Vor 125 Jahren durchlebte Friedrich Nietzsche eine schwere Lebenskrise. Eifersucht und Beziehungskrisen zogen sich durch das Leben des großen Philosophen.
Eine ganz besondere Konstellation war seine Dreiecksbeziehung zu der jungen russischen Theologin und Philosophin Lou (Andreas-)Salomé und dem Philosophen Paul Rée, die sich in Nietzsches Schicksalsjahr 1882 hoffnungsvoll entwickelt und sich rasch zu ungeahnter Intensität aufschwingt. Doch schließlich führt sie dazu, dass Nietzsche im Winter 1888/89 völlig verzweifelt zusammenbricht.
Die besondere Begegnung
Rée und Nietzsche sind seit längerem miteinander befreundet. Anfang 1882 begegnet Rée der gerade 21jährigen russischen Studentin Lou Salomé im philosophischen Zirkel um Malwida von Meysenbug. Letztere hält seit einiger Zeit nach einem passenden Mann für Lou Ausschau, unterschätzt dabei jedoch die Unabhängigkeit ihres jungen Gastes aus Russland.
Rée ist begeistert und denkt sofort an seinen einsamen Freund Nietzsche, der so sehnsüchtig nach intelligenten Menschen sucht, mit denen er seine Gedanken diskutieren kann. Zudem geht es Nietzsche gesundheitlich zusehends schlechter. Ree schreibt Nietzsche von der besonderen Begegnung. Nietzsche erwidert in einem Brief vom 12. März 1882: “Grüßen Sie diese Russin von mir, wenn dies irgend einen Sinn hat: ich bin nach dieser Gattung von Seelen lüstern.”
Erster Heiratsantrag
Nietzsche macht sich in den darauf folgenden Wochen viele Gedanken über die junge Dame und steigert sich in eine Hoffnung auf gute Gespräche und eine mögliche Liebesbeziehung hinein. Erstere würde er haben, letztere nicht. Denn als er am 23. April 1882 Lou in Rom trifft, zaudert er zwar nicht lange und meint schon bei der ersten Begegnung am Petersdom keck: “Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?” Doch als er der jungen Dame schon nach wenigen Tagen über seinen Freund Rée einen Heiratsantrag überbringen lässt, lehnt jene höflich ab.
Kein Gedanke mehr außer an Lou
Dennoch vollends der Liebe entbrannt, schreibt Nietzsche in einem Brief an Lou Ende Mai 1882 aus Naumburg, wo er kurzzeitig bei Mutter und Schwester weilt: “Hier in Naumburg bin ich bisher in Bezug auf Sie und uns ganz schweigsam gewesen. So bleibe ich unabhängiger und stehe Ihnen besser zu Diensten. Die Nachtigallen singen die ganzen Nächte durch vor meinem Fenster. Wenn ich ganz allein bin, spreche ich oft, sehr oft Ihren Namen aus – zu meinem größten Vergnügen.” Er bittet sie schließlich im November 1882 um Klärung der Beziehungssituation: “Und nun, Lou, liebes Herz, schaffen Sie reinen Himmel!” Nietzsche bekommt seinen reinen Himmel, doch nicht so, wie erhofft. Denn kurz darauf trifft er Lou und Paul Rée in Leipzig. Die beiden vermeiden jeden engeren Kontakt mit dem Philosophen und reisen nach kurzer Zeit ab, ohne sich bei ihm zu verabschieden. Nietzsche bleibt allein zurück und verbringt seinen “schwersten und kränksten Winter” , wie er im Juli 1883 an Ida Overbeck schreibt.
Schwere Krise
Nietzsche fragt sich, warum ihn Lou grußlos verlassen hat und das offensichtliche Ende der “Dreieinigkeit” stürzt ihn in eine totale Verzweiflung, von der noch ein Briefentwurf aus dem Dezember 1882 zeugt. An die beiden “Treulosen” gerichtet, schreibt er: “An jedem Morgen verzweifle ich, wie ich den Tag überdaure. Ich schlafe nicht mehr.”
Nietzsche versucht, durch eifriges Schreiben seine Krise zu überwinden. Mit dem Zarathustra (1883) wälzt er sich einen schweren Stein von der Seele. Stolz teilt er seinem Freund Franz Overbeck mit: “Es wird nun wieder ,gehen’: – hoffen wir’s wenigstens!” Vom Winter 1888/89 an geht es aber gar nicht mehr: Nietzsche wird nach seinem Zusammenbruch ein Pflegefall und bleibt bis zu seinem Tod (1900) von schwerer Krankheit gezeichnet. Um ihn kümmert sich keine Geliebte, sondern zwei andere Frauen stehen ihm bei: Mutter Franziska und Schwester Elisabeth.
So dankenswert es ist, über das Verhältnis der Dreieinigkeit Nietzsche, Lou und Rée zu lesen, so problematisch ist eine verkürzte Darstellung wie hier vorliegend, die insbesondere allein auf Kosten Nietzsches geht und die unheilvolle Rolle Lous wie auch Rées in diesem Dreieck nicht berücksichtigt. Auch ist es ganz falsch, den Zusammenbruch Nietzsches mit dieser Affaire in Verbindung zu bringen – dieser war physischer Natur (Paralyse) und wäre auch ohne dies aufgetreten. Erhellende Einzelheiten zu Lou Salome und die einzelnen Stationen finden sich auf meiner Nietzsche-Seite unter http://www.f-nietzsche.de
Mfg Helmut Walther