Ihre Geschichte klingt einzigartig und doch steht sie für das Schicksal, welches ein ganzes Volk unter der Herrschaft Stalins erleiden musste. Sandra Kalniete erzählt die Geschichte ihrer Familie und die Geschichte Lettlands.
„Antisowjetische Elemente“
Es ist der 14. Juni 1942, als es an der Tür von Familie Dreifelde klopft. Es bleiben nur wenige Minuten Zeit, ein paar Sachen zu packen, bevor die Familie wie weitere 34.250 „antisowjetische Elemente“ in die Deportationszüge Richtung Sowjetunion gepfercht wird. Wenig später werden Mutter und Tochter von ihrem Ehemann und Vater Janis Dreifelde getrennt, welcher kurz darauf in einem Gulag an Entkräftung sterben sollte.
Kurze Freiheit
Nach tagelangen Irrfahrten und Zwischenaufenthalten in den berüchtigten Todeslagern der Sowjetunion, gelangen die beiden Frauen nach Petropawlowka, im sibirischen Tomsk. Vollkommen auf sich allein gestellt, werden sie ohne Behausung und Kleidung in einer der sogenannten Sondersiedlungen zurückgelassen. Hunger und die tödliche Kälte Sibiriens bestimmen den Alltag der Frauen, doch Ligita Dreifelde, die einzige Tochter des Hauses, bekommt die Gelegenheit, auf Grund einer Lockerung der sowjetischen Verwaltung, in ihre Heimat zurück zu kehren. Die neu gewonnene Freiheit währt jedoch nicht lange und so befindet sich Ligita Dreifeld, ebenso wie etwa 43.000 weitere Letten und ihr späterer Ehemann Aivars Kalniete und dessen Mutter, nach etwas mehr als anderthalb Jahren zum zweiten Mal auf dem Weg in die sibirische Verbannung.
Rückkehr nach Lettland
Die Eltern der Autorin lernen sich wenig später in der Sondersiedlung Tomsk kennen und heiraten. Durch harte Arbeit und Ausdauer schaffen sie es, ein für die sibirischen Umstände wohlhabendes Leben zu führen. Sie bauen ein Haus, in dem das Ehepaar mit Aivars Mutter Milda lebt, und im Jahr 1952 bekommen sie ihr erstes und einziges Kind, Sandra Kalniete. Erst im Mai 1957 kann die Familie aus der Verbannung nach Lettland zurückkehren.
Hintergründe der Deportationsgeschichte
Sandra Kalniete ist mit ihrem Buch „Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee“ zwar keine literarische Meisterleistung gelungen, aber das muss dieses Buch auch gar nicht sein. Schritt für Schritt hilft es dabei, die lettische Geschichte der 50er Jahre anhand von persönlichen Erinnerungen und sorgfältig aufbereitetem Archivmaterial besser zu verstehen. Ein Stammbaum der Familien und Photographien der Angehörigen vermitteln ein Bild von den beschriebenen Personen und dienen dem Leser außerdem zum nochmaligen Nachschlagen der Familienverhältnisse. Ebenso hilfreich sind die über 280 Anmerkungen, die über historische und politische Vorgänge informieren und für den nicht auf die baltische Geschichte spezialisierten Leser von essentieller Bedeutung sind, um die politischen Hintergründe der Deportationsgeschichte zu verstehen. Sandra Kalniete gelingt es nicht nur, das Leben in Gefangenschaft realistisch zu beschreiben, sondern dieses außerdem mit dem welthistorischen Geschehen der 50er Jahre zu verknüpfen.
Rationell, aber auch gefühlvoll erzählt sie so eine Geschichte, die bewegt – Letten, Deutsche, Russen und alle, die gegen das Vergessen kämpfen.
Sandra Kalniete, 1952 geboren, war 1990 im Unabhängigkeitskampf Lettlands aktiv und führte als Außenministerin ihr Land in die EU. 2002 – 2004 war sie Außenministerin, bis sie 2004 zur lettischen EU-Kommissarin ernannt wurde.
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag
EUR (D) 8,95
ISBN: 3-426-77890-4
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