Es war sicher einer der spektakulärsten Migrationsvorfälle überhaupt, den die spanische Guardia Civil im Herbst 2005 auf Trab gehalten hat. Rund 4000 afrikanische Migranten versuchten in einem sorgfältig geplanten Flüchtlingsansturm, die lebensrettenden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zu erreichen. Das Prinzip: Eingeplante Missschläge für einzelne Individuen, während die Masse durchkommt.
Anja Thust vom UN-Wüstensekretariat informierte in einem weiteren Themenblock die Teilnehmer des Nachwuchsjournalisten-Seminars “Globalisierung und Entwicklungsziele” der Global Affairs Media Academy (GAMA) in einem teils sehr bewegenden Seminar über den Migrationszustand zwischen Afrika und Spanien.
Dass ein Durchkommen in ein westliches Land für viele Afrikaner so erstrebenswert ist, mag zum einen an den bekannten sozialen, wirtschaftlichen oder militärischen Migrationsgründen liegen. In diesem Fall jedoch muss von einer bisher relativ unbekannten Problematik berichtet werden; der rasch zunehmenden Desertifikation.
Trockenheit als Existenzbedrohung
Wer von Desertifikation spricht, deutet auf die massive Austrocknung des Bodens hin, der von vielen Bewohnern der Subsahara für landwirtschaftliche Zwecke benutzt wird. Was die Austrocknung so dramatisch macht, ist die Tatsache, dass Landwirtschaft in dieser Region gleichbedeutend mit Existenz ist. Wenn der Boden unfruchtbar wird, haben die Menschen keine Existenzgrundlage mehr, die ihnen das Überleben garantiert. Sie machen also das, was jeder von uns machen würde: sie flüchten, in der Hoffnung auf eine neue Chance.
Traum vom menschenwürdigen Leben
Um das Trauma der verlorenen Heimat so leidlos wie nur möglich zu durchstehen, klammern sich die Bewohner an die Gewissheit, dass es in nördlicher Richtung ein Land mit menschenwürdigeren Lebensbedingungen gibt. Diese Gewissheit gibt jährlich Tausenden von Afrikanern genug Kraft, einen Flüchtlingsmarathon zu starten, der nicht nur unglaubliche körperliche Hürden stellt, sondern für afrikanische Verhältnisse auch noch ein Vermögen kostet. Bis zu 3500 Euro muss man für das vermeintliche Ticket ins Paradies bezahlen. Für viele Afrikaner ein Betrag, der im Schnitt vier Jahre harte körperliche Arbeit in Anspruch nimmt. Für Viele ist es gänzlich unerschwinglich. Für jene, die sich das leisten können, beginnt eine lange Reise ins Ungewisse.
Die sogenannte “historische Migrationsroute”, von der mittlerweile ernsthaft gesprochen werden muss, bewegt sich von der südlichen Sahara (Mali, Niger, Tchad) in Richtung Norden, von Algerien über Marocco nach Spanien.
Misshandlung der Füchtlinge an der Tagesordnung
Doch der Weg bis nach Spanien ist mit großen Steinen bepflastert. Durch Hörensagen oder aus eigener Erfahrung wissen viele Migranten, dass sie gewiss nirgendwo mit offenen Armen empfangen werden. Die marokkanischen Militärs sind dafür bekannt, herumirrende Flüchtlinge zu verprügeln, ihnen Gummigeschosse in den Rücken zu schleudern oder sie aufzusammeln und tief im Süden des Landes auszusetzen. Nachbarländer der Subsahara gehen mit der Flüchtlingsproblematik ähnlich um. Viele herumziehende Migranten sind verhasst, weil die großen Flüchtlingsgruppen nicht selten humanitäre Probleme mit sich bringen und ganze Regionen in Katastrophen stürzen können.
Die geschassten Auswanderer wissen, dass die spanische Polizisten keinen Schiessbefehl haben, und ihnen somit auch nur bedingte Gefahr droht. Doch selbst wer den weiten Weg bis zur spanischen Exklave schafft, hat noch nichts gewonnen. Überwunden werden müssen Hundertschaften von spanischen Polizisten und spitze Grenzzäune, die nicht selten ernsthafte, manchmal sogar tödliche Verletzungen hervorrufen. Das im Herbst 2005 initiierte Fluchtunternehmen forderte 14 Tote und Hunderte von Verletzten. Für ca. 1000 von ihnen hat sich der Traum der neuen Heimat erfüllt.
Mit Konzepten Herr der Lage werden
Mittlerweile hat auch Europa das Desertifikationsproblem verstanden und versucht mit verschiedenen Konzepten Herr der Lage zu werden. Auf der Rabat-Konferenz, die sich vorwiegend mit illegaler Einwanderung beschäftigte, beschloss die EU zwei konkrete Ziele. Zum einen sollten die Ursprungsländer von Grund auf unterstützt werden, um unerwünschte Migration zu verhindern. Die Unterstützung sah Entwicklungshilfe und Hilfe zur Aufrüstung von Grenzwällen sowie militärische Ausbildung vor. Zum anderen unterstützt die EU Grenzstaaten der Subsahara mit dreistelligen Millionenbeträgen und spricht dabei offiziell von Schutz und Sicherheit. Selbstschutz wäre möglicherweise aber der richtige Begriff.
Die Abstrusität dieser Interventionen scheint klar. Die internationale Gemeinschaft gibt Geld für Equipment, aber nicht für tatsächliche Entwicklungshilfe aus. Multilaterale Organisationen, wie die UNHCR sind chronisch unterfinanziert und können somit kaum effektiv bei solchen Krisensituation in Erscheinung treten. Doch finanzielle Unterstützung ist gewiss nicht alles. Als äußerst schädlich für Länder der dritten Welt haben sich auch die horrenden Agrarsubventionen herausgestellt, die dafür sorgen, dass die in Deutschland hergestellten Agrarprodukte zu Dumpingpreisen exportiert werden. Preise, mit denen kein Bauer aus Afrika konkurrieren kann.
Ignoranz des Westens ablegen
Im Hinblick auf die stetig wachsende Problematik der Desertifizierung wird schnell klar, dass sinnvoller gehandelt werden muss als Millionen Dollar in Vorrichtungen zu investieren, die das Problem nicht an der Wurzel packen.
“Irgendwann überrollt die Lawine selbst den renitentesten Politiker”, so Thust. Und sie hat Recht. Die von der Weltgemeinschaft so sehr geliebte Augenbinde muss abgelegt werden, damit die Ignoranz des Westens nicht doch unseren paradiesischen Garten Eden austrocknet.
Teil I: Globalisierung und UN-Entwicklungsziele
Teil II: Initiierung der Millenniumskampagne
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