbstbeschränkungen der Medien nicht eingehalten werden. Ganz im Gegenteil, die Spielregeln werden oft geändert oder von übergeordneten und Macht ausübenden Personen aufgehoben. Hier hilft dann in der Tat nur noch eine hohes Zwangsgeld, denn bisherige Appelle an Journalisten und Medien sowie an Behörden, Staaten und Betriebe waren – bisher jedenfalls – nutzlos.
Konkurrenz, Informationsflut und Regeln der Berichterstattung
Die Flut von Nachrichten und einander widersprechenden Meinungen, die auf uns einströmt, verwirrt uns immer mehr. Unser Gehirn wird vollgestopft mit den “neuesten Meldungen” der Zeitungen, der Illustrierten, des Rundfunks, des Fernsehens und der Online-Medien. Natürlich stehen die Medien in heftigem Wettbewerb untereinander, sie kämpfen um Auflagen und Einschaltquoten. “Kommt das an?” lautet die typische Frage des Nachrichtenredakteurs. Eine “menschliche Story” kommt an; normale Erscheinungen, auch unerhörte, kommen nicht an. Zum Beispiel erregen 50 oder 100 Touristen, die in einem irgendwo entführten Flugzeug sitzen, unsere Anteilnahme; Tausende Tote, die wegen Hungersnöten umkommen, bleiben häufig eine nichts sagende Statistik. Die Vergangenheit und die Gegenwart ist unter Journalisten und Medien vom Kampf um die Meinungsmacht geprägt. Der zunehmende Anspruch auf Teilhabe an dieser Meinungsmacht seitens der neuen Online-Medien, der sich schon seit den 60er Jahren zu verbreiten begann, wurde ihnen gegenüber abgestritten.
Nur fürs Establishment Platz in den Medien?
Für unsere Gesellschaft sind die Folgen unübersehbar. Millionen oder sogar Milliarden Menschen denken kaum noch über die Probleme der Allgemeinheit nach. Daher der schleppende soziale Fortschritt und die Missstände auf der einen Seite, die Machtkämpfe auf der anderen. Die CSU in Bayern ist derzeit ein gutes Beispiel. Im Gegensatz zur Schwierigkeit des Durchschnittsbürgers, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, steht die Aufnahmebereitschaft der Medien für Äußerungen aus den etablierten Schichten. Nicht mehr vor allem der Inhalt der Äußerungen, sondern die Position des sich Äußernden ist ausschlaggebend für Größe, Aufmachung und Verbreitung der Äußerung. Allerdings ist auch der Journalist im Brennpunkt öffentlicher Gruppierungen oft nicht mehr im Stande, sich unabhängig kundzutun. Häufig ist er nur noch Vertreter irgendwelcher Medien und Institutionen, deren Zwängen er zu gehorchen hat. Indem er sich diesen Normen fügt, werden seine Originalität, seine so genannte journalistische Unabhängigkeit und sein eigenständiges Denken nicht selten weitgehend eingeschränkt. Den Schaden trägt immer die Gesellschaft, wenn sie auf ausgefahrenen Gleisen weiter fährt bis zum Stillstand erstarrt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist zur theoretischen Freiheit verkümmert.
Innovationen und Geschwindigkeit der Berichterstattung
Das Tempo und die Veränderungen in der Medienwelt haben so zugenommen, dass möglicherweise nur noch ausgefuchste und mit allen Wassern gewaschene Journalisten und Medieninhaber damit umgehen können. Für einen Durchschnittsbürger wie mich, ist das kaum mehr zu bewältigen. Die Berichterstattung verwirrt in ihrer Informationsflut manchmal mehr, als dass sie zur Sachlichkeit und Wahrheit beiträgt. Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Menschen, suchen aufgrund unseriöser oder mäßiger Berichterstattung im Dunkel des Meinungswirrwarrs nach Orientierung und Halt.
Einfluss des Internets auf die Medien
Im Internet finden sich inzwischen Beispiele, (READERS EDITION und NETZEITUNG, wie auch ngo-Online, Internetzeitung für Deutschland, mit Regionalausgaben) wie man es anders machen kann als konventionelle Medien und so, wie es für unsere Demokratie nur förderlich und notwendig ist. Es gibt unzählige Medien- und Informationsplattformen von Diskussionsforen über Blogs bis hin zu Bürgerjournalismusprojekten, auf denen die Bürger sich selbst an der Schaffung von Medieninhalten beteiligen können. Etwas schwammig wird das mitunter als Web2.0 beschrieben. Daher ist dieses Medium Internet und auch andere Medien autoritären Machthabern von vornherein ein Dorn im Auge. Russland, China, Vietnam, Nordkorea, Irak, Iran, Pakistan, Kuba, und viele andere Staaten seien in diesem Zusammenhang genannt. Jedoch gibt es auch bei uns in Deutschland seitens der Regierung und verschiedener Gruppierungen Bestrebungen, offene Diskussionsforen zu vermeiden, zumindest aber einzuschränken.
