Lensing-Wolff ohne soziales Gewissen?

Die Herausgeber von Printmedien in Deutschland stehen bekanntlich unter erheblichen Kostendruck. Abonnentenzahlen sinken und der Absatz im freien Verkauf geht ebenfalls zurück. Um dieser Entwicklung einigermaßen wirkungsvoll Paroli zu bieten, sind wahrlich Phantasie und frische Ideen gefragt. Dessen bewusst war sich wohl auch der Erbe des Dortmunder Verlagshauses Lensing-Wolff, Lambert

auflage.jpgDie Herausgeber von Printmedien in Deutschland stehen bekanntlich unter erheblichen Kostendruck. Abonnentenzahlen sinken und der Absatz im freien Verkauf geht ebenfalls zurück. Um dieser Entwicklung einigermaßen wirkungsvoll Paroli zu bieten, sind wahrlich Phantasie und frische Ideen gefragt. Dessen bewusst war sich wohl auch der Erbe des Dortmunder Verlagshauses Lensing-Wolff, Lambert Lensing-Wolff. Die Problemlösungen, auf die er kam, verdienen allerdings ganz und gar nicht das Prädikat “phantastisch”. Sie sind eher menschenverachtend.

Hire-and fire-Mentalität?

Offenbar hat Lambert Lensing-Wolff ein Faible für die US-amerikanische Hire-and-fire-Mentalität. Das 1870 gegründete Medienhaus gilt mit einer Gesamtauflage von 245.000 Exemplaren als eines der größten Zeitungsunternehmen Nordrhein-Westfalens. Lensing gehören Druckereien in Ahaus, Dortmund und Münster. Vom Medienhaus herausgegebene Anzeigenblätter erreichen laut Wikipedia eine Auflage von 13 Millionen Exemplaren. Darüberhinaus hält der Medienriese Beteiligungen an regionalen Radiosendern sowie am Internetdienstleister ICS/Westline.

Wie die dju (Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union) informiert, entlarvt sich der in Kirche und Gesellschaft engagierte Unternehmer Lambert Lensing-Wolff als “skrupelloser Geschäftemacher”. Menschen, die Jahrzehnte für das traditionsreiche Familienunternehmen gearbeitet haben, kommen inzwischen bei der Zerlegung des Lensing-Wolff-Konzerns zunehmend unter die Räder. Bereits im April letztes Jahr machte der Verleger-Erbe die Lokalredaktionen der “Ruhr Nachrichten” in Gladbeck, Bottrop und Gelsenkirchen ohne wirtschaftliche Not dicht. Die Redaktion Bochum “wackelt” bis heute. [...]
Textabschnitt wg. eines anwaltlichen Unterlassungsbegehrens mit Unterlassungsverpflichtung entfernt. Die Redaktion.

Gesamte Redaktion reformiert

Gleich am 19. Januar 2007 ließ Lensing abermals zuschlagen: Die gesamte 19-köpfige Lokal- und Sportredaktion der zum Konzern gehörenden “Münsterschen Zeitung” wurde quasi von einem Tag auf den anderen Tag “freigestellt”. Das ist wahrlich ein Paukenschlag in der bundesdeutschen Zeitungsgeschichte! Es ist das erste Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dass man eine, dem Verleger offenbar nicht in den Kram passende Zeitungsredaktion komplett feuerte und deren so frei gewordenen Stellen postwendend von einer ihm genehmeren Billiglohn-Truppe besetzen ließ. Niemand hatte zuvor mit den Betroffenen gesprochen oder gefragt, ob nicht sie mit ihrer langjährigen Redaktions-Erfahrung das neue Konzept einer modernen, schnellen “Entwicklungsredaktion Media Service”, zu deren Umsetzung eigens ein Newsdesk in der Redaktion eingerichtet worden ist, umsetzen wollten.

Grund: Tarife aushebeln?

Der Deutsche Journalistenverband glaubt den Grund dafür zu kennen: Die Verleger versuchten durch Auslagerung von Redaktionen in eigenständige Gesellschaften die Tarife auszuhebeln und damit die Gehälter zu drücken. Dem Rechnung tragend, wütete auch Lambert Lensing-Wolff fleißig weiter. Am 1. Februar mussten elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dortmunder Druckerei daran glauben: auch ihnen winkte die “Freistellung”. Die wohl als zu teuer geltenden Kolleginnen und Kollegen wurden kurzerhand in die Rotation versetzt. Jetzt droht auch ihnen die endgültige Entlassung. Denn die Rotation wurde rasch abgerissen. Druckaufträge gehen seither in die Druckerei der “Recklinghäuser Zeitung” nach Marl.

