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Bauen am Menschen vorbei: Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

- Plattenbau; Photo: martinroell (www.flickr.com)
Die Architektur des letzten Jahrhunderts hat uns im Großen und Ganzen eine Bausubstanz hinterlassen, die anders als die Bauwerke früherer Jahrhunderte kaum erhaltenswert ist. Es sind nur wenige Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Hierzu gehört auch, dass falsch verstandene Bauhauskultur millionenfach unansehnliche Wohnklötze in die Landschaft gestellt hat, beileibe nicht nur in der DDR.
Schlimmste Blüten hat diese Unkultur in Frankreich getrieben. Unakzeptierte Bauwerke haben einen sehr nachteiligen Einfluss auf die Menschen, die mit ihrem Anblick ständig konfrontiert werden. Die Wirkung ist vergleichbar mit störendem Lärm, gegen den man sich auch schlecht wehren kann. Winston Churchill sagte: “We give shape to our buildings and they, in turn, shape us.“ (”Wir geben unseren Gebäuden die Form und dann, andersherum, formen sie uns.”) Besonders die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ist geprägt von den Hinterlassenschaften Abertausender von Architekten, die nicht gelernt haben, die Lebensinteressen der Bauherren und der mitbetroffenen Öffentlichkeit gründlich zu ermitteln, bevor sie ans Zeichenbrett gehen.
Bestandsaufnahme
Solange nicht die wahren Ansprüche der Bürger an die bebaute Umwelt erfasst und verstanden sind, werden natürlich Gesetzgeber und Bauverwaltung die Bauwilligen immer wieder veranlassen, weiter am falschen Ort und auf die falsche Weise zu bauen. Die nachfolgende Liste mit Fehlern, Bausünden, Unbedachtheiten und Gemeinheiten der Architektur der letzten Jahrzehnte kann gewiss Jeder leicht verlängern. Unsinnige Festlegungen durch gleichfalls nicht an den wahren Bedürfnissen der Bürger orientierte Bauplanung verschlimmern die Ergebnisse:
1. Es werden Wohntürme gebaut, in denen die Menschen dicht auf dicht und ferner der Natur leben müssen.
2. Wohnhäuser werden direkt an laute stark befahrene Straßen gestellt.
3. Ganze Ortsteile, die stark von Autobahnen und Schnellstraßen betroffen sind, werden immer weiter ausgebaut.
4. Häuser werden ohne Rücksicht auf die Himmelsrichtung entlang Baulinien errichtet, die dem wild gewachsenen Verlauf der Straßen folgen. Die Errichtung von Häusern im ruhigeren Rückraum der Grundstücke wird regelmäßig untersagt.
5. Wohngebiete werden auf der grünen Wiese ausgewiesen, von denen aus allenfalls ein paar Mal am Tag ein Bus ins nächste Einkaufszentrum und zu den Schulen fährt.
6. Häuser werden mit nach Norden gelegenen Balkonen gebaut.
7. Balkone werden so schmal gebaut, dass man allenfalls einen Stuhl dort hinstellen kann oder selbst das nicht.
8. Balkone werden direkt an lauten Straßenfronten gebaut.
9. Hauseingänge werden nicht überdacht.
10. Hausflure werden so schmal gebaut, dass kein kompletter Kleiderschrank, geschweige denn ein Klavier, hindurch kann.
11. Einkaufszentren werden ohne durchgehenden Regenschutz zwischen benachbarten Häusern gebaut.
12. Geschäftszentren, öffentliche Gebäude und Bürgerhäuser werden so gebaut, dass sie sich nach außen verschließen und kaum natürliches Licht erhalten.
13. Wege zwischen Gebäuden erhalten künstliche Umwege, die jeden Benutzer stören.
14. Wohnhäuser werden in Reihe nebeneinander gesetzt statt sie gegeneinander zu versetzen um die Privatheit der Einzelnen zu verbessern.
Architekten orientieren sich einseitig an der Technik, zu wenig an den Bedürfnissen der Bauherren und der Allgemeinheit
Die RICHTLINIE DES RATES der Europäischen Union vom 10. Juni 1985 “für die gegenseitige Anerkennung der Diplome, Prüfungszeugnisse und sonstigen Befähigungsnachweise auf dem Gebiet der Architektur und für Maßnahmen zur Erleichterung der tatsächlichen Ausübung des Niederlassungsrechts und des Rechts auf freien Dienstleistungsverkehr (85/384/EWG)” bestimmt in Artikel 3:
„Die zu den Diplomen, Prüfungszeugnissen und sonstigen Befähigungsnachweisen nach Artikel 2 führenden Ausbildungen müssen durch einen Unterricht auf Hochschulniveau erfolgen, der hauptsächlich auf Architektur ausgerichtet ist. Dieser Unterricht muss die theoretischen und praktischen Aspekte der Ausbildung des Architekten in ausgewogener Form berücksichtigen und den Erwerb folgender Kenntnisse und Fähigkeiten gewährleisten:
…5. Verständnis der Beziehung zwischen Menschen und Gebäuden sowie zwischen Gebäuden und ihrer Umgebung und Verständnis der Notwendigkeit, Gebäude und die Räume zwischen ihnen mit menschlichen Bedürfnissen und Maßstäben in Beziehung zu bringen;
6. Verständnis des Architekten für seinen Beruf und seine Aufgabe in der Gesellschaft, besonders bei der Entwicklung von Entwürfen, die sozialen Faktoren Rechnung tragen; …
10. die erforderlichen Fähigkeiten der Gestaltung, die notwendig sind, um den Bedürfnissen der Benutzer eines Gebäudes innerhalb der durch Kostenfaktor und Bauvorschriften gesteckten Grenzen Rechnung zu tragen; … ”
Damit sind die Ziele der Archtitekturpsychologie beschrieben.Um zu verstehen, was von der Architektur im vergangenen Jahrhundert erwartet werden konnte, muss man sehen, was die Architekten in ihrer akademischen Ausbildung mitbekommen haben. Die Studiengänge sind seit Ende des II. Weltkrieges praktisch nicht verändert. Ein typisches Beispiel ist der Studienplan Architektur an der RTHW Aachen.
Die oben genannten, in der RICHTLINIE DES RATES der Europäischen Union festgelegten Anforderungen - die “menschlichen Bedürfnisse”, die “sozialen Faktoren” und die “Bedürfnisse der Benutzer” - werden im ganzen Studium hier allein im 6. Semester in 5 Wochenstunden abgehandelt. Ein paar Stunden der Gesamtstudienzeit bleiben für die Möglichkeiten der Gestaltung und für Baugeschichte/ Architekturtheorie. Der ganze Rest des Studiums betrifft die Technik der Baukörper und andere naturwissenschaftliche Dinge, allenfalls noch Fragen der Rechtspraxis.
Bei dieser Stoffauswahl verwundert es nicht, dass der Gesetzgeber vor Jahrzehnten mit einem Streich aus Hunderttausend schlichter Bauzeichner “richtige” Architekten machen konnte ohne dass die neuen Architekten groß negativ aufgefallen wären.
Die Architekturpsychologie führt ein Schattendasein
Über Architekturpsychologie wird zwar schon seit ein paar Jahrzehnten gesprochen, die Forschung kümmert aber dahin. Immerhin sind in Deutschland ein paar hauptamtliche Wissenschaftliche Assistenten schwerpunktmäßig am Thema dran, u.a. der Diplom-Psychologe Dr. phil Riklef Rambow von der BTU Cottbus und die Diplom-Psychologin Dr. Rotraut Walden von der Universität Koblenz. Letztere befasst sich in ihren Forschungsarbeiten mit der Entwicklung von Schemata und Erhebungsinstrumenten zur Beurteilung von Büros, Wohnungen, Schulen, Universitäten und Krankenhäusern. Sie legt u.a. Wert auf die farbenpsychologische Wirkung der Gestaltung von Innenräumen und Fassaden. Einen Lehrstuhl für Architekturpsychologie gibt es nicht. Beide Wissenschaftler, die international hohe Anerkennung genießen, wären bestens geeignete Anwärter.
Schon 1965 kritisierte Alexander Mitscherlich die “Unwirtlichkeit unserer Städte.” Manche haben damals sein Unbehagen an der Nüchternheit der Nachkriegsbauten gar nicht verstanden. Heute hat der Exodus aus den ersten Wohnhochhäusern bereits begonnen, weil der Wille allgemein ist, nicht nur ein Dach über dem Kopf zuhaben, sondern sich mit seinen Wohnräumen und dem Umfeld in dem man lebt, identifizieren zu können. Gelingt dies Vielen nicht, entwickeln sich soziale Störungen, Gettos und Kriminalität.
Sinnigerweise hat kaum jemand ein Problem damit, sich in alten Gemäuern aus früheren Jahrhunderten, aber auch aus der Zeit vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wohl zu fühlen. Im Bewohnen solcher Häuser geht einem aber auch die Aufmerksamkeit der damaligen Archtitekten gegenüber den zu erwartenden Lebensabläufen auf, die in den späteren Zweckbauten so stark vermisst wird.
Es ist aber nichts so schlecht, dass es nicht noch Nachahmer fände. China ist gerade dabei, die größten Bausünden unserer Welt zu wiederholen, dies sogar auf geradezu bombastische Weise bei den Wohn- und den Geschäftshaustürmern in allen großen Städten des Landes.
Photo Quelle/ Copyright: martinroell, cc creative commons
Attribution-ShareAlike 2.0 (via flickr)











Hein, Udo
Leider entspricht vieles den Gegebenheiten. Die Gründe sind vielfältig. Da meist die “Wirtschaftlichkeit” im Vordergrund steht, hat der kurzeitige Erfolg die Oberhand.
Architekten begreifen sich im Baugeschehen oft allen anderen Beteiligten überlegen und werden selten auf en “Teppich” geholt - der nächste Auftrag wäre ja dann in Gefahr. Ich selbst habe nach konstruktiven Vorschlägen als Ingenieur (Tragwerksplanung) den Vorwurf gehört - wer ist hier eigentlich der Architekt !?
Aufwendigere Architektur wird offensichtlich durch die Honorarordnung nicht ausreichend erfasst - der BAUHERR schielt nur auf den Preis und deshalb gibt es auch in Köln bekannte Verunstaltungen in neuerer Zeit. Hin und wieder überzeugt aber auch ein Bauwerk und läßt die “Handschrift” des Entwurfverfassers erkennen.
Damian
Die 1970er-Jahre (auch die Betonästhetik genannt ;o) finde ich ganz schlimm, da wurde alles zubetoniert, Wohnsilos gebaut. Man kann sagen, dass die 70er in jeglicher Hinsicht das hässlichste Jahrzehnt waren.
Leider gibt es in Köln sehr viele dieser Bausünden aus der Nachkriegsära, die Domplatte usw. Berlin hat mit seinem Potsdamer Platz schnell zu London, New York und Paris aufschließen wollen, die Architektur sieht wie alle 1990er-Gebäude aus, bereits jetzt finde ich vieles davon als Abrissreif, man wollte vieles in kurzer Zeit das zum damaligen Zeitpunkt vielleicht hip war (wie die Love Parade oder das Arschgeweih) und nun keiner mehr haben möchte. Die Fehler werden immer wieder gemacht, in 100 Jahren wird man über den hässlichen Potsdamer Platz nur noch den Kopf schütteln, wenn davon überhaupt noch was steht (siehe Hbf Berlin, was für’n ästhetischer Unfall ;o)
Rolf Ehlers
@Damian: Du sprichst mir aus der Seele. Als ich letztes Jahr erstmals den neuen Postdamer Platz sah - und die leere Region vom Brandenburger Tor über den (schönen) Reichstag bis zum Halleschen Bahnhof hatte ich Bedenken, meinem Gefühl nachzugeben, das mir sagte, dass da doch gar kein Leben herrscht.
Dein Hinweis auf die Betonästhetik stimmt auch. Ich habe viele Jahre an der Ruhr-Universität in Bochum gearbeitet. Die dortigen gewaltigen Betonkomplexe , die schon in den 60er Jahren errichtet wurden, haben das was man an Räumen in einer Universität so braucht. Aber abstoßender geht es einfach nicht. Waschbeton (der zudem stetig bröselt seit er dahingeklotzt wurde) hat eben praktisch gar keinen
“Identifizierungsfaktor.” Etwa so viel wie die bei Architekten lange so beliebten Waschbausteiene im Wohnungs- und Eigenheimbau.
paule
Wie der Artikel schon darstellt, die dynamische etwas zeitversetzte Rückwirkung der Architektur auf den Menschen ist ein Element der steigenden Destruktivität der Menschen. Würde man mit der Energie die für diverse Medienverbote und andere Maßregelungen drauf geht, die Erlebniswelten auch der armen Menschen verbessern, wäre viel mehr gewonnen, als mit schimpfenden Überwachungskameras. Vielleicht könnte sogar die Resignation durchbrochen werden.
Als praktisch denkender Mensch frage ich mich in dem Zusammenhang, warum bauen diese arbeitslosen Menschen nicht einfach ihre Wohnungen neu. Langfristig dürfte das den Kommunen billiger kommen als mit unseren Steuergeldern die Rentenkassen der angloamerikanischen Lebensversicherer zu füllen, die die meisten dieser Wohnsilos mittlerweile besitzen.
Die RuhrUni mag aus der Vogelperspektive grauenhaft sein, aus der Erlebnisperspektive der Studenten und meisten Benutzers ist sie heute weit weniger dramatisch als viele andere zeitgenössische Zweckbauten und Wohnburgen mit “gehübschten” Fassaden. Abgesehen natürlich vom Parkhaus das mutige Architekten erfordert um den Angstraumcharakter zu verlieren. Aber das ist ein generelles Parkhausproblem.
Helmut Michael Wilmes
In den Bausünden-Katalog Deutschlands müssen auch die Privatbauten der vergangenen zwanzig Jahre aufgenommen werden: Man findet z.B. an den Rändern gewachsener, leider durch verbreiterte Straßen und Discountläden oft auch im Zentrum verunstalteter Dörfer Neubaugebiete, die eine kleine “Weltreise” ermöglichen. Dort reihen sich kanadische Blockbohlenhäuser, pseudotoskanische Landhäuser, neogermanische Spitzdachbauten, sogar futuristische Designerhäuser in, im wahren Sinne bunter Folge aneinander ohne Rücksicht auf ein harmonisches Gesamtbild, geschweige denn auf die umgebende Landschaft. Individualismus mag angesagt sein und in gewissem Maße durchaus berechtigt, wenn er aber zu einem architektonischen Wildwuchs führt, dann ist eine Grenze überschritten. Warum kann man nicht eine einheitliche Bauform vorschreiben - etwa zumindest im Süden Deutschlands mit mediterran-arabischen Stilanleihen, welche angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels angezeigt sein müssten - und die Häuser im Detail dennoch individuell ausgestalten? Innenhöfe, strenge Außenfassaden, rote Dacheindeckung, Alkoven bzw. Balkone nach Westen, dem Sonnenuntergang zu ausgerichtet, Siedlungen nicht an stark befahrenen Straßen, möglichst nicht in engen Flusstälern usw. usf., all dies gäbe unserer Architekturlandschaft ein harmonisches, menschengerechtes, lebenswertes Bild. Wer z.B. griechische oder spanische, auch mittel- und süditalienische Dörfer und kleine Städte kennt, weiß was ich meine. Selbst im süd-östlichen Frankreich - etwa im Beaujolais - finden sich bereits sehr anschauliche Beispiele für schöne dörfliche und kleinstädtische Privatarchitektur.