Von Risiken und Nebenwirkungen

Was will die Readers Edition? Wo soll dieses Projekt hin? Was ist “Bürgerjournalismus” – gibt es ihn überhaupt? Viele dieser Fragen begleiten diesen ersten Versuch, in Deutschland ein journalistisches Medium zu etablieren, welches seine Inhalte von den Lesern bezieht. In den vergangenen Wochen wurde das Thema leidenschaftlich in vielen Blogs

erde.jpgWas will die Readers Edition? Wo soll dieses Projekt hin? Was ist “Bürgerjournalismus” – gibt es ihn überhaupt?

Viele dieser Fragen begleiten diesen ersten Versuch, in Deutschland ein journalistisches Medium zu etablieren, welches seine Inhalte von den Lesern bezieht. In den vergangenen Wochen wurde das Thema leidenschaftlich in vielen Blogs diskutiert. Zugleich war der Januar der bisher bei weitem stärkste Monat, was die Zugriffszahlen der Readers Edition anlangt.

Ich befinde mich zur Zeit in den USA, wo ich auf der Kennedy School der Harvard University mit einer Gruppe von engagierten Studenten aus Europa, Südamerika, Asien und den USA an einem Projekt arbeite, das sich genau mit der zentralen Frage der RE beschäftigt: Kann “Citizen Journalism” eine zusätzliche Funktion zu den redaktionellen Profis übernehmen, wenn es um die Gestaltung der Gesellschaft geht? Wir werden versuchen, anhand von einigen Fallbeispielen zu zeigen, dass dies möglich ist. Wir bewegen uns dabei auf völligem Neuland. Es gibt kein “Handbuch” des Bürgerjournalismus. Regeln, wie der Einsatz von Bürgern in diesem komplexen Geflecht erfolgen kann, gibt es nicht, allenfalls Skizzen, Ideen, ein paar Grundlagenuntersuchungen.

Warum existiert dennoch bereits seit einigen Monaten ein Projekt wie die Readers Edition? Wäre es nicht besser gewesen, zuerst ein ausgefeiltes theoretisches Konzept zu entwickeln und dann zu starten? Kann man denn unter der zum Teil sehr wachsamen, kritischen, manchmal etwas überzogenen, immer aber sehr engagierten Beobachtung der Öffentlichkeit überhaupt etwas ausprobieren?

Ich glaube: Nur so kann man es. Wir lernen nur, indem wir es ausprobieren. Und andere lernen mit uns. Ich freue mich sehr über die große Aufmerksamkeit, die unser Projekt erfährt. Wir nehmen (fast) jede Kritik ernst. Wir sind froh, wenn wir auf Dinge aufmerksam gemacht werden. Wir werden in den kommenden Wochen vieles ausprobieren, manches stößt auf euphorische Zustimmung, anderes wird kritisch gesehen, in vielen Fragen werden wir mal dafür, dann dagegen und am Ende bei einem praktikablen Durchschnittswert angelangt sein.

Ich persönlich habe prinzipiell kein Problem damit, wenn Kritik manchmal sehr deftig daherkommt. Manche Kritiker adeln sich im übrigen sogar dadurch, dass sie Fehler, die sie im Eifer des Gefechts gemacht haben, korrigieren – ein schöner Zug, der nur im Internet möglich ist.

Die Readers Edition schwimmt im Ozean des Internet. Viele Fische haben in diesen neuen Gewässern schon zu einem guten Teil ihre Rolle gefunden, etwa die Blogger, die Jay Rosen im Interview für unsere Forschungsarbeit als “journalistische Einzelkämpfer” bezeichnet. Man darf mit Sicherheit nicht behaupten, dass die Blogger keine journalistische Aufgabe erfüllen – sie tun es auf eine Weise, wie sie nur im Internet möglich ist.

Readers Edition will dagegen tatsächlich “Bürgerjournalismus” machen. Also nicht ein subjektivistisches, manchmal polemisches, immer aber auf Alleinstellung bedachtes Profil. Sondern objektiven, der Wahrheit und Faktentreue verbundenen Journalismus, wie er von einem möglichst kompetenten Team für eine interessierte Öffentlichkeit erstellt wird. Entscheidender Unterschied zu “old media”: Die Leser/Bürger wirken aktiv in zentralen Funktionen mit.