Proteste sind für “strenggläubigen” Lensing-Wolff “Schmutzkampagne”

Das ganze ist eine gewissenlos inszenierte skrupellos ins Werk gesetzte Unglaublichkeit, die von FAZ eine “Räuberpistole” kommentiert wird. Die “Süddeutsche Zeitung” nennt Lensing-Wolff einen strenggläubigen “Provinzverleger”, der “eine Art Manchester-Journalismus einführt.” Davor warnt der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker: “Sachgerecht, umfassend, kritisch, unabhängig berichten hat seinen Wert und braucht gerechten Lohn und nicht Tarifflucht.” Sein Wort in Gottes Ohr! Wie es scheint, könnte der smarte Medienunternehmer sich dann aber doch verrechnet haben. Politiker, Geschäftsleute und Künstler – unter ihnen der Udo-Lindenberg-Bassist Steffi Stephan und der in Münster lebende Kabarettist und Musiker Tobias Sudhoff – fordern öffentlich die Wiedereinsetzung der entlassenen Redaktion.

Treue Leser stehen hinter den Geschassten

Auch vielen treuen Lesern der “Münsterschen Zeitung” platzt, so hört man munkeln, inzwischen vermehrt der Kragen. Sie stellen sich fest hinter “ihr” Lokalblatt und kündigen reihenweise ihre Abos. Für Lensing-Wolff aber ist der sich allmählich ballende Protest nichts weiter als eine “Schmutzkampagne”. Der Medienmogul, der seine Rasenmähermanier zunächst mit sinkenden Abo-Zahlen begründete, denen er mit “Umstrukturierungsmethoden” hat entgegenwirken wollen, scheint derweil um seinen Ruf zu bangen. Von einer Abfindungssumme in Höhe von zwei Millionen Euro für die betroffenen Münsteraner Mitarbeiter ist inzwischen die Rede. Damit versucht das Haus Lensing-Wolff offenbar zu retten, was noch zu retten ist, nachdem kein Erfolg mit der dreisten Zusage erzielt wurde, die heraus geworfenen Journalistinnen und Journalisten könnten sich ja für die neue Media Service-Redaktion bewerben. Wohlwissend, dass darin eine nur kleine Anzahl von – höchstwahrscheinlich auch noch schlechter bezahlten – Stellen zu besetzen sein würde.

Kundgebung am Samstag in Dortmund

Wenn auch die menschenverachtenden Praktiken des Dortmunder Medienhauses ins neoliberale Konzept eines real existierenden rücksichtslosen Raubtierkapitalismus passen wie die Faust aufs Auge der ihm ausgelieferten (noch) beschäftigten Menschen, wehrlos gefallen lassen müssen sie es sich nicht. Zu diesem Behufe hat die dju, wie sie auf der Website von ver.di Dortmund verkündet, für Sonnabend 12 Uhr zu einer Protestkundgebung aufgerufen, um für jeden Arbeitsplatz im Medienhaus Lensing-Wolff zu kämpfen. Der Protestzug beginnt am ver.di-Haus am Königswall gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof und wird sich von dort bis zum Sitz des Verlags Lensing-Wolff an der Einkaufsmeile Westenhellweg bewegen, wo eine Abschlusskundgebung geplant ist.

“Deshalb” Abo kündigen?

Vielleicht entschließen sich dann auch noch ein paar Dortmunderinnen und Dortmunder Lensing-Wolff ihre Abos vor die Füße zu werfen? Alle werden es wohl nicht tun, wie eine Anfrage an einen Abonnenten beweist. Angesprochen auf den Rauswurf der Münsteraner Redaktion kam die verwunderte Antwort: “Deshalb soll ich mein Abo kündigen?” Die Reaktion beantwortet einiges. Zum Beispiel auch die Frage, warum in Deutschland Sozialabbau und die Vernichtung von vernünftig bezahlten Arbeitsplätzen zunehmend reibungslos weitergehen können und einen Unternehmer ohne jegliches soziales Gewissen offenbar nicht die geringsten Zweifel plagen, wenn er Fachkräfte “freisetzt” und durch Billiglöhner ersetzt.

Kommentare

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  1. Es ist ein Ist es nicht ein selbst verschuldeter Teufelskreis?

    Seit Jahren basteln Journalisten an der Einstellung der Öffentlichkeit zu neoliberalen Reformen rum. Als Angestellte haben sie Vorgaben, an die es sich zu halten gilt. Nun ist die Öffentlichkeit “neoliberalisiert” und die Auswirkungen fallen auf die Journalisten zurück.

    Das Heer der “freien” Journalisten, die für Hungerlöhne schreiben, nimmt stetig zu.

    Anfangs hatten sie Angst ihre eigene Meinung einzubringen, weil das eine Kündigung bedeutet hätte. Zu dem Zeitpunkt war das Umfeld noch sozial eingestellt. Nun wird ihnen trotz Selbstverleumdung gekündigt und das Umfeld ist wie sie mitgeholfen haben es zu schaffen: egoistisch.

    So ist die Reaktion des gefragten Abonnenten verständlich. Was lernen Journalisten daraus?