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Wirtschaft + Vermischtes + Kultur

Die Heuschreckenpresse

Mittwoch, den 7. März 2007 um 01:00 Uhr von Malte Olschewski
Bald “Alles nur noch Altpapier”?, Photo: Pixelquelle

Outsourcing, Gratisblätter, Heuschrecken und Konkurrenz im Internet machen den traditionsreichen Lokalzeitungen das Überleben immer schwerer. Die einst blühende Landschaft, in der hunderte “Boten” und “Kuriere” unterwegs waren, wird eingeebnet und kahlgefressen.

Gab es vor zehn Jahren in Deutschland noch 354 lokale und regionale Abonnentenzeitungen mit einer Gesamtauflage von 18 Millionen, so sind es heute mit weiter fallender Tendenz nur mehr 334 Blätter mit rund 14 Millionen Auflage.

Zeitungen wie Wäscheklammern

Unter vielen Verlegern hat sich die Meinung eingebürgert, dass Zeitungen ein Produkt wie Wäscheklammern oder Nasenspray seien und einzig dem Profit zu dienen hätten. Redakteure, Kommentatoren oder Reporter werden dabei eher als hinderlich empfunden, zumal ja ringsum ein Ozean von Informationen zu wogen scheint. Daher wird “ausgelagert”. Meist wird das Lokalressort als Herzstücke jeder Zeitung einem spezialisierten Dienstleistungsanbieter übergeben, der keine Tarifverträge kennt und den gekündigten Journalisten zu minimalen Löhnen weitere Beschäftigung anbietet. Spezialisierung von “Ressort-Löwen” ist nicht mehr möglich. Neue Multifunktionsjournalisten müssen einen Mord ebensogut recherchieren wie Theaterkritiken schreiben können. Mit umgehängter Kamera sind sie ihre eigenen Bildberichterstatter.

Erst im Jänner dieses Jahres sahen sich zwei Dutzend Redakteure der “Münsterschen Zeitung” über Nacht freigesetzt. Herausgeber Lambert Lensing-Wolff suchte neue Kräfte für das “bundesweit innovativste Redaktionsteam”. Dieses Team fand sich jenseits der Tarifverträge in der neugegründeten “Media Service GmbH” zusammen. Der Verlag wurde in Billigeinheiten ohne einen Hauch von Mitbestimmung zerlegt. Auch bei der “Frankfurter Rundschau” arbeiten Redakteure und Outgesourcte vom “Pressedienst Frankfurt” Tisch an Tisch. Wozu soll man sich hochbezahlte Redakteure mit einem Fachwissen in Außenpolitik und Geschichte halten, wenn die Stummelsätze für die Kurzfassung des Weltgeschehens auch von Mittelschülern aus dem Internet destilliert werden können?

Entprofessionalisierung?

Der besondere Status des Journalismus kommt den Verlegern zugute. Denn kaum ein Beruf ist unter der jüngeren Generation so begehrt wie der eines Journalisten. Ohne lästige Kenntnisse eines guten Stils oder eines Fachbereiches tappen die multi-funktionellen Reporter auch für Löhne wie in Somalia in die Tasten. Es kommt bei immer stärkerer Konzernbildung der Heuschreckenpresse zu einer Entprofessionalisierung eines ganzen Berufsstandes.

Anfang 2006 hatte der britische Investor David Montgomery nach der “Berliner Zeitung” und dem “Berliner Kurier” auch die “Hamburger Morgenpost” gekauft. In drei Jahren will Montgomery den Profit aller drei Blätter vervierfacht haben. Dementsprechend wird “outgesourct”. Die “Rhein Zeitung” hat ihre Lokalredaktion ausgelagert. Eine Presseagentur “Funk” liefert ihr nun komplette Lokalseiten zu Dumpingpreisen. Auch in Österreich hat Anfang März die Tageszeitung “Standard” die Hälfte aller Angestellten in die Tochterfirma “Standard Service” zu schlechteren Bedingungen umgesiedelt. Doch dieser outgesourcte Journalismus vergisst die grosse Enthüllungsgeschichte und den Solo-Aufriss. Seine Geschichten sind immer in der Nähe der PR und der Politik angesiedelt. Eine Beliebigkeit wird zur Titelgeschichte erhoben. Eine Selbstverständnlichkeit erzeugt Schlagzeilen. Fast immer tauchen am Rande Politiker, Parteien, Organisationen und Konzerne als Sponsoren auf. Der Multijournalist enthüllt nicht mehr, sondern er sucht die PR in ihrer Nacktheit irgendwie zu verhüllen.

