Ruanda – dort geht die Post ab

Die Erwähnung von Ruanda löst immer Erstaunen aus. Der Einsatz für dieses Land stößt auf Befremden. Ruanda: ist das nicht Afrika, wo sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen? Unmöglich scheint es zu sein, sich Ruanda als ein Land in gezieltem Aufschwung, ja als afrikanische Nation auf dem Weg ins

Kinder_Sw_Kopie.jpgDie Erwähnung von Ruanda löst immer Erstaunen aus. Der Einsatz für dieses Land stößt auf Befremden. Ruanda: ist das nicht Afrika, wo sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen?

Unmöglich scheint es zu sein, sich Ruanda als ein Land in gezieltem Aufschwung, ja als afrikanische Nation auf dem Weg ins 21. Jahrhundert vorzustellen. Trotz aller Unkenntnis und Vorurteile macht Ruanda enorme Fortschritte beim Aufbau einer modernen auf Wissen basierenden Wirtschaft besser noch einer Gesellschaft.

Warum setzt man hier auf Internet?

Kenner Ruandas (Weltbank, Uno, Hilfsorganisationen) sehen in Ruanda das kommende “Silicon Valley Ostafrikas“. Die Zweifler betrachten diese Bewertung als krasses Fehlurteil, da gerade in dieser Region alles falsch gelaufen ist, was nur möglich war. Was sollte gerade in Ruanda zum totalen Umschwung führen?
Das Geheimnis liegt in dem von der Politik und der Gesellschaft getragenen Masterplan, der VISION 2020. Danach wird die Wirtschaft auf der Basis der IT (Informations Technologie) konkret und für alle nachvollziehbar systematisch aufgebaut. Mit großem Engagement wird der Agrarstaat in eine kreative, wettbewerbsfähige Wissensgesellschaft umgebaut.

Diese weitsichtige Planung und Vorgehensweise in der Dritten Welt zeugt von dem erforderlichen Selbstvertrauen und findet entsprechende Anerkennung und Unterstützung in der Ersten Welt.
Bei einem Entwicklungsland wie Ruanda, das nahe dem Nullpunkt starten muss, ergibt sich natürlich die Frage: “Warum setzt man ausgerechnet hier auf INTERNET und IT?“

Lehrerausbildung, Fachleute und Computer

Ruanda ist ein Binnenstaat mit Landwegen von 1.500 km zum Indischen Ozean und 2.300 km zum Atlantischen Ozean. Eine Eisenbahnverbindung (Zugverbindung) gibt es nicht. Die Infrastruktur in den Nachbarländern ist dürftig. Die Sicherheitslage in den Grenzgebieten zu Burundi und der Kongo Republik ist bedenklich. Die Flugverbindungen zwischen der Hauptstadt Kigali und Nairobi als nächstem internationalen Handelsplatz sind fast die teuersten bezogen auf den Flugkilometer. Die Rohstoffvorkommen sind allein wegen geringer Größe und Mächtigkeit zu vernachlässigen. Aus dieser Sicht ist der Aufbau einer Wissensgesellschaft logisch, konsequent und erforderlich.

Die Umsetzung der VISION 2020 begann mit massiver Lehrerausbildung und parallel mit dem Schulbau sowie der Ausstattung von Lehrern und Einrichtungen. Die Eröffnung (1997) des Institutes für Wissenschaft und Technik in Kigali (KIST) war ein entscheidender Schritt in der Ausbildung benötigten Fachpersonals. Zwischenzeitlich wurden Tausende von Fachleuten ausgebildet und KIST ist heute eine anerkannte wissenschaftliche Adresse in der Biogastechnik und für erneuerbare Energien. Heute sind darüber hinaus 1200 Primary Schools (Secondary Schools und Universitäten nicht mitgerechnet) mit Computern ausgestattet.

Über dem afrikanischen Durchschnitt

Das ruandische Erziehungsministerium hat im Dezember 2006 landesweit 4.000 weitere Computer den Secondary Schools zugeteilt. Gleichzeitig wurden in Kigali Dutzende öffentlich zugängliche Internet Cafes eröffnet. Dies sind sehr wichtige Einrichtungen, da sie die Bevölkerung zwanglos über Dinge des Alltagslebens in das IT-Geschehen einbinden. Die zu beobachtende Wissbegierde und der gezeigte Lerneifer überzeugen auch Zweifler, dass Ruanda auf dem richtigen Weg ist.

Der Staatshaushalt 2006 enthält $ 1 Mrd. für den Ausbau, die Instandhaltung der IT-Infrastruktur und die Schulung des erforderlichen Personals. Die Nutzung der Mobile Phones ist ohne schwarze Löcher im Lande möglich. Die Landbevölkerung hat über das dichte Netz von Telecentern auch Zugang zum Internet, wovon die Händler und die Geschäftswelt direkt profitieren. Diese Investitionen kommen aus einem Staatshaushalt, der sich mit 1,6% des Bruttosozialproduktes auf Wissenschaft und IT konzentrierte. Ruanda steht mit dieser Investitionsgröße auf einer Stufe
mit den OECD Staaten und weit über dem afrikanischen Durchschnitt von 0,5% des BSP.

Angewiesen auf Hilfe

Trotz dieser wirtschaftlichen Anstrengungen und Erfolge ist Ruanda auf seinem Weg ins 21.Jahrhundert weiterhin auf Hilfe im großen Rahmen angewiesen. Allein die Weltbank hat in 2006 $ 30 Mio. in den IT-Sektor direkt wie indirekt investiert.
Der zuständige Minister für Energie und Kommunikation machte deutlich, dass aufgrund der neuen Einrichtungen Schwierigkeiten in der Logistik behoben wurden, die Kommunikation in allen Landesteilen beschleunigt wurde und jetzt über Video-Konferenzen mit den einzelnen Distriktbehörden verkehrt wird. Ziel war es, die Arbeiten in der Hauptstadt sowie in den Distriktverwaltungen ohne Reisetätigkeiten zu erledigen.

Die elektronische Verwaltung erspart Zeit, grenzt die Verantwortungsbereiche eindeutiger ab, schafft Effektivität und Transparents, senkt die Verwaltungskosten und macht eine genaue Datenerfassung erst möglich.
Ruanda hat durch IT das gesamte geschäftliche Umfeld auf internationalen Standard angehoben, so dass Geschäfte und Investitionen in einem sicheren, offenen und freundlichen Klima abgewickelt werden. Für die gelungenen Reformen wurde das Land in 2006 im Jahresbericht der Weltbank exemplarisch herausgestellt.
Um Geschäftsgründungen zu erleichtern und zu beschleunigen wurde die Anzahl der Notare drastisch erhöht. Die Gründungsphase wurde dadurch von 21 Tagen auf 16 Tage verkürzt. Schon in 2005 wurde die gewerbliche Einkommenssteuer von 35 auf 30 gesenkt. Nach Regierungsangaben ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen.

Förderung durch die Weltbank

Internationale Investoren reagieren heute schon auf die positive Entwicklung. TERRACOM installierte das drahtlose Breitband-Internet in Kigali. MICROSOFT baut mehrere Schulungscenter. NOKIA versorgte die Landbevölkerung mit Telefonprogrammen. Das Jahr 2007 startete mit dem spektakulären Vertrag mit der OLPC (one laptop per child). Die TERRACOM verlegt in 2007 mehr als 350 km Glasfaserkabel. Ruanda wird dadurch zum dichtest verkabelten Land in Afrika. Als Beweis dieser günstigen Position wurde Ruanda von maßgeblichen afrikanischen Staaten für den Hauptsitz der Verwaltung EASSY (East African Submarine Cable Project) einstimmig ausgewählt. In diesem $ 280 Mio. Projekt sind Botswana, Kenya, Lesotho, Ruanda, South Afrika und Tansania zusammengeschlossen und Ruanda wird den Vorsitz bei der Abwicklung einnehmen.

Ruanda geht den eingeschlagenen Weg nicht isoliert, für 2009 sind 100 ICT-Stipendien für Studenten aus Ost- und Zentralafrika ausgeschrieben. Die Führungsrolle des Landes in Ostafrika wird hiermit konkret weiter untermauert. Auch The Economist bestätigt, dass Ruandas Erfolg nicht auf Geheimnissen beruht, sondern dass Ergebnis einer konsequent umgesetzten Vision ist. Ruanda wird mit dieser Vorgehensweise ein Beispiel dafür sein, dass und wie die von der UN gesetzten Jahrtausendziele von einem der ärmsten Entwicklungsländern erreicht werden können. Die Vereinfachung des Handels mit dem Binnenstaat, die Beschleunigung der Ex- und Importe, einschließlich verlässlicher Zollabwicklungen schlagen sich heute schon im Investitionsklima der Region (Uganda, Kenya, Tanzania) nieder. Hiermit werden auch die Grundvoraussetzungen für eine verstärkte Förderung durch die Weltbank erfüllt.

Globale Entwicklungshilfe verdoppeln

In Ostafrika, wo so vieles fehl gelaufen ist, demonstriert Ruanda exemplarisch, was durch Konzentration auf IT und konsequente Umsetzung der VISION 2020 geschafft werden kann. Ruanda ist ein Modell für den Wiederaufbau einer total kriegsgeschädigten Nation.
Zur objektiven Beurteilung der geschilderten Situation trägt am besten ein Wort des ehemaligen UN Generalsekretärs Kofi A. Annan bei:

“Wir haben Zeit, die Jahrtausend Ziele zu erreichen – weltweit und in den meisten oder sogar in allen Einzelstaaten – allerdings nur, wenn wir von dem normalen Geschäftsgebaren abweichen. Wir können nicht über Nacht gewinnen. Der Erfolg erfordert nachhaltiges Handeln während der gesamten Dekade, von heute bis zur Ziellinie. Wir benötigen Zeit, Lehrer, Krankenpfleger und Ingenieure auszubilden, Straßen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen, kleine und große Geschäfte zu starten, um Arbeitsplätze und Einkommen zu schaffen. Deshalb müssen wir jetzt und sofort beginnen. Vor allem müssen wir die globale Entwicklungshilfe während der nächsten Jahre mehr als verdoppeln. Nichts anderes wird uns helfen, die Ziele zu erreichen.“

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