Zukünftige Entwicklung
Das Aufkommen neuer, alternativer non-profit Medien rechtfertigt für uns alle Zuversicht, kann aber auch gefährlich werden, insbesondere dann, wenn sie in falsche Hände geraten. In den kommenden Jahrzehnten werden wir eine Entwicklung erleben, von der wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Die Zukunft der Medien wird meiner Ansicht nach darin liegen, die individuelle Vernunft des Einzelnen zu fördern und zu stärken, damit wir nicht wieder einem kollektivem Wahn verfallen. Wir haben eine Welt geschaffen, in der die Lüge (z.B. Gründe für den Irakkrieg) kaum mehr von der Wahrheit zu unterscheiden ist. Eine Welt, in der sich eine enorme Ungleichheit verstärkt, in der ein Wohlstand des oberen Drittels unserer Mitmenschen unaufhörlich zunimmt und das untere Drittel in entwürdigender Armut lebt. Es ist eine Welt, in der absurde Erwartungen und zwanghafte Gier die knapper werdenden Ressourcen aufbrauchen und den Boden, die Gewässer und Atmosphäre gefährden. Wir neigen – und hier sind Journalisten und Medien mit eingeschlossen – zu der Ansicht, dass Missstände, sofern sie uns allein betreffen, nicht so schlimm sind, wie es zuerst erscheint. Im Gegenteil, sie sind jedoch mit ihren Gesamtaus- und Wechselwirkungen unter Umständen noch viel bedenklicher für die Allgemeinheit. Wenn die verantwortungsbewussten Akteure unter Journalisten und Medien nicht bereit sind, die häufig sehr fachkundigen Bürger in die Berichterstattung und Kommentierung einzubeziehen, wird die Demokratie dort, wo es sie gibt, wahrscheinlich nur geringe Chancen auf einen dauerhaften Fortbestand haben.
Handlungsnotwendigkeit für ehrlichen Journalismus
Vielen allerdings, die diesem Argument in der Tendenz zwar zustimmen, wird meine Voraussage im wesentlichen dennoch nicht einleuchten. Die Menschheit, so sagen sie, ist schließlich im Stande, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Ungerechtigkeit und Uneinigkeit können beseitigt, Gefahren abgewendet werden. Die etablierten Medien werden eine Zukunft haben, wenn sie der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen – statt vernünftige Leute zu beleidigen, und ihnen in einigen Fällen die Wahrheit und die Sachlichkeit in der notwendigen Deutlichkeit unterschlagen.
Zivilcourage unter Journalisten
Hier müssen sich viele – nicht alle – Journalisten ihre Unabhängigkeit wieder erobern. Tun sie dies nicht, arbeitet die Zeit gegen sie. Die Vergangenheit in Deutschland und anderen Ländern hat gezeigt und die Gegenwart zeigt es immer wieder, wie schnell sich auch einige Journalisten das Rückrat brechen lassen. So schreibe ich etwa von der Gefährdung der Unabhängigkeit des Journalismus, aber auch davon welche Anstrengungen nötig sind, um die Vielfalt und Zukunft der Medien verantwortungsbewusst zu sichern und auszubauen. Dabei dürfen sich alle Menschen angesprochen fühlen, die meinen, einen unabhängigen Journalismus zu benötigen, um sich selbst und unseren Staat zu schützen und weiterhin in einer funktionierenden Demokratie leben zu können; oder Menschen, die Hoffnungen auf eine Ausbau der Demokratie in unserem Land und in Europa setzen.
Dieser Beitrag ist keine wissenschaftliche Arbeit, kein Versuch, viele gescheite Beiträge über den Zustand und die Zukunft der Medien zusammenzufassen. Es zählt zu den Grundanliegen dieses Beitrages, den einzelnen Menschen und Journalisten in seiner freien geistigen Entfaltung bedingungslos zu verteidigen. Der verantwortungsvolle Journalist muss vor allen hinderlichen Einflüssen geschützt werden. Dann erst kann er sich als selbstständig denkendes und selbstverantwortlich handelndes Wesen verstehen. Wer dieses Anliegen teilt, ist aufgerufen, sich an der neuen gesellschaftlichen Verständigung und an der Gestaltung der zukünftigen Medien zu beteiligen. In diesem Sinne steht am Ende dieses Beitrages der ANFANG.
Weitere Informationen zum Thema:
Ein Artikel auf Readers Edition zu Bürgerjournalismus
Einige Seminararbeiten (kostenpflichtig) zum Thema:
Politik im Internet. Ahnen, Projekte und Chancen
Der Journalist als Homo oeconomicus
Entwicklungschancen des Online-Journalismus in Deutschland
Das Internet: Chancen und Risiken bezüglich neuer Informations- und Partizipationsmöglichkeiten
Sehr geehrter Herr Bastian,
ihr Text spricht mir aus dem Herzen! Ich kann ihn so unterschreiben. Vielen Dank dafür. Ich selbst verfolge seit mehreren Jahren das bedrohlich absinkende Niveau des Journalismus. Was bleibt, ist der so genannte Mainstream-Journalismus und eine immer weiter ausufernde Gleichschaltung (vielleicht auf Grund von Kostendruck, Verblendung, zu großer Parteiennähe oder Korruption etc.) die scheinbar völlig unkritisch hingenommen wird.
Wie viel Zeit musste vergehen (und wie viele Menschen sterben), bis deutsche Leit-Medien endlich kritische Worte zur völlig verfehlten, kreuzgefährlichen Politik der Bush-Regierung fanden. Einer Politik, die die Welt wesentlich unsicherer gemacht hat.
Das Problem ist nur, dass ein Großteil der Menschen diese Entwicklung gar nicht mehr wahrnimmt, oder wahrnehmen will. Womöglich, weil man einfach resigniert hat. Was man niemanden verdenken kann.
Wenn ich dieses Problem – und den damit verbundenen, sich beinahe täglich mehrenden Schaden für unsere Demokratie – im Kollegenkreis anspreche, stoße ich nicht selten auf Unverständnis.
Verdummung, Ignoranz, Selbstsucht und Resignation sind offenbar schon weit vorangeschritten.
Ihren mahnenden Text wünsche ich, dass er Eingang in möglichst viele Ohren findet!