Ruanda Vision 2020

Die ruandische Regierung hat beschlossen, bis 2020 das Agrarland Ruanda ähnlich wie Indien als ICS-Anbieter (Information, Communication, Service) auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig zu machen. Aus der Landwirtschaft ist langfristig jedoch realistischerweise höchstens die Selbstversorgung des Landes zu gewährleisten. Wegen fehlender Rohstoffe, Know-how und der damit verbundenen Abhängigkeit wird einer

earthg_19.jpgDie ruandische Regierung hat beschlossen, bis 2020 das Agrarland Ruanda ähnlich wie Indien als ICS-Anbieter (Information, Communication, Service) auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig zu machen. Aus der Landwirtschaft ist langfristig jedoch realistischerweise höchstens die Selbstversorgung des Landes zu gewährleisten. Wegen fehlender Rohstoffe, Know-how und der damit verbundenen Abhängigkeit wird einer Industrialisierung des Landes im globalen Wettbewerb kaum eine Chance eingeräumt.

Die Amerikanisierung soll durch das Bewusstmachen auf die eigene Kultur gezügelt werden. Die Regierung will nach einem zukunftsträchtigen Leitbild handeln, damit das Leben der Gesellschaft und der Menschen geplant und gestaltet werden kann. Visionen sind gefragt. Das heißt, es wird der große Sprung von der Landwirtschaft zur Informationsgesellschaft gewagt. Ziele und Zeitrahmen werden beschlossen und dann alle verfügbaren Mittel zur Realisierung mobilisiert.

Ruanda braucht eine Vision

Ruanda hat mit der Vision 2020 das Regierungsprogramm festgelegt. Der gesteckte Zeitrahmen, der aus politischer Sicht als verhältnismäßig lang erscheint, muß aber bezogen auf die gesetzten Ziele durchaus als notwendig angesehen werden. Ob er auch tatsächlich realisierbar ist, muß die Zeit zeigen. Allein die Tatsache, dass Ruanda solch einen Entwicklungsplan verfolgt, spricht schon für sich. Es zeugt von dem Willen, alle Kräfte des Landes zu bündeln, um die als wichtig erachteten Ziele innerhalb des gewählten Zeitrahmens zu erreichen. Die Verbesserungen der Lebensbedingungen werden dann sichtbar und messbar und dienen während des gravierenden Umbruches als Akzeptanzbasis. So wird anfassbare Demokratie praktiziert, die keiner Übersetzung bedarf.

69 Prozent unterhalb der Armutsgrenze

Zum Zeitpunkt des Projektstarts suchen derzeit über 90% der Arbeitsfähigen und deren Familien ihr Auskommen in der Landwirtschaft. 70% der Bevölkerung sind lese- und schreibkundig. In das Jahr 2020 projiziert wird Ruanda statt der heutigen 8,6 Millionen etwa das Doppelte an Einwohnern zählen. 69% der Bevölkerung vegetieren unterhalb der Armutsgrenze. Die Landeshauptstadt Kigali etwa besteht zu 70% aus unorganisierten Slums. Eine beschränkte und unzuverlässige Stromversorgung gibt es nur in den Städten. Die Infrastruktur bedarf dringenden Ausbaus.

Demgegenüber steht das Projekt Ruanda Vision 2020. Vergleicht man dieses mit den genannten Zahlen, muten die Ziele fast utopisch an: Mit der Umsetzung des Projekts soll das Land zu einem Dreh- und Angelpunkt der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) in Ostafrika und darüber hinaus aufgebaut werden. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft soll auf 50% der Beschäftigten gesenkt werden und gleichzeitig sollen zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstehen. Dieses Projekt verpflichtet die Regierung vorrangig in die ICT-Infrastruktur, wie Entwicklungseinrichtungen und Ausrüstungen, zu investieren.

Bildung als Motor der Entwicklung

Der Staat ist aufgerufen, Fachkräfte, die sich durch Können, Ausbildung und Erziehung qualifizieren, für den globalen Wettbewerb bereit zu stellen. Die gezielte und intensive Förderung einer umfassenden Bildung und Ausbildung für Alle in Ruanda ist die Grundlage für den Erfolg der Vision 2020. Durch Bildung muss verhindert werden, dass die revolutionäre Entwicklung nicht zur Ausprägung einer “Ersten Welt“ und einer “Dritten Welt“ in Ruanda führt.

Augenmerk auf Vernetzung

Die IT-Unternehmen dürfen nicht durch eigene Stromversorgung, Fitness-Center, Restaurants und Golfplätze zu paradiesischen Inseln werden, die auf Dauer unbeherrschbare soziale Spannungen erzeugen. Zumindest die überwiegende Mehrheit muss von den gesellschaftlichen Umbrüchen und Entwicklungsergebnissen profitieren. Die Errichtung des lückenlosen privaten Mobiltelefondienstes ist der erste große Schritt zur Verwirklichung der Ruanda Vision 2020. Bezogen auf die Spitzentechnologie Mobile Phone und deren unbegrenzt möglichen Zugang infolge der dichten Vernetzung hat Ruanda schon mit hochentwickelten Industrieländern gleich gezogen. Die konsequente Durchführung dieses Einzelprojektes macht die Kommunikation innerhalb und außerhalb Ruandas zu einem Verkaufsschlager. Nach dem Motto: “Wo die Musik spielt, werden die Geschäfte gemacht“, ziehen die günstigen Kommunikationsverhältnisse weitere Geschäfte nach sich. Die positive Entwicklung schlägt sich nicht nur eindeutig im Staatshaushalt nieder, sondern macht sich beispielhaft auch schon bei Einzelnen auf dem Lande bemerkbar.

Mit dem Handy kommt der Fortschritt

Mit einer Finanzierung der Microfinance können arme Bauern, die vorher nur für ihren eigenen Ertrag schufteten, ein mobiles Telefon kaufen und Ihre Gartenwirtschaft wie Kartoffeln, Hirse, Bananen oder Gemüse auf Landwirtschaft umstellen. Auf Landwirtschft umstellen meint fast ausschließlich: auf Ananas. Mit dem Mobiltelefon haben sie Kontakt zum Exporteur, der ihre gesamte Ernte zu den jeweiligen Marktpreisen, über die sie sich auch informiert, aufkauft. Mehr Erträge, kein eigener Transport, einfachere Bewirtschaftung, gute Erlöse sind die Folgen der Investition. Das Mobiltelefon wird von den Nachbarn gegen Gebühren mitgenutzt. Dadurch ist die Deckung der Raten und eigenen Gebühren gewährleistet. Aufgeladen wird das Gerät in der örtlichen Missionsstation während des Kirchganges. Der finanzielle Überschuss kann dann in der nächsten Stufe den Bauern dabei helfen, die Finanzierung vorzeitig zu tilgen, Kunstdünger zur Ertragssteigerung zu kaufen oder gar mit den Nachbarn eine Kooperation zu gründen.

Tigerstaat Ostafrikas?

Ruanda will weit mehr als nur ein Selbstversorger sein. Es will vielmehr ICT- Dienstleister für Ostafrika sein und damit vielleicht einen Impuls für den gesamten Kontinent geben. Die Beschaffung von ICT-Dienstleistungen, Software und Hardware für Afrika ist so teuer, dass die gesamte Entwicklung des afrikanischen Kontinents darunter leidet. Ruanda schreitet durch die Mobilisierung und Fokussierung seines großen Intelligenzpotentials jetzt zur Selbsthilfe, die erfreulicherweise durch die Hilfe der Industrienationen unterstützt wird. Ruanda ist auf dem Weg, der Tigerstaat Ostafrikas zu werden. Jeder Euro, für die Entwicklungshilfe gespendet oder in die Projekte der Ruanda Vision 2020 investiert, wird sich lohnen.

Kommentare

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  1. Die Idee, zu einem Tigerstaat Ostafrikas zu werden, ist je sehr schön. Aber offensichtlich hat der Furor eine kritische Reflexion des Autors zu sehr getrübt. Ein Land, in dem – gemäss eigener Angaben – rd. 69% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben (wobei nicht definiert wird, welche Armutsgrenze), dürfte andere entwicklungstechnische Schritte nötiger haben, als Mobiltelefone und Kunstdünger an Bauern zu verteilen (an beidem verdienen dann wieder die “westlichen” Unternehmen).

    Andere Zahlen, die man sich bequem im Netz besorgen kann, zeigen beispielsweise auf, dass es an Lehren für weiterführende Schulen (und Universitäten) extrem mangelt. Da jedoch – wie richtig erwähnt – der Schlüssel zur Entwicklung in der Bildung liegt, bleibt es unklar, wie ein Land mit rd. 8,5 Mio. Einwohnern in kurzer Zeit von rd. 4.000 Lehrern zum Tigerstaat gemacht werden soll.

    Kein Hinweis im Text, wie das Land die AIDS-Problematik in den Griff bekommen will (der Hinweis auf den steigenden Einfluss christlicher Werte erfolgt nur nebenbei) – und auch keine Info, wie die Bevölkerungsgruppen nach dem schrecklichen Bürgerkrieg zusammengeführt wird.