Gratiszeitungen und Gewäsch

In Deutschland hat die Politik rechtzeitig Schritte gegen sogenannte “Gratiszeitungen” unternommen, denen per Gesetz die Bezeichnung “Zeitung” verweigert wurde. Sie durften sich nur mehr “Anzeigenblätter” nennen und konnten kein grösseres Publikum erreichen. Ganz anders verlief die Entwicklung in Österreich, wo man langsam in einem Berg kostenloser Massenblätter versinkt, die sich alle aus den Anzeigeneinnahmen finanzieren. Sie kommen mit wenig Personal aus. Sie produzieren entbehrliche Informationen bis hin zu bloßem Gewäsch. Die vielen kostenlosen Printorgane scheinen alle die “Kronenzeitung” zu imitieren. Dieses Blatt mit einer Auflage von rund einer Million Exemplaren hat bei einer Bevölkerung von acht Millionen Menschen eine nahezu obszöne Reichweite von drei Millionen Lesern. Die Moser-Holding gibt der “Krone” nachempfundene, wöchentliche Gratiszeitungen in den Bundesländern Tirol, Salzburg, Burgenland und Niederösterreich heraus, während die Styria-Verlagsgruppe die Bundesländer Steiermark und Kärnten abdeckt.

Die “Kronenzeitung” im Eigentum des Verlegers Hans Dichand und der deutschen WAZ entdeckte die Wiener U-Bahn als Absatzlokal. Seit September 2004 liegt nun in eigenen Entnahmeboxen die Gratis-Tageszeitung “Heute” aus, als deren Herausgeberin die Schwiegertochter Dichands agiert. Eva Dichand hat wenig Kosten für das Personal aufzubringen, da sich das Blatt grossteils von Abfällen der “Kronenzeitung” nährt. Da “Heute” in die grossen Städte Graz und Linz zu expandieren suchte, sind dort in grosser Eile ähnliche Produkte auf den Markt gekommen. Seit Mai 2006 bewirft in Graz der Styria-Verlag alle Massenverkehrsmittel mit dem Produkt “OK“, während in Linz “Die Neue” unentgeltlich zu haben ist. Da die Expansion von “Heute” nicht ganz gelang, wird in den Entnahmeboxen der Wiener U-Bahn ab März jeden Freitag eine achtzig Seiten starke Hochglanzillustrierte “Live” zu finden sein. Gleichzeitig wird auch aus Linz ein ähnliches Produkt unter dem Titel “Weekend” nach Wien geworfen. Schon seit Monaten mischt die ‘Fast-Gratiszeitung’ “Österreich” der Brüder Fellner auf dem überfüllten Markt mit. Das in der Produktion teuer gemachte Blatt wird für 50 Cents abgegeben und zu einem gewissen Prozentsatz auch glatt verschenkt. “Österreich” sucht in dicken Schlagzeilen zu randalieren und unterhält mehrere, der deutschen Sprache nicht mächtige Prominente als Kommentatoren.

Was essen Pominente?

All diese bunt glänzenden und adipösen Blätter unterbieten einander in Qualität. Es schien mit der “Kronenzeitung” schon die unterste Grenze erreicht zu sein, doch zeigte sich, dass die Qualität nach unten kaum Grenzen zu kennen scheint. Dabei sind es auf immer die gleichen oder die ähnlichen Themen, die im wuchendern Livestyle-Ressort durchgekaut werden: Was Prominente so tun und lassen? Womit sich Prominente bekleiden? Was Prominente so essen? Peinlich vermieden werden alle Berichte, die die herrschende Ordnung hinterfragen oder kritisieren würden. Der Raubtierkapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase will, dass Gewinner und Verlierer im System genau und streng unterschieden werden. Daher dürfen die Gewinner auf wachsenden Flächen in Print und TV ihre Zähne blecken und grinsen. In die Lücke zwischen redaktionellen Text und Werbung werden Gratiszeitungen geworfen, in denen die Verlierer als Kompensation zum Kauf unnötiger Dinge verleitet werden sollen. Das System wird freudig als das beste aller Welten abgenickt. Es regiert das grosse “Ja!”

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8 Reaktionen zu “Die Heuschreckenpresse”

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  1. ix

    am 7. März 2007 um 08:32 Uhr | Link | Kommentar melden

    selbst wenn das foto oben von flickr unter cc-lizenz stünde, müsste man den urheber angeben oder besser noch verlinken — oder hab ich da was falsch verstanden und gibts bei flickr mittlerweile auch fotos die keine urheber haben?

    gibts irgendeinen vernünftigen grund nicht auf das originalfoto zu linken oder den fotografen zu nennen?

  2. Felix Kubach

    am 7. März 2007 um 09:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Sorry, ein Fehler - korrigiert. Urheber im Bildtitel angegeben und unter dem Artikel verlinkt. Danke für den Hinweis, Herr IX. Die Redaktion von RE

  3. Claus Stille

    am 7. März 2007 um 11:38 Uhr | Link | Kommentar melden

    Danke für den sehr guten Artikel und die deutliche Zustandsbeschreibung großer Teile des Journalismus von heute darin.
    Eine sehr bedenklich Entwicklung, die zunächste schleichend begann und sich offensichtlich nun immer schneller fortsetzt. Schon auf Grund des entstandenen Kostendrucks, dem Konkurrenten der neuen Billigpresse wohl kaum werden längere Zeit standhalten können.
    Auf der Strecke bleibt, wie von Ihnen beschrieben, hauptsächlich die Qualität. Sie wird mehr und mehr ersetzt durch Beliebigkeit.
    Vor solchen Medien ist mir nicht nur desegen angst und bange.
    Ändern könnten diesen Zustand nur die Leserinnen und Leser und die Nutzer der Medien.
    Leider sind viele von ihnen wohl schon zu sehr eingelullt, als das sie noch etwas merken und die Alarmglocken bei ihnen zu schrillen beginnen. Und viele der jungen Menschen kommen ja - so sie nicht selbst das Interesse dazu bringt - kaum mehr noch mit klassischen Journalismus in Kontakt.
    Wenn’s so weiter geht, ist wohl irgendwann der Zustand der perfekten Verdummung eingetreten. Und die Diktatur des Geldes kann erst recht schalten, wie sie will.
    In Sachen Manipulation ist eben der Kapitalismus wirklich dem gewesenen so genannten Sozialismus um Längen überlegen. Wie stümperhaft und leicht durchschaubar war doch des letzteren Agitation.
    Aber vielleicht merken ja - um wieder auf den Journalismus zurückzukommen - die Leserinnen und Leser doch irgendwann einmal auf. Und finden heraus, dass ihnen an ihrer Presse etwas fehlt. Wie sagt man in Österreich so schön: Nix is fiix…

  4. Heinz-Peter Tjaden

    am 7. März 2007 um 11:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Die Zeitungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine spannende Geschichte. Am Anfang waren Berufsverbote für die Verleger, die in ihren Blättern Hitler zugejubelt hatten. Eine neue Verlegergeneration krempelte unter schwierigen Bedingungen die Ärmel auf und bekam 1949 einen Kinnhaken. Die Altverleger kehrten zurück und nutzten ihren Wettbewerbsvorteil. Und dann war da noch jener Pressezar, der meinte, dass die Leute alles wollen, nur nicht denken. Das Ergebnis: eine Zeitung mit vier großen Buchstaben.
    Wir haben 2004 in Wilhelmshaven versucht, eine Printaltenative auf den Markt zu bringen. Darauf reagierte der örtliche Zeitungsverlag mit der Sofortgründung einer Konkurrenzzeitung, die von uns gefertigte Anzeigen stahl und einige meiner Ideen abkupferte. Gegen die üblen Methoden konnten wir uns nur ein halbes Jahr wehren, dann mussten wir die Segel streichen.
    Ich habe dazu auf http://behoerdenmuehlen.beeplog.de Einiges veröffentlicht. Der örtliche Zeitungsverlag reagierte nicht - wie sonst - mit Klageandrohungen…

  5. jc

    am 7. März 2007 um 17:54 Uhr | Link | Kommentar melden

    Buhu, früher war alles besser und aus Holz: Auf Tarifverträgen sanft gebettet sassen statusgeile, selbstverliebte und -bezogene Mimosen auf ihrem Thron und gaben die grossen Weltverbesserer und -erlöser. Schliesslich hielten sie DEN EINEN Schlüssel in der Hand - nur sie bestimmten, was in den Medien thematisiert wird und was nicht. Jetzt, da es ihnen allen an die fetten Pfründe geht, hört man nichts als wehleidiges Klagen. Keine neuen Konzepte, nichts. Doch halt, nicht alle jammern. Noch gibt es sie ja, die Journalisten, die fern der Kundenbedürfnisse in ihrem Elfenbeinturm werkeln dürfen: Bei den Öffentlich-Rechtlichen.

    Und noch was, als Schweizer: Kaum etwas hat die verkrustete Medienszene der Schweiz derart aufgerüttelt wie die neuen Gratiszeitungen. Da ist nichts mit “versinken”. Wieso eigentlich wurde dieser Teil des Artikels, den ich doch irgendwo schon einmal gelesen habe heute, verändert? Passte das nicht ins Konzept?

  6. Peter Messner

    am 8. März 2007 um 12:37 Uhr | Link | Kommentar melden

    Sehr geehrter Herr Olschewski,

    ganz herzlichen Dank für die plastischen Schilderungen und guten Analysen in Ihrem Beitrag! Ich war so frei, ihn im RZblog aufzugreifen und auf die Verhältnisse bei der Koblenzer Rhein-Zeitung zu münzen.

    Mit kollegialem Gruß

    Peter Messner

  7. Ernst Probst

    am 9. März 2007 um 11:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    Danke für Ihren sehr lesenswerten Artikel! Ich bin heilfroh, nicht mehr als Zeitungsredakteur arbeiten zu müssen.

  8. Readers Edition » Intern: Rückblick auf Workshop bei RE

    am 9. März 2007 um 16:20 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Letzterer soll an dieser Stelle noch einmal extra gewürdigt werden, denn mit seinen hervorragenden Artikeln bereichert er schon seit längerer Zeit die Readers Edition. In “Die Heuschreckenpresse” machte sich Olschewski zuletzt Gedanken über Outsourcing, Gratisblätter, die zunehmende Konkurrenz im Internet und den damit verbundenen Schwund lokaler und regionaler Abonnentenzeitungen. “Irans Gegenschlagskapazität” oder “Die Lobby der Kriegstreiber” sind weitere besonders lesenswerte außenpolitische Texte. […]

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