Ich habe mich als Chefredakteur immer sehr darüber geärgert, wie die professionellen Medien mit den Beiträgen der Leser umgehen. Die Leser wissen unglaublich viel. Sie sind oft viel gebildeter als die Journalisten. Sie können Aspekte einbringen, die den Journalisten gar nicht in den Sinn kommen.

Die Idee der Readers Edition kam mir, weil ich eine Plattform für das kollektive Wissen der Leser schaffen wollte. Innerhalb der Netzeitung war dies schwer möglich. Der Nachrichtenjournalismus, wie er von der Netzeitung betrieben wird, gehört mit zum Anspruchsvollsten, was es in diesem Gewerbe gibt. Es wäre problematisch gewesen, zwei verschiedene Formate zu vermischen.

Die Herauslösung von RE hat für mich keine vorgegebene strategische Richtung: Vielleicht kann das Projekt als Non-Profit existieren. Vielleicht braucht man eines Tages einen Zeitungsverlag als Partner. Ich weiß es nicht. Ich sehe das vollkommen unideologisch: Die Verlage müssen ihr Know-How auch im Internet einbringen und nicht bloß auf Unterhaltung bedachte Ableger betreiben. Ich betrachte Verlage nicht als Feinde, sondern als natürliche Verbündete der RE.

Vielleicht kann RE auch ganz eigenständig ein wirtschaftlicher Erfolg werden – was ich für den besten Weg hielte. Dann könnte man nämlich dazu übergehen, Bürger aktiv für Geschichten einzusetzen, sie auch mal länger an einem Thema arbeiten lassen. Und wer weiß, vielleicht wird am Ende für jeden Artikel ein Modell der Anerkennung gefunden. Wirtschaftliche Substanz ist aber vor allem die Voraussetzung für journalistische Unabhängigkeit. Diese ist wichtig, wenn man ein publizistisches Anliegen verfolgt. Wenn man mächtige Institutionen kritisiert. Wenn man Fragen stellt, die andere lieber unter den Tisch fallen lassen.

Ich bezweifle im übrigen, dass Geld für die Autoren das Wichtigste ist. Viele Leute können sehr gut schreiben und haben etwas zu sagen. Sie tun es der Sache wegen und nicht des Geldes. Die RE beweist dies Tag für Tag. Warum sollen alle Menschen per se nur materialistisch sein? Dass allerdings hochwertiger Journalismus – eine aufwendige Recherche etwa – bezahlt werden muss, auch wenn sie von Bürgern gemacht wird, erscheint mir unausweichlich.

Die große Frage der kommenden Monate wird die des publizistischen Profils der RE sein. Welche Themen sind uns wichtig? Welche Themen sind für die Gesellschaft wichtig? Welche Themen werden von den Mainstream-Medien ignoriert? Wo sind die Bürger herausgefordert, selbst tätig zu werden, weil die klassischen Medien und die Politik versagen?

Ein erster Themenbereich, der sich da in den kommenden Wochen herausgebildet hat, ist der Bereich des Klimaschutzes, der globalen Erderwärmung und des Umgangs mit der Umwelt. Die überwältige Zahl der Experten sagt voraus, dass die Menschheit auf dem besten Weg ist, sich innerhalb von 100 (!) Jahren selbst auszurotten. Das können wir nicht einfach schweigend bedauern oder die Medien wegen ihrer Untätigkeit beschimpfen. Die Lage ist so ernst, dass es keine Frage der Moral, sondern der Existenz einer ganzen Spezies ist.

Hier kann Bürgerjournalismus eine ganz zentrale Rolle entfalten, und zwar nicht nur in einem Land, sondern global. Andere Themen, wie das Korruptionsthema oder Technologiefragen können ähnlich bedeutend für die Readers Edition werden.

Noch orientiert sich RE an einer klassischen Zeitung, sowohl, was die Aufteilung in Ressorts als auch die Herangehensweise zum Schreiben von Artikel anlangt. Das ist auch gut so. Wir wollen eine Brücke von den professionellen Journalisten zu den Bürgern schlagen. Schreiben und Recherchieren braucht Können, Erfahrung, Kontrolle und Coaching. Wenn man in komplexen Themen wie dem des Klimaschutzes ernst genommen werden und politisch wirksam werden will, muss man das Handwerk beherrschen. Man muss Kompetenz in fachlicher und redaktioneller Hinsicht aufbauen.

Deshalb haben wir in den vergangenen Wochen den eindeutigen Schwerpunkt darauf gelegt, dass die Moderatoren Artikel redigieren und Autoren gewinnen. Der deutliche Anstieg bei den Leserzahlen zeigt uns, dass dies richtig war: Ehrlich gestanden waren wir im Dezember knapp davor, dass uns redaktionell die Luft ausgeht, weil wir schlicht kaum noch Leute hatten, die Artikel redigieren wollten.

Das hat sich in wenigen Wochen Dank des engagierten Einsatzes einiger Kolleginnen und Kollegen gründlich geändert. Diesen Kurs werden wir auch beibehalten. Wir werden in den kommenden Monaten einige professionelle Journalisten einstellen und zugleich die Community der Autoren gezielt weiter ausbauen.

Nur so schaffen wir eine solide Basis, die uns in Zukunft auch gewagtere Modelle ermöglichen wird: Etwa jenes des kollaborativen Schreibens, für das es heute im Journalismus überhaupt noch kein Beispiel gibt. Eine der Mitbegründerinnen von Wikia, Angela Beesley, hat mir bestätigt, dass dies auch für ihre Organisation verdammt schwierig sei: Bei Wikinews hätten sie noch richtig mit dem Zeitdruck zu kämpfen, die Arbeitsbedingungen seien im Journalismus völlig anders als bei einer Enzyklopädie.

Auch das Thema der Desintegration wird uns beschäftigen: Lesen die Leser heute wirklich noch eine Zeitung oder gehen sie nicht von Quelle zu Quelle? Ist die Medienmarke noch der Einstieg? Ist nicht vielmehr der beste Netzknotenpunkt gefragt? Diese Idee hatte uns schon vor vielen Jahren bei der Netzeitung beschäftigt hat. Wir sind ihr damals in Ermangelung der technischen Möglichkeiten nicht weiter nachgegangen.

Ich bin mir sicher, dass die Readers Edition in wenigen Monaten ganz anders aussehen wird als heute. Wie? Das wird, weil ich ein überzeugter Fan der “Weisheit der Massen” bin, sehr stark davon abhängen, wer mitmacht und uns auf diesem spannenden Weg aktiv und kritisch begleitet. Es wird auf diesem Weg Überraschungen und Enttäuschungen geben, Fortschritte, Korrekturen, Quantensprünge und Rückschläge. Lassen wir uns gemeinsam überraschen.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Vielleicht bin ich blind. Aber ich finde keine Counter-Statistik, die mir Anhaltspunkte für die Zugriffszahlen liefert außer der Aussage von Herrn Maier, dass die Zugriffszahlen nicht zuletzt wegen Umweltthemen im Januar gestiegen sind.

    Wer für ein Medium schreibt, will vielleicht auch wissen, ob sein Artikel von 10, 15 Lesern oder gar von Zehntausenden gelesen wird. Klar. Am Anfang hält man mit sowas zurück. Aber jetzt, wo die Zahlen beachtlich werden, kann man doch damit herausrücken.

    Ich bin übrigens grundsätzlich der Meinung, dass Bürgerjournalismus nicht funktionieren kann, wenn Ziel der Unternehmung ein Börsengang ist. “Weisheit der Massen” ist ja ganz toll, aber es gibt ja auch noch das Aal-Prinzip “Andere arbeiten lassen” und so weise sind die Massen tatsächlich, dass sie so etwas schnell merken.

    Es ist natürlich auch klar, dass hochwertige Inhalte eine teure Infrastruktur benötigen. Und den Betreibern sei auch ein angemessener Gewinn zur Bestreitung ihrer hoffentlich bescheidenen Lebenshaltungskosten gegönnt.

    Das einzige, was da meiner Meinung nach helfen würde, wäre die totale Transparenz bezüglich aller Finanzierungsangelegenheiten. Eventuell verbunden mit der Aussicht für die Content-Lieferanten, später mal an Überschüssen beteiligt zu werden, mindest kurz bevor die Initiatoren zu Millionären